Die Anklage gibt Einblick in die Machenschaften der beiden Ex-Vorstände bei der Hess AG. Foto: Eich

Landgericht Mannheim veröffentlicht Kurzfassung. Vorgeschmack auf Mammutprozess im Hess-Bilanzskandal.    

VS-Villingen - Einen Vorgeschmack auf den anstehenden Mammutprozess gegen die Ex-Vorstände der Hess AG liefert eine Kurzfassung der Anklageschrift, die nun veröffentlicht wurde. Darin wird deutlich, welch kriminelle Energie den Beteiligten vorgeworfen wird.

Wenn am Mittwoch um 9 Uhr die Große Wirtschaftskammer des Landgerichts Mannheim tagt, dann steht ein Skandal auf der Tagesordnung, der Aktionäre, Beteiligte und die Öffentlichkeit seit Jahren beschäftigt. Denn drei Angeklagten aus dem Umfeld der Hess AG wird eine unrichtige Darstellung nach dem Handelsgesetzbuch vorgeworfen. Was zunächst unspektakulär klingt, hat es laut Anklageschrift in sich.

Bilanzen für Börsengang gefälscht

Denn den Angeklagten Christoph Hess und Peter Ziegler wird in ihrer Eigenschaft als ehemalige Vorstände der Hess AG laut Landgericht Mannheim zur Last gelegt, in den Jahren 2011 und 2012 im Hinblick auf den für 2012 geplanten Börsengang den Jahresabschluss zum 31.12.2011 sowie die Konzernzwischenabschlüsse manipuliert zu haben, um die Finanz-, Vermögens- und Ertragslage positiver darzustellen, als sie eigentlich waren.

"Tatsächlich wären die Umsätze und Ergebnisse bei wahrheitsgemäßen Angaben jeweils deutlich geringer ausgefallen", heißt es in der Anklageschrift. Dafür hätten demnach nicht bestehende Umsatzerlöse beziehungsweise fiktive Entwicklungskosten gesorgt.

In der Anklageschrift wird auch deutlich, wie hierbei vorgegangen sein soll. Denn für den Nachweis der nicht bestehenden Scheinrechnungen und Scheinzahlungen hätte die Hess AG und die Tochtergesellschaft Hess Lichttechnik GmbH Einfluss auf die rechnungsstellenden Unternehmen genommen. Im Mittelpunkt dieser Vorwürfe stehen hierbei Ziegler und Hess. Die Ausführung der Manipulation solle demnach wesentlich durch Ziegler erfolgt sein, Hess sei über das Vorgehen informiert gewesen und hätte es zudem gebilligt.

Mit involviert ist demnach auch der Angeklagte Ulrich W. Dieser sei in seiner Eigenschaft als Alleingeschäftsführer einer GmbH, an der auch die Hess AG Anteile gehalten habe, in das System der Erstellung und Begleichung von Scheinrechnungen eingebunden gewesen.

Die falsch dargestellten Umsätze und Ergebnisse hätten auch Einfluss auf die Bewertung der Aktien gehabt. "Der Emissionspreis der Aktie sei Ende Oktober auf 15,50 Euro festgelegt worden. Bei Kenntnis der wahren Umsatz- und Ergebniszahlen wäre der Emissionspreis deutlich geringer ausgefallen", heißt es aus der Anklageschrift.

Damit jedoch noch nicht genug. Die Scheinrechnungen hätten demnach für Hess und Ziegler als Grundlage gedient, in den Jahren 2011 und 2012 drei Banken dazu zu bringen, Darlehen in Höhe von insgesamt 8,5 Millionen Euro zu genehmigen, um genau jene Rechnungen auszugleichen. Damit sollten Finanzflüsse vorgetäuscht werden.

Die Vorstände sorgten zudem dafür, die geringe Nachfrage nach Hess-Aktien zu pushen, um eine drohende Absage des Börsengangs zu verhindern. Demnach hätten sie dafür gesorgt, dass verbundene Unternehmen mit Geldern der Hess AG Aktien gekauft und damit eine nicht vorhandene Nachfrage vorgespiegelt haben. Das Volumen betrug demnach rund zwei Millionen Euro.

35 Verhandlungstage angesetzt

Vorgeworfen wird Hess und Ziegler zudem das betrügerische Vorgehen beim Kauf eines Grundstücks, um einer eigens gegründeten Gesellschaft Kapital zu verschaffen. Diese Gesellschaft sollte anschließend dazu genutzt werden, um über sie Scheinrechnungen zu generieren. Der Hess Lichttechnik GmbH sei dadurch ein Schaden in Höhe von 500.000 entstanden.

Bislang sind für die Aufarbeitung der komplizierten Vorgänge, die schon Jahre zurückliegen, bis Ende März 2021 35 Verhandlungstage angesetzt. Ob der Mammutprozess aber tatsächlich in dieser Form abgehandelt werden kann, wird sich aber vermutlich erst noch herausstellen.

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