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Villingen-Schwenningen "Man muss schon viele dicke Bretter bohren"

Von
Der Doppelstädter Marcel Klinge in Aktion im Bundestag in Berlin. Foto: Schwarzwälder Bote

Schwarzwald-Baar-Kreis. Für Marcel Klinge, den FDP-Bundestagsabgeordneten in der Region, ist es die erste Amtszeit in Berlin – und gleich eine denkbar spannende. Warum, das erzählt er im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten.

Herr Klinge, Ihre erste Periode als Abgeordneter in Berlin läuft. Wie war’s bislang?

Unglaublich spannend und interessant. Die letzten vier, fünf Monate waren auch die arbeitsintensivsten. Die Tourismuswirtschaft liegt am Boden und die Bundesregierung hat viel Zeit verplempert und Hilfen erst sehr spät auf den Weg gebracht. Auch der Außenminister hat mit den Reisewarnungen für viel Verunsicherung gesorgt und den Restart der Branche erschwert. Ich habe sehr viele Demos besucht, Gespräche geführt und bekomme mittlerweile so viele E-Mails und Kontakte aus der ganzen Branche – Reisebüros, -veranstalter, Busunternehmer. Sie alle kämpfen ums Überleben und brauchen nachhaltige Hilfe. Das ist herausfordernd, arbeitsintensiv und liegt mir wirklich sehr am Herzen. Ich will mit einer guten Arbeit in Berlin für diese tolle und wichtige Wirtschaftsbranche etwas bewegen. Denn ohne sie wäre unser Leben nicht das gleiche.

Kann man das wirklich – etwas bewegen?

Ja! Beim Konjunkturpaket zum Beispiel haben wir reinverhandelt, dass die Reisebüros ihre Provision über die Soforthilfen zumindest zum großen Teil erstattet bekommen. Hätten wir da zusammen mit der Branche nicht so großen Druck gemacht, wäre das, glaube ich, nicht reingekommen. Man muss schon viele dicke Bretter bohren. Aber da bleibe ich hartnäckig und motiviert: Es lohnt sich, jetzt nochmal vier Jahre weiterzumachen.

Sie sehen also ein direktes Ergebnis ihrer Arbeit?

Mittlerweile ja. Es sind kleine Stellschrauben. Es sind kleine Stellschrauben. Aber gerade am Beispiel der Reisebranche haben wir die Regierung wirklich dazu gedrängt, Vorschläge von uns oder der Branche inhaltlich zu übernehmen. Bei den Reisebüros waren es die Provisionen. Auch im Bereich Bürokratieabbau waren wir mit unserem Einsatz für den digitalen Meldeschein erfolgreich. Manchmal sind es genau diese Dinge, die vielen, vielen Menschen in unserem Land helfen.

Das klingt so einfach....

Ist es aber nicht. Dem voraus geht das übliche Spiel: Die Opposition beantragt etwas, die Gegenseite findet die Idee vielleicht sogar gut, lehnt es aber ab – denn es kommt ja von der Opposition. Aber das konnten wir wenigstens ein bisschen aufweichen.

So sah sie also aus, die ganz normale Abgeordnetentätigkeit? Und dann kam Corona...

...und hat alles geändert. Ich war ja selbst erstmal in Quarantäne. Drei vier Tage lang habe ich es genossen, einmal zu entschleunigen. Danach aber setzte dieser Sturm ein, weil meine Branche, der Tourismus, so besonders betroffen war.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Wir haben gerade das Zehnfache an E-Mails, das Zehnfache an Anrufen. Wir waren parlamentarisch sehr aktiv, weil es wichtig war, die Anliegen der vielen Betroffenen ins Parlament zu tragen, Debatten zu beantragen, Anträge zu schreiben und die Regierung zum Handeln zu bewegen.

Tut man das nicht immer?

Nicht in diesem Ausmaß. Im Tourismus lief es eigentlich zehn Jahre lang supergut. Natürlich gab es hier auch vor Corona drängende Themen, wie Fachkräftemangel, Digitalisierung und überbordende Bürokratie. Von jetzt auf nachher wurde aber der Schalter umgelegt, und die ganze Branche war zum Stillstand verdammt.

Haben Sie Angst um die Betriebe?

(überlegt) Ja, ich glaube, unser erstes Ziel muss es sein, jetzt möglichst viele vor der Insolvenz zu schützen, die Insolvenzwelle rollt schon. Wir haben die Sommermonate, in denen das Geschäft wieder ein bisschen besser angelaufen ist, aber für mich ist die spannende Frage: Was ist im Herbst? Was ist, wenn eine zweite Welle kommt? Haben wir aus dem ersten Shutdown die richtigen Lehren gezogen? Wir müssen uns darauf konzentrieren, uns für diesen Fall der Fälle bestmöglich vorzubereiten. Sonst müssen wir wirklich befürchten, dass bei vielen Mittelständlern die Lichter ausgehen.

Sicherlich ist Corona gerade ein Schwerpunkt – aber wenn Sie drei Top-Themen für den Kreis benennen müssten. Welche wären es?

