Soziales: Jutta Rump beeindruckt und beunruhigt Zuhörer zum Thema Demografie
"Es gibt nicht die Lösung. Es sind viele Stellschrauben, an denen zu drehen ist". Jutta Rump ließ bei ihrem Vortrag im Theater am Ring keinen Zweifel daran, dass Deutschland in Sachen demografischer Wandel vor einer immensen Herausforderung steht.
VS-Villingen. Das auf Initiative des Jobclubs VS gegründete Aktionsbündnis Demografischer Wandel hatte zum Impulsvortrag mit anschließender Podiumsdiskussion eingeladen und rund 250 Interessierte kamen. Die Demografieforscherin Jutta Rump beeindruckte, beunruhigte ihre Zuhörer aber auch. Kurzfristige Aktionen helfen nicht, der Megatrend demografischer Wandel sei nicht mehr aufzuhalten, nur noch zu gestalten, sagte die Professorin und nannte die Geburtenrate, die Lebenserwartung und den Wanderungssaldo als die wesentlichen Einflüsse. Mit "zwei Kindern, am besten einem Jungen und einem Mädchen" werde die Bevölkerungszahl in Deutschland stabil gehalten, es kommen aber nur 1,57 Kinder pro Paar auf die Welt. Diese Rate zu steigern dauere lange – "wir müssten den heute noch kleinen Kindern schon Lust auf Kinder machen".
Bei einer Lebenserwartung von rund 84 Jahren steige die Bevölkerungszahl bis 2040 so an, dass dann zwei Erwerbstätige für einen Rentner aufkommen müssen, aktuell seien es noch drei. "Die Systeme fangen trotzdem schon an zu ächzen", so Jutta Rump. Der Wanderungssaldo errechnet sich aus Zuwanderung minus Abwanderung. "Wir müssen uns interessant für Zuwanderer machen", für sprachliche und kulturelle Integration und für eine qualifikatorische Anschlussfähigkeit der Zuwanderer sorgen. "Und für uns: interkulturelle Kompetenz zu erlangen", nannte Jutta Rump die nächsten Stellschrauben.
Und sie lieferte weitere: Einem 100-prozentigen Arbeitsvolumen der Männer stehen gerade 40 Prozent der Frauen gegenüber. Für die Expertin ist das "die Reaktion auf die Unvereinbarkeit von Beruf und Familie". Zwei Drittel der Frauen würden ihr Arbeitspensum gerne erhöhen – ein Potenzial für die Betriebe. In der Steigerung dieses Arbeitskräftepotenzials sieht die Forscherin eine weitere Möglichkeit, die Auswirkungen des demografischen Wandels abzufedern. Rein rechnerisch würden drei Millionen Personen mehr in Vollzeit arbeiten, wenn sie denn die Gelegenheit dazu bekämen. "Ob da, wo Fachkräftemangel herrscht, ist eine andere Frage", räumte Jutta Rump ein und erkannte auch den Zielkonflikt mit der steigenden Nachfrage der Arbeitnehmer nach einer Work-Live-Balance.
In Sachen Produktivität riet sie den Betrieben, wo immer es gehe, menschliche Arbeitskraft gegen technische zu ersetzen. Auch Arbeit bis 73 müsse sie als Demografieforscherin empfehlen. Der demografische Wandel bedeute, dass sich die drei Altersgruppen der Jungen, der Jahrgänge 1970 bis 1985 und der Älteren zu Ungunsten der Jungen verschiebe.
Sie müssen funktionieren
Am meisten Sorgen mache ihr in dieser Aufzählung die Menschen mittleren Alters. "Die hat niemand auf dem Schirm. Die müssen einfach funktionieren". Da auf dieser Altersgruppe aber der Erfolg eines Betriebes basiere, müsse sie besonders gepflegt werden. Es gelte, eine "Generationenaufgabe" anzugehen, viele Fäden, wie Vereinbarkeit, Bildung, Zuwanderung, Infrastruktur und altersgerechte Weiterbildung in der Hand zu halten und die Kräfte auszubalancieren – "es gibt eine Menge zu tun".