Wie der Name des erfolgreichen Brüderpaars zum Synonym für ein schwarzes Schaf in der schwarzen Herde wird.

Villingen-Schwenningen - Kauder – der Name des Brüderpaars aus dem Südwesten war bei der CDU Programm. Ein Synonym für erfolgreiche Überflieger, solide Christdemokraten, konservative und bodenständige Politiker aus dem Südwesten. Doch seit dem vergangenen Jahr ist Kauder nicht mehr gleich Kauder: Der eine, Volker (63), ein weiterhin glänzender Stern am christdemokratischen Polithimmel, Fraktionschef von CDU und CSU im Bundestag und enger Vertrauter der Kanzlerin.

Dem anderen, seinem jüngeren Bruder Siegfried (62), haftet nach Überfliegerjahren als CDU-Bundestagsabgeordneter plötzlich das Image des schwarzen Schafs in der CDU an, das sich nun sogar erdreistet gegen den von "seiner" Kreis-CDU im Schwarzwald-Baar-Kreis nominierten Bundestagskandidaten, den Donaueschinger Oberbürgermeister Thorsten Frei, als unabhängiger Kandidat ins Feld zu ziehen. Nun droht dem einstigen Aushängeschild der CDU im Schwarzwald-Baar-Kreis und dem durchaus verdienstvollen Bundestagsabgeordneten gar der Parteiausschluss.

Der Rückhalt für Siegfried Kauder bröckelte seit dem vergangenen Jahr langsam, aber stetig. An die Öffentlichkeit drang alles im Frühsommer 2012. Wurden zuvor hinter vorgehaltener Hand immer wieder befremdliche Situationen diskutiert – Siegfried Kauder, wie er sich öffentlich rar mache oder sich unnahbar und bisweilen sogar arrogant von langjährigen Wegbegleitern abwende.

Und dann der öffentliche Eklat, in dessen Folge sich die Kreis-CDU im Schwarzwald-Baar-Kreis in Kauder-Anhänger und -Gegner spalten sollte: Kauder hatte gegen die ehemalige und allseits geschätzte Kreisgeschäftsführerin Lucia Grießhaber ein Hausverbot für die Geschäftsstelle der Kreis-CDU ausgesprochen und damit für handfesten Ärger gesorgt, in dessen Folge sogar ein Schlichtungsversuch des Alt-Ministerpräsidenten Erwin Teufel scheiterte.

Der Fall Kauder wurde mit einem Schlag weit über die Kreisgrenzen hinaus laut diskutiert: Ist Kauder noch tragbar? Klar war: Der Name Kauder – seit 2002 mit festem Abonnement auf ein Direktmandat im Bundestag – kann, wenn überhaupt, nur durch einen starken, ebenbürtigen Kandidaten ersetzt werden. Siegfried Kauder wähnte sich in Sicherheit, betonte im Gespräch mit unserer Zeitung im Sommer 2012 noch, welch hohes Gewicht die "Brüder Kauder" doch für die Christdemokraten im Südwesten hätten. Aber der Schein trog: Es gab ihn nämlich doch, den unbefleckten und seit einigen Jahren aufstrebenden "Gegenkandidaten", der Siegfried Kauder nicht nur das Wasser reichen, sondern ihm die Suppe ordentlich versalzen konnte. Der 39-jährige Donaueschinger Oberbürgermeister Thorsten Frei wurde in einer Kampfabstimmung im November von den Mitgliedern der Kreis-CDU im Schwarzwald-Baar-Kreis zum offiziellen CDU-Bundestagskandidaten für den Wahlkreis 286 gewählt, der auch das Obere Kinzigtal umfasst.

Als echtes CDU-Eigengewächs aus Bad Säckingen am Hochrhein erklomm der Jurist Sprosse für Sprosse auf der Karriereleiter. Seine bedeutendsten Positionen: Der 39-Jährige ist seit 2006 Landesvorsitzender der Kommunalpolitischen Vereinigung Baden-Württemberg und seit 2007 stellvertretender Landesvorsitzender der CDU Baden-Württemberg. Wie populär Thorsten Frei in seiner neuen Wahlheimat Donaueschingen ist, belegte 2012 seine Wiederwahl: 93 Prozent der Stimmen vereinte der dreifache Familienvater auf sich.

Im Duell Kauder versus Frei holte sich Frei 502 Stimmen – und sein Kontrahent mit nur 230 Stimmen eine schallende Ohrfeige. Damit hätte das Kapitel "CDU-Bundestagskandidat Siegfried Kauder" enden können. Wäre da nicht sein Nachtreten gewesen. Siegfried Kauder entpuppte sich als schlechter Verlierer. Schockte die Südwest-CDU nun mit der Nachricht, als unabhängiger Kandidat für den Wahlkreis mit der Nummer 286 gegen Thorsten Frei ins Feld ziehen zu wollen.

Volker sagt, er sei nicht einmal eingeladen gewesen, als Siegfried 2011 zum zweiten Mal heiratete

In Windeseile sammelte er binnen Tagen 320 Unterstützerunterschriften. Auf den Rückhalt "seiner" Parteiführung jedoch braucht er nicht mehr zu hoffen. Der zuständige Kreisvorstand in Villingen-Schwenningen könne bei seiner regulären Sitzung am morgigen Freitag allerdings noch keine formale Entscheidung über ein Parteiausschussverfahren treffen, erklärte ein Parteisprecher gestern in Stuttgart. Grund dafür ist, dass in der fristgerecht verschickten Einladung zu der Sitzung der mögliche Ausschluss Siegfried Kauders noch kein Thema war.

Aber der Europaabgeordnete und Kreisvorsitzende Andreas Schwab lässt keinen Zweifel daran, dass nur der Rausschmiss Kauders aus der CDU die Konsequenz sein wird. Ein Fall, wie er in der Landes-CDU seinesgleichen sucht. Vorausgesetzt, Siegfried Kauder wirft nicht selbst das Handtuch. Aber der erklärte, er wolle jetzt erst "die Reaktionen" abwarten.

Unterdessen lässt eine Reaktion wahrlich aufhorchen. Die vom "anderen" Kauder. Bruder Volker gab sich nun erstmals öffentlich kopfschüttelnd über seinen Bruder, sagte der Saarbrücker Zeitung: "Unabhängig von Familienzugehörigkeiten muss ich klar sagen: Das geht nicht." Er habe versucht, mit seinem Bruder zu sprechen, "ihn aber nicht erreichen können". Er komme einfach nicht mehr ran an Siegfried Kauder, und im kleinen Kreis offenbart Volker Kauder, er sei beispielsweise nicht einmal eingeladen gewesen, als Siegfried 2011 zum zweiten Mal heiratete. Der verschmähte kleine Bruder indes strickt weiter an seiner politischen Zukunft.

In den Augen seiner ehemaligen christlich-demokratischen Weggefährten kann die nur in eines münden: in eine Sackgasse. Dabei wünschten die Eltern der Kauder-Brüder ihrem Jüngsten offenbar anderes: Für Sieg, aber dank seiner zweiten Silbe auch für Friede, Schutz und Sicherheit steht der Name Siegfried, den sie einst für ihn wählten. Ob der Name ein Omen ist, wird sich am 22. September vielleicht weisen – der Name seines älteren Bruders Volker soll übrigens für "Volkskämpfer" stehen.