Die große Frage ist, wie wir aus dieser Wirtschaftskrise rauskommen, auch mit Blick auf die Automobilindustrie – da sind wir im Bereich Schwarzwald-Baar-Heuberg in besonderem Maße betroffen. Wir müssen da rauskommen, ohne in eine Dauersubventionsspirale zu gehen. Wir haben geholfen, und das war wichtig. Aber wir brauchen jetzt kluge, zukunftsfähige Ideen, die nicht so viel kosten. Schwerpunkt zwei ist natürlich, ganz konkret, wie schaffen wir es, dass die Wirtschaften, Reisebüros, Busunternehmen und dergleichen in der Region überleben? Wichtig ist eine stärkere Sensibilisierung für deren Anliegen in Berlin zu bekommen. Die Reisebranche hat nicht das große Standing in Berlin.

Und drittens?

Das Thema Digitalisierung! Uns wurde gezeigt, wo hier die Defizite liegen. Nur ein Stichwort: Schulen, digitale Bildung. Ich hätte mir gewünscht, dass wir statt der 300 Euro Kinderprämie pro Kind in der ersten Runde jedem Kind, auch aus sozial schwächeren Haushalten, ein Tablet besorgen, dass im Falle eines erneuten Lockdowns jeder versorgt ist. Ich habe von vielen Familien erfahren, in denen nur ein Laptop oder Tablet daheim ist, das die Eltern im Homeoffice nutzen mussten.

Ist Ihre Arbeit als Abgeordneter auch digitaler geworden?

Auf jeden Fall! Wir waren seit März komplett im Homeoffice. Unter meinen fünf Mitarbeitern sind vier Mamas, die waren natürlich in besonderem Maße betroffen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das muss man auch selbst vorleben als Abgeordneter und nicht immer mit dem Finger auf die Wirtschaft zeigen. Es ist eine große Herausforderung, aber es klappt wirklich gut!

Warum funktioniert das so einfach und an anderer Stelle scheint es so schwierig zu sein?

Wir waren vorher auch schon gut digital unterwegs – die Geräte waren vorhanden, wir kommunizieren schon lange viel übers Internet und machen viel papierlos.

Ein neuer, zukunftsfähiger Weg?

Sicherlich. Aber trotzdem war es einfach schön, als wir uns endlich wieder getroffen haben und wieder zusammen kreativ sein konnten.

So eine Tätigkeit funktioniert ja auch nicht ohne Präsenz. Oft hört man, Herr Klinge sei ja kaum noch da, sei meist in Berlin... Zerreißen Sie sich ein wenig zwischen Villingen-Schwenningen und Berlin, zwischen Gemeinderat, Kreis- und Bundestag?

Diesen Vorwurf muss sich jeder Abgeordnete ein Stück weit anhören – das habe ich auch schon über den Kollegen Frei gehört. Was viele nicht wissen: Wir haben ja die Hälfte des Jahres in Berlin Sitzungswochen und da muss man präsent sein. Das kann man für das Gehalt auch verlangen, das ist eine sehr intensive Zeit, in der man 80 bis 90 Stunden wöchentlich unterwegs ist. Die andere Hälfte des Jahres bin ich viel hier unterwegs.

Wo ist’s schöner?

Mir persönlich gefallen die Termine im Wahlkreis fast mehr.

Und wie sieht es beim Tourismusfachmann selbst mit Urlaub aus?

Ich habe für dieses Jahr nichts mehr geplant. Wir wollten mit der Familie über Ostern wegfahren, an die Ostsee, das ist ins Wasser gefallen. Aber hier kann man so schön ausspannen, wir leben in einer so schönen Region, wenn ich da mal drei, vier Tage Zeit habe, fahre ich an den Bodensee oder wir gehen wandern.

Und dann? Kurs in Richtung Wahlkampf?

Genau. Aber vorher müssen wir uns über das Wahlrecht Gedanken machen.

Warum?

Das muss reformiert werden. Aktuell würden wir bis zu 800 Abgeordnete bekommen im nächsten Deutschen Bundestag – wir sind jetzt schon das zweitgrößte Parlament der Welt, nach China. Ich finde das problematisch, wenn die Lage überall angespannt ist, vielfach Kurzarbeit herrscht, und wir uns so einen großen Bundestag leisten. Wir haben kaum noch Zeit, jetzt muss endlich Bewegung in das Thema kommen. Das wäre ein ganz starkes Signal, auch in die Bevölkerung hinein.

Haben Sie keine Sorge bei weniger Sitzen leer auszugehen?

Das kann immer passieren. Politik ist ein Job auf Zeit. Ich werde das auch nicht 20 Jahre lang machen. Aber hier geht es um die Glaubwürdigkeit von uns allen, man kann ja nicht nur an sich denken.

Jetzt wollen wir es aber wissen: Was würde Marcel Klinge tun, wenn er nicht mehr in den Bundestag gewählt würde?

Ich würde gerne mal etwas gründen. Ich habe zwei, drei Ideen, wo ich mich mit einer Gründung selbstständig machen würde und habe zwei, drei Leute am Start, mit denen ich das machen würde. Ich glaube, so etwas kann man nur erfolgreich machen, wenn man ein gutes Team hat. Wenn ich nicht mehr Politiker bin, werde ich unternehmerisch tätig sein.

Wir sind gespannt!

Das dürfen Sie sein....

Vielen Dank, Herr Klinge, für das interessante Gespräch.

nDie Fragen stellte Cornelia Spitz.

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