Um die Schreie des kleinen Mädchens während des sexuellen Missbrauchs zu übertönen, drehte der Angeklagte einfach die Musik auf. (Symbolfoto) Foto: freepik.com

53-jähriger Angeklagter räumt Taten ein. Landgericht Konstanz verhängt vier Jahre und acht Monate Haft.

Villingen-Schwenningen - Das Landgericht Kon­stanz hat am Montag einen 53-jährigen, aus dem Irak stammenden Mann wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung in 99 Fällen zu vier Jahren und acht Monaten Haft verurteilt.

Was im Jahr 2000 als nette Bekanntschaft in einer Flüchtlingsunterkunft in Villingen begann, entpuppte sich für ein mit seiner Familie aus Syrien geflohenes Mädchen als jahrelanger Horror-Trip. Im Alter von fünf Jahren begannen die Übergriffe des Angeklagten, und sie dauerten an, bis das Mädchen zwölf Jahre alt war. Das räumte der Angeklagte, Vater von vier Kindern, gestern pauschal ein.

Gleichzeitig behauptete er, immer ein anständiges Leben geführt, Kinder großgezogen und auch nach der Flucht vor Saddam Husseins Regime immer fleißig gearbeitet zu haben. Die beiden erwachsenen Kinder aus erster Ehe seien Akademiker geworden, berichtete er stolz. Seit 2009 lebe er in Köln, wo er eine zweite Familie mit zwei Kindern gegründet habe.

Fünfjährige konnte Geschehen nicht einordnen

Auf die schweren Tatvorwürfe ließ er sich nach seinem pauschalen Geständnis nicht weiter ein. Stattdessen behauptete er, er habe im fraglichen Zeitraum zunächst in der Asylantenunterkunft, später in zwei verschiedenen Wohnungen oder Zimmern in Villingen gelebt. Auch sei er in dieser Zeit mit mehreren Frauen aus Polen, der Türkei oder aus anderen Ländern liiert gewesen.

Laut Anklage erschlich sich der Mann das Vertrauen des Kindes und dessen Mutter bei Zusammenkünften in der Gemeinschaftsküche der Asylunterkunft in Villingen. Bald sei es auf dem Hof oder dem Spielplatz zu Zärtlichkeiten gekommen, die die Grenze zum sexuellen Missbrauch bereits überschritten. Die Fünfjährige habe das Geschehen aber nicht einordnen können, heißt es in der Anklageschrift.

In den folgenden Jahren habe der Mann das Kind immer wieder in sein Zimmer in der Färberstraße gelockt, wo er die Musik laut gedreht habe, um dessen Schreie oder Weinen zu übertönen. In seinem Zimmer in der Rosengasse und in seinem Auto soll es auch in den darauffolgenden Jahren immer wieder zu sexuellen Übergriffen gekommen sein, die schließlich auch den Tatbestand der Vergewaltigung erfüllten. Oft soll er das Mädchen auf dem Schulweg abgepasst haben. Ihren Widerstand soll er unter anderem mit der Drohung, nun auch die Schwester zu vergewaltigen, gebrochen haben.

Das Mädchen schwieg aus Angst und Scham. Versuche, das Erlebte in der Familie zur Sprache zu bringen, endeten mit weiterer Angst vor Vergeltungs- und Rache-Absichten des Vaters. Irgendwann erschien dem Mädchen seine Lage offensichtlich völlig aussichtlos. In einem späteren Brief an eine Vernehmungsbeamtin der Kripo schrieb es: "Ich habe es über mich ergehen lassen und mich damit selbst getötet." Auch mit Unterstützung professioneller Helfer dauerte es lange, bis die Jugendliche den Mut und die Kraft fand, all das Erlebte detailliert zu schildern und zeitlich zuzuordnen. Erst vor einem halben Jahr kam es zur Anklage gegen den 53-jährigen Familienvater.

Für die Staatsanwaltschaft wogen die Taten so schwer, dass sie gestern neun Jahre Haft beantragte. Das jetzt verhängte Urteil ist noch nicht rechtskräftig.