Pysiotherapeuten brauchen Kenntnisse aus der Orthopädie genau wie aus der Inneren Medizin. Foto: Rietschel

Therapeuten senden Hilferuf an Politiker. Berufsstand in Gefahr? Nicht zu Discounterpreisen.  

Villingen-Schwenningen - Ihren Berufsstand sehen die Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden in Gefahr. Heute wollen sowohl die hier ansässigen Therapeuten, also auch Kollegen bundesweit in einer konzertierten Aktion die jeweiligen Wahlkreisabgeordneten anschreiben.

Auf einer Facebook-Seite ist die Idee dieser Aktion entstanden. Die Therapeuten fordern von den Politikern, dass diese ihren Einfluss geltend machen. In dem Schreiben heißt es, dass durch das "aggressive und unfaire Vorgehen der gesetzlichen Krankenkassen" der Berufsstand in Gefahr sei.

Therapeutische Hilfe werde nicht mehr möglich sein, wenn die gesetzlichen Kassen ihren Weg fortsetzen. "Unsere Arbeit wird durch das antipartnerschaftliche Verhalten der gesetzlichen Krankenkassen massiv beeinträchtigt, was für viele unserer Patienten sogar gesundheitsgefährdend ist", heißt es weiter in dem Papier. Vorgeworfen werden den Kassen eine zunehmende Willkür und fast unüberwindbare bürokratische Hindernisse. Therapien könnten durch die extreme Verschärfung der Prüfpflicht von Heilmittelverordnungen erst später oder gar nicht begonnen werden. Bereits geleistete Arbeit werde wegen unbedeutender Formfehler von den Kassen ohne Korrekturmöglichkeit nicht bezahlt.

"Nicht zu Discounterpreisen"

Außerdem seien die Honorare an die Grundlohnsummenentwicklung gekoppelt, durch die stetige Entfernung von der Inflationsrate würden die Löhne seit mehr als 15 Jahren eine negative Entwicklung nehmen. "Unsere Arbeitsleistung kann nicht zu Discounterpreisen geleistet werden, während gleichzeitig eine hochwertige Versorgung und lebenslange Weiterbildung verlangt wird."

Die Therapeuten würden auch einen Trend beobachten, nachdem Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund therapeutische Hilfestellungen (mit eindeutig medizinischer Indikation) vorenthalten werden mit dem Verweis auf den Vorrang von pädagogischer Förderung. "Damit werden jahrzehntelange Bemühungen um die Eingliederung von Menschen anderer Nationaltät durch Diskriminierung seitens der GKV (Gesetzliche Krankenversicherung) torpediert."

Allzu offensichtlich sei das Bestreben der gesetzlichen Krankenkassen, durch fadenscheinige Argumente und unnötige Erschwernisse den Verordnungswillen der Ärzte zu brechen und die Kosten für Heilmittelausgaben zu senken. "Sollen wir unsere Patienten aufgeben, weil sie in der gesetzlichen Krankenversicherung sind und es sich nicht leisten können, die Therapien aus eigenen Mitteln zu bezahlen?", wird in dem Schreiben gefragt. Dazu nennen die Therapeuten Zahlen: Dem Anteil der Heilmittelausgaben von etwa drei Prozent des Gesamtvolumens der Ausgaben im Gesundheitswesen würden sechs Prozent Nettoverwaltungskosten der GKV gegenüberstehen.

Abschließend gibt es eine direkte Frage: "Wie stehen Sie als Politiker unseres Landes zu diesen Aussichten, unterstützen sie das Bestreben der gesetzlichen Krankenkassen oder ihre Wählerschaft, die sich aus einem Großteil der betroffenen Patienten zusammensetzt?"

"Das Schreiben zeigt die Not und Hilflosigkeit, wir haben an allen Fronten Probleme", erklärt Christiane Sautter-Müller, Logopädin in Schwenningen und stellvertretende Landesverbandsvorsitzende des Deutschen Bundesverbands für Logopädie. Sie kenne einige Kollegen in der Region, die "keine Lust mehr haben". Die Therapeuten kämen nicht mehr zu ihrer eigentlichen Arbeit und sehen nur das "Bürokratiemonster".

Sautter-Müller ärgert vor allem die Haltung der AOK Baden-Württemberg, die seit 2003 die gleichen Vergütungsvereinbarungen habe und ständig Verhandlungen verschleppe. Hier soll nun ein Schiedsverfahren helfen. Die Politik, so Sautter-Müller, lobe das tolle Gesundheitssystem, aber heimlich werde rationiert. "Alle haben eine Lobby, nur die kleinen Therapeuten nicht", klagt sie. Aufgrund ihrer politischen Tätigkeit seien die Probleme im Schwarzwald-Baar-Kreis geringer ausgeprägt, aber Grund zur Entwarnung gebe es nicht.