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Villingen-Schwenningen Jung und Alt kreieren gemeinsamen Rhythmus

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Roland Gutschick (Mitte) gibt mit der Glocke den Takt vor. Die Teilnehmer sollen es ihm gleich tun. Fotos: Böhm Foto: Schwarzwälder Bote

Dumpfe Töne, bedrohlich, laut. Ein hohes Klopfen, Schlagen, Streichen. Rieselnder Regen, schütteln, schwingen. An die 30 Menschen, jung und alt, versammelten sich am Dienstagabend im Jugendhaus Bohrturm in Bad Dürrheim, für eine Trommelrunde. "Ich bin überrascht wie so viele Leute so schnell einen Rhythmus gefunden haben", sagt eine Teilnehmerin und blickt in die Runde. "Ich kenne jetzt jeden", drückt sie ihr Gefühl aus, das sie direkt nach der Veranstaltung empfindet.

"Unter der Anleitung des Moderators entstehen spontan viele ineinandergreifende Klangfarben und Rhythmen in der großen Teilnehmergemeinschaft. Jeder kann ohne jegliche Vorerfahrung mitmachen." Als ich die Beschreibung in der Pressemitteilung gelesen habe, bin ich in der Erwartung zum Termin gegangen, dass jeder irgendwie auf eine Trommel schlagen wird. Wirre Klänge und Chaos, stellte ich mir vor. Wie sollten sich völlig Fremde in einem Rhythmus wiederfinden, indem sie ohne Vorkenntnisse spontan Töne mit einer Trommel erzeugen?

19 Uhr. Bierbänke sind im Kreis aufgestellt, hinten dran eine zweite Reihe mit Stühlen. Trommeln mit einem orange-schwarzen Muster stehen vor den Bänken, Rasseln und Holzinstrumente auf den Plätzen. 13 Personen haben sich inzwischen Plätze ausgesucht und das beiliegende Instrument gegriffen. Erste zaghafte Laute sind bereits zu hören. Dann treten noch mal etwa 20 Personen ein – so gut wie alle Plätze sind belegt.

Zurück zum Ursprung

Initiator Roland Gutschick tritt begeistert in die Mitte und lächelt. "Eigentlich sollten wir gleich loslegen", beginnt er nach der Begrüßung. Aber da es für viele Teilnehmer der erste Drum Circle sei, erklärt er noch die Hintergründe. "Wir sind am Kern der Menschen", erzählt er und dreht sich in der Mitte, wendet sich jedem Viertel im Kreis zu. Gemeinschaftliches Trommeln sei Teil vieler Kulturen. In Stämmen erfülle es auch bestimmte Funktionen. Es sei wie das Grölen bei einem Rockkonzert. Parallelen seien vorhanden, versichert Gutschick und spricht nur von anderen "Stammesgemeinschaften".

Dann tritt Gutschick, der in der Luisenklinik Bad Dürrheim als Musiktherapeut tätig ist, aus der Mitte – und lässt die Teilnehmer drauf los musizieren.

Ein gewaltiger Sound füllt plötzlich den Raum. Die Beine vibrieren zum Takt, die Hände geben ihn vor. Jeder einzelne kreiert seine eigene Musik. Chaos? Nein. Verblüfft blicken einige der Teilnehmer in die Runde. Überrascht darüber wie außergewöhnlich gut sich die einzelnen Klänge in der Gemeinschaft anhören. Rhythmusgefühl hatte ich meiner Meinung nach nie. Aber wie von alleine, habe ich das Gefühl, passen sich meine Töne den anderen an.

Ein paar Mal tritt der Musiktherapeut in die Mitte. Hebt entweder eine kleine Trommel, ein Holzinstrument in die Luft, oder macht Bewegungen mit seiner Hand nach, als schüttle er eine Rassel. Je nach dem welches Instrument er in die Höhe hebt, zeigt er den Teilnehmern, welche Gruppe er in diesem Moment dirigieren möchte. Mal gibt er zu verstehen, dass die Trommler weiterspielen sollen, wenn die restliche Gruppe verstummt, mal bringt er die Teilnehmer dazu, durch ab und auf Bewegungen seiner Hände, leiser oder lauter zu spielen.

Gruppe überrascht

Ein anderes Mal hebt er seine Arme zur Seite und bewegt nur die Finger. Und plötzlich fangen alle an, schnelle und kurze Töne zu spielen. Wie Regen rieseln die Schläger auf die Instrumente.

Aber so wie an diesem Abend füge sich der Rhythmus nicht immer, verrät Gutschick in einem Gespräch nach der Veranstaltung. Er habe auch schon andere Gruppen erlebt, und bestätigt damit meine Erwartung, die ich zu Beginn hatte. Bei den Gruppen müsse er auch öfters in die Mitte kommen, um den Takt vorzugeben und sie wieder auf einen Nenner zu bringen. "Ich lese die Gruppe", erklärt er den Kern seiner Arbeit als sogenannter Drum Circle Faciliator. Es sei wie im Stadion, erklärt er weiter. Wenn da einer anfängt zu klatschen, steigen alle anderen Fans mit ein.

Die Teilnehmer seien es, die an diesem Abend den Rhythmus erzeugten. "Faciliator ermöglichen etwas zu kreieren, sie sind nur Helfer", macht er deutlich. Denn nach dem Drum Circle sind viele der Teilnehmer, auch ich, überrascht, wie gut sich die einzelnen Töne in die Gruppe einfügten. "Unglaublich wie stark der Rhythmus ist", bekräftigt Gutschick, der auch schon andere Erfahrungen gemacht hat.

Der Musiktherapeut spielt selbst seit mehr als 20 Jahren Schlagzeug und hat in mehreren Bands Erfahrungen gesammelt. Fünf Jahre lebte er auch in den USA und hat begeistert an Drum Circles teilgenommen. Zum Facilitator hat er sich ausbilden lassen, sagt er. Es gehe auch ohne Ausbildung, aber es sei gar nicht so einfach, findet der Musiktherapeut.

Man müsse die Gruppe verstehen, raushören wo es Schwierigkeiten gibt und im richtigen Moment die richtige Lösung parat haben, damit die Gruppe wieder zusammenfindet. Eineinhalb Jahre wohnt Gutschick mittlerweile in Bad Dürrheim. Zunächst habe er mit einzelnen Drum Circles angefangen, vergangenes Jahr sei die Anlaufphase gewesen. Seit Februar bietet er die musikalische Runde in der Kurstadt einmal im Monat an, immer am ersten Dienstag. In der Trommelrunde sei man weder über- noch unterfordert, führt er aus und stützt sich auf eine Studie. Man komme bei dieser Art des Musizierens in einen Flow-Zustand. Es fließt einfach. Auch bei anderen Aktivitäten wie Sport oder Kochen könne der Zustand erreicht werden. Innerlich abschalten und "alles drumherum vergessen", ist auch die Rückmeldung der Teilnehmer.

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