Die Landwirte machen sich immer sichtbarer mit ihren Protesten, wie beispielsweise mit dem Flashmob am Mittwochabend entlang der B 33. Foto: Eich

"Handel wälzt Risiko auf Erzeuger ab." Durchschnittlich 30 Prozent weniger Gewinn bei Milchviehhaltern.

Schwarzwald-Baar-Kreis - Am späten Mittwochnachmittag machten die Landwirte der Region auf ihre Probleme aufmerksam, mit einem so genannten Flashmob auf einem Feldweg zwischen Bad Dürrheim und Villingen. Andreas Schleicher beschreibt die Lage der Milchviehhalter.

Der Dauchinger Landwirt Andreas Schleicher, der zugleich stellvertretender Landesvorsitzender des Bund Deutscher Milchviehalter (BDM) ist, weist auf die niedrigen Milcherzeugerpreise hin, verbunden mit höheren Kosten für die Betriebsmittel und einem Rückgang der Gewinne. Rund 30 Prozent wurden im Schnitt ermittelt.

"Zu den schlechten Milcherzeugerpreisen kommen Preise für Kälber hinzu, die mit einem unteren Niveau von zehn Euro pro Kalb eine Katastrophe und Ausdruck völligen Werteverfalls sind", kritisiert Schleicher vehement. Im Wirtschaftsjahr 2018/19 lag laut Situationsbericht des Deutschen Bauernverbandes der durchschnittliche Gewinn der Milchviehbetriebe bei 66.600 Euro je Betrieb und bei 44.000 Euro je Familienarbeitskraft.

"Es treibt mich zum Wahnsinn, wie unverantwortlich mit der Darstellung dieser Zahlen umgegangen wird", ärgert sich Schleicher. "So wie das dargestellt wird, könnte beim weniger fachkundigen Leser dieser Zahlen der Eindruck entstehen, dass hier auf relativ hohem Niveau gejammert wird und dass dies ja gar nicht so schlecht ist, weil so mancher Beschäftigter in der gewerblichen Wirtschaft weniger verdient." Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Wirtschaftliche Schieflage

Von dieser Summe muss beispielsweise auch investiert werden. Von diesem betrieblichen Gewinn müssen betriebliche Darlehen getilgt werden unter anderem für Investitionen, die bei den Milchviehbetrieben schnell in die Millionenhöhe gehen können. Außerdem müssten davon Rücklagen gebildet werden für Ersatz- und Neuinvestitionen, eine adäquate Alterssicherung müsste aufgebaut werden, das eingesetzte Kapital sollte verzinst werden und es müssten Reserven gebildet werden können, um das erhebliche wirtschaftliche Risiko, das durch Marktverwerfungen und die zunehmenden Wetterrisiken entsteht, abfedern zu können. "Wenn man das alles berücksichtigen würde, stünde am Ende der Rechnung ein Einkommen für die Lebenshaltung zur Verfügung, das sehr deutlich unter dem der übrigen Gesellschaft liegt, doch diese Zahl wird schon seit längerem nicht mehr veröffentlicht", bilanziert Schleicher. Dass die Milchviehbetriebe angesichts dieser Betriebsergebnisse auf die Straße gehen und gegen weitere Auflagen mit den damit verbundenen Kostensteigerungen oder Ertragsrückgängen protestieren, sei mehr als verständlich und überfällig, zieht Schleicher die Bilanz.

Die Betriebe würden aber nicht nur Erleichterungen bei den künftigen Anforderungen erwarten, "sie brauchen eine echte wirtschaftliche Perspektive". Mehrere Milchkrisen und auch die Dürre der vergangenen Sommer hätten die Betriebe in eine wirtschaftliche Schieflage gebracht, zählt Schleicher auf.

Für das laufende Wirtschaftsjahr sei mit einem weiteren Gewinnrückgang zu rechnen, da die Milcherzeugerpreise gegenüber dem Vorjahr noch mal gesunken, die Kälberpreise weiter unterirdisch seien und sich auf Kostenseite keine positive Veränderung ergeben habe.

"Kein Verantwortlicher in der Politik und bei den verschiedenen Verbänden darf sich darüber wundern, dass immer weniger Höfe einen Nachfolger finden und dass aktuell eine derart große Protestwelle durchs Land rollt", stellt Schleicher fest. Es sei Zeit für Lösungen und Taten statt Dialogrunden und Roadshows für mehr Wertschätzung. Er weise im Einklang mit dem BDM seit vielen Jahren auf diese Entwicklung hin und der BDM habe entsprechende Vorschläge gemacht, wie man die Marktstellung der Milchviehhalter sowie der ganzen Landwirtschaft deutlich verbessern, Marktkrisen begegnen und damit höhere Erzeugerpreise umsetzen könnte.

"Das ist mehr als fahrlässig"

Teilweise seien die Grundlagen für die BDM-Lösungsansätze auch schon in der Gemeinsamen Marktordnung der EU verankert, doch fehle es an der konsequenten Weiterarbeit daran, die Milchviehbetriebe wirtschaftlich nachhaltiger und krisenfester aufzustellen. "Das ist mehr als fahrlässig, wenn man in Betracht zieht, dass der Brexit ins Haus steht und mit ihm Marktverwerfungen prognostiziert werden." Wieder einmal werde man nicht vorbereitet sein, weil man den Argumenten der Verbände der Ernährungsindustrie gefolgt sei, die nichts unversucht lassen, um ihre komfortable Marktsituation, in der sie das Marktrisiko auf die Erzeuger abwälzen können, auch zukünftig zu erhalten. "Wenn jetzt nicht sofort in der Agrarmarktpolitik umgesteuert wird, damit die Marktstellung der Landwirtschaft deutlich verbessert und die Agrargelder sozial gerecht verteilt werden, wird die bäuerlich geprägte Landwirtschaft mit vielfältigen Strukturen bald der Vergangenheit angehören", warnt Schleicher.