Gibt es in der Färberstraße draußen bald nur noch Apfelschorle? Foto: © gornist – stock.adobe.com

Forderungen nach Sperrzeitverlängerung und Alkoholverbot in der Öffentlichkeit werden laut.

Villingen-Schwenningen - Draußen Thermoskannen mit Tee oder Flaschen mit Apfelschorle? Nichts Hochprozentiges mehr im "Bermudadreieck" um die Färberstraße, damit das Krawallvolk endlich draußen bleibt? Nicht nur Forderungen nach Sperrzeitverlängerung werden laut, sondern auch der Ruf nach einem Alkoholverbot in der Öffentlichkeit.

Wie sehr und vor allem wie lange viele Anwohner aus der Färberstraße schon unter Lärm, Stress und lautstarken Auseinandersetzungen in Teilen der Kneipenmeile leiden und wie groß der Frust mittlerweile ist, wird in vielen Gesprächen und Telefonaten deutlich und schlägt sich auch seit Jahren in der Berichterstattung im Schwarzwälder Boten nieder.

Hintergründung zur Schließung von Leos Bar nicht bekannt

Überraschend schnell haben Maßnahmen der Stadt bezüglich der beiden Problembars Moon Lounge und Leo’s Bar vorerst zu einer Schließung geführt. Soll die Lounge wieder in Betrieb gehen, fordert die Stadt zuerst ein Nutzungskonzept und ein Lärmgutachten ein. Was Leo’s Bar angeht, hüllt sich die Verwaltung noch in Schweigen, wenn es um die Hintergründe für die Schließung geht.

Eine trügerische Ruhe im Villinger "Bermudadreieck"? Und damit die Ruhe vor dem nächsten Sturm an Lärm, dem sich viele Anwohner ausgesetzt sehen? Mitten hinein in die mittlerweile relative "Ruhe" platzt der Appell eines Anwohners aus dem Rietviertel an den Gemeinderat und die Verwaltung der Stadt Villingen-Schwenningen. Dirk Gläschigs Aufruf widerspiegelt die resigniert-verbitterte Stimmung vieler Betroffener. "Der Lärm ist nicht mehr auszuhalten und macht die Anwohner krank." Jedes Wochenende bis 5 Uhr wachgehalten zu werden, sei gesundheitsschädlich. "Die Anwohner werden bedroht, wenn sie den Mund aufmachen", schildert er die Erfahrungen drastisch, auch in den sozialen Netzwerken. Immerhin: Positiv wirke sich die stärkere Präsenz der Mitarbeiter des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) aus, in Verbindung mit der vorübergehenden Schließung der beiden Problemlokale.

Bedrohungen real

Für Gläschig sind die im Schwarzwälder Boten dargestellten Clan-Aktivitäten kein Hirngespinst, selbst wenn von Seiten der Polizei solche Machenschaften nicht festgestellt werden könnten. Die Anwohner werden laut Glä­schig offen bedroht: "Ich weiß wo Du wohnst, ich kenne Deine Kinder." Doch wie soll die Färberstraße wieder zur Ruhe kommen und zu ihrem Image einer tollen Kneipenmeile zurückfinden? Nicht nur Glä­schig fordert eine Sperrzeitenverlängerung, Schluss, so die Vorstellungen, wäre dann um 2.30 Uhr. Dennoch will aber auch er einen Konsens mit den Interessen der Wirte erreicht sehen, was die Außenbewirtung anbelangt; diese fordern seit Längerem eine Lockerung. Zudem regt er ein Alkoholverbot außerhalb der Gaststätten an. Dies sei aber nur über eine permanente Überwachung, und damit eine Aufstockung des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) zu gewährleisten.

Student klagt erfolgreich

Doch ein Blick nach Freiburg zeigt, dass man sich mit einer solchen Verordnung ganz leicht ein, zumindest in juristischem Sinne, blaues Auge holen kann. Die Stadt Freiburg sprach vor Jahren für weite Teile der Freiburger Altstadt ein Alkoholverbot aus, "als Probelauf", wie das Pressereferat aufzeigte. Doch der Probelauf fand ein jähes Ende. Der Verwaltungsgerichtshof kippte das Verbot.

Dieses, so befanden die Juristen, sei rechtswidrig und unwirksam. Und damit hatte ein Student erfolgreich gegen die Stadt geklagt: "Wer künftig im Bermudadreieck und auf öffentlichen Plätzen in der Freiburger Innenstadt zur Bier- oder Schnapsflasche greift, wird nicht mehr bestraft."

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Nun setzt die Stadt verstärkt auf Prävention. Der städtische Vollzugsdienst wurde personell verstärkt und sei nun an Wochenenden regelmäßig an Brennpunkten in Freiburg unterwegs, hieß es aus der Pressestelle. Ob juristisch durchsetzbar oder nicht: Es gibt auch andere Kritikpunkte, die Kommunalpolitikern bezüglich eines Alkoholverbots durch den Kopf gehen: Wer soll das alles überwachen und vor allem bezahlen? Der Sprecher jener Fraktion, die das Thema Färberstraße aufgrund der Berichterstattung im Schwarzwälder Boten in den Gemeinderat gebracht hat, würde im Grundsatz ein Alkoholverbot auf öffentlichen Plätzen und Straßen zwar befürworten. Nicht nur der Freie Wähler Bertold Ummenhofer frägt sich: "Wie soll das denn überwacht werden?" Eine berechtigte Frage, ist doch die Personalnot bekannt und die verbundene Arbeitsbelastung für die Mitarbeiter des KOD nicht erst seit den Corona-Kontrollen massiv gestiegen. Eine Verlängerung der Sperrzeit, wie sie in den letzten Wochen mehrfach laut wurde, lehnt auch Ummenhofer strikt ab. Es könne nicht sein, dass alle Wirte wegen ein paar schwarzen Schafen "abgestraft werden".

Ärger über Verschärfung

Kaum war diese Option in den sozialen Medien und in den Lokalen der Stadt angekommen, schäumten viele vor Ärger und Enttäuschung. Hintergrund: Nach einem Treffen mit Anwohnern der Färberstraße brachte die Stadt eine Verschärfung der Sperrzeiten ins Spiel und plant, eine entsprechende Vorlage in den Gemeinderat zu bringen. Für SPD-Chef Nicola Schurr ist die Nachricht von einer angedachten Verlängerung der Sperrzeiten in VS unglaublich. "Es kann und darf nicht sein, dass durch das Fehlverhalten weniger die restliche Gastronomieszene der Doppelstadt Einbußen und kürzere Öffnungszeiten hinnehmen muss."

Härter durchgreifen

Verschärfte Sperrzeiten oder (mögliche) Alkoholverbote werden kontrovers diskutiert, auch in den sozialen Netzwerken. Doch ein Leitfaden für die Zukunft kristallisiert sich aus vielen Gesprächen und Beiträgen heraus: Eine vernünftige Lösung sollte für Anwohner, Wirte und Stadt gefunden werden. Am besten bei einem gemeinsamen Treffen von Anwohnern, Gastronomen, Stadträten und ­ Stadtverwaltung, so ein Vorschlag. Eine Anregung geht auch an die örtliche Polizei. Diese sollte nachts mehr Präsenz zeigen. Und mit Blick auf einzelne schwarze Schafe hinter den Theken: Bevor die Stadt jemandem eine Konzession zum Eröffnen eines Lokal gebe, "informiere ich mich, wer diese Herrschaften sind", so ein Beitrag in den sozialen Netzwerken. Und: "Wer sich daneben verhält, hat mit hohen Bußgeldern zu rechnen und in der Färberstraße nichts mehr zu suchen, zumindest mal für eine gewisse Zeit." Diese Forderung dürften wohl nicht nur die Anwohner unterstützen: "Härter Durchgreifen heißt das Motto. Aber gemeinsam."

Kommentar: Jetzt geht es um Glaubwürdigkeit

Für manche wäre das für ein schönes und symbolstarkes Bild: Drei Affen, am besten aus unverwüstlichem Stahl, an beiden Eingängen  der Färberstraße in Villingen. Treffender wäre die Schock-Starre  nicht zu  beschreiben,  die seit Jahren die  beliebte  Kneipenmeile beherrschte.   Wenn es um Probleme und zweifelhaftes gastronomisches Treiben in manchen Bars ging,  dann  schien die Stadt zumindest bis vor kurzem nach der Maxime  zu verfahren:  Nichts  sehen,  nichts hören,  nichts wissen. 

Wie oft berichtete der Schwarzwälder Bote über Gewalt, über Auseinandersetzungen, mal mit mal ohne Messer und Baseballschläger und manche Ruhestörungs-Exzesse.  Immer wieder musste die Polizei  zu Schlägereien ausrücken, um aggressive Gäste auseinanderzubringen. Trauriger Höhepunkt der  brutalen Auseinandersetzungen war  eine Messerstecherei, der   spektakulärste Fall in der jüngsten Geschichte der Villinger Färberstraße.  Blutspritzer und Scherbenhaufen  sind  nach den Wochenenden  für  Anwohner und Passanten nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Zu übersehen  sind seit vielen Jahren     weder das Chaos noch die diversen  Zeitungsberichte, die das   traurige Szenario festhielten.  Doch an oberster Stelle fand sich bis dato niemand, der zuhören wollte. Wie  oft  kamen  Anwohner auf die  Redaktion zu,  weil  sie nicht nur das  wöchentliche Gewummere satt hatten, sondern auch um ihre Sicherheit fürchteten.  Frauen, die sich kaum noch am späteren Abend in  ihre Wohnungen oberhalb der schillernden Bars der Straße  trauten und resigniert ihre Konsequenzen zogen  und schweren Herzens die  Innenstadt hinter sich ließen.    Weder   angesprochene  Kommunalpolitiker wollten sich ernsthaft kümmern noch der damalige  Oberbürgermeister, wie Anwohner ihre wiederholten Vorstöße resigniert beschrieben

Nun hat die Stadt die Reißleine gezogen und die beiden Problem-Bars vorerst geschlossen. Die Wiedereröffnung der Moon-Lounge verknüpft die Verwaltungsspitze mit einem schlüssigen Nutzungskonzept -und Lärmschutzgutachten. In Bezug auf Leo’s Bar sind die Hintergründe für die Schließung genauso im Dunkeln wie die für das überraschend schnelle Handeln der Stadt. Auf öffentlichen Druck hin?

Das Durchgreifen war überfällig. Die meisten Wirte halten sich an die Regeln und sorgen individuell für Wohlfühlatsmophäre, sahen sich aber immer wieder wegen kleinster Vergehen  reglementiert. So zementierte sich in der Gastroszene immer stärker der Gedanke: Offenbar  gibt es hier ein paar Kollegen, die  Narrenfreiheit haben.  Befeuert wurde dieser Eindruck noch dadurch, dass die Stadt keine rechtliche Handhabe dazu sah, Bußgelder zu verhängen, wenn zu Corona-Zeiten in vereinzelten Kneipen weder Mindestabstand noch Maskenpflicht für die Mitarbeiter beachtet wurden und der Bär durch die Nacht steppte.   Die erstaunte Reaktion des Regierungspräsidiums Freiburg war deutlich. Das Dementi ließ nicht lange auf sich warten.

Nun also sind die Lichter in zwei Problem-Bars vorerst aus. Die Stadt sollte nun ganz genau hinsehen, bevor sie die nächsten Betreiber wieder hinter den Tresen und auf die Menschheit los lässt. Vieles steht nun auf dem Spiel. Nicht nur das Flair einer Straße, die Nachtruhe und die Sicherheit der Anwohner, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Stadt.