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Villingen-Schwenningen Erstmals wieder Masernfälle im Kreis

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Impfungen sind umstritten. Foto: © Photophonie – adobe.stock.com

Villingen-Schwenningen - Die Vorbehalte sind hart wie Beton: Impfen macht krank, Impfen führt zu Autismus, Impfen birgt tödliche Risiken: Die Verunsicherung unter Eltern steigt auch in VS und im Kreis. mit ersten Folgen: Erstmals werden in die Statistiken wieder Masernfälle eingetragen, mit teils schwerem Verlauf.

Unzählige Infos von Impfgegnern, flankiert von Horrorbildern, werden durchs weltweite Netz geschossen. Die Auswirkungen sind auch in der Doppelstadt und dem Schwarzwald-Baar-Kreis deutlich zu spüren. Zwar will Jochen Früh, Leiter des Gesundheitsamtes im Schwarzwald-Baar-Kreis, noch nicht von einer Impfmüdigkeit sprechen, aber "die Zahl der verunsicherten Eltern steigt", beobachten er und sein Team. "Jeder Demagoge kann heute im Netz herumfuhrwerken." Eine Meinung, mit der Früh nicht alleien dasteht.

Und wie sieht ein Kinderarzt aus VS das Thema, das gerade vor der Einführung einer Impflicht für Masern ganz besonders heftig diskutiert wird? Dazu Pascal Polaczek: Eine Verunsicherung in Bezug auf das Impfen bestehe bei einem bestimmten Prozentsatz der Eltern schon seit vielen Jahren, mal mehr, mal weniger ausgeprägt. Obwohl sich die Gesellschaft und auch die Impfstoffe in den letzten 20 Jahren teilweise erheblich geändert haben, "sind die Argumente, welche zur Verunsicherung der Eltern führen, die gleichen geblieben".

Risiken genau bewerten

Was ist dran an den "Risiken"? Den viel beschworenen Autismus als Folge von Impfungen nennt auch Jochen Früh als "völlig aus der Luft gegriffen". Wie sieht es mit anderen "möglichen fatalen Folgen" aus? Der Leiter des Gesundheitsamtes hält dagegen: "Die möglichen, extrem selten auftretenden Risiken einer Impfung, stehen in keinem Verhältnis zu den möglichen schweren Erkrankungen eines nicht geimpften Kindes." Wer sich mit der "Risikobewertung" beschäftigen möchte, sollte sich beim Paul--Ehrlich-Institut oder dem Robert-Koch-Institut einlesen, fügt er hinzu.

Und damit wäre Früh auch schnell beim derzeit höchst polemisch diskutierten Thema Masern. Fast zehn Jahre aus dem Blickfeld verschwunden, habe es 2019 erstmals im Kreis wieder ein paar Masernfälle gegeben, davon welche mit schwerem Verlauf. Eine alarmierende Entwicklung nicht nur für Jochen Früh: Kinderarzt Polaczek ergänzt: Die steigende Verunsicherung der Eltern führe zum Nachlassen der Impfbereitschaft; einem vermehrten Auftreten der durch die Impfungen zu verhindernden Erkrankungen, Verlust der Herdenimmunität und damit Verlust des Solidaritätsprinzips. Erstaunlicherweise für den Arzt: In der Regel gebe es keine Ängste vor den Folgen, die durch die eigentliche Erkrankung auftreten könnten. "Meist sind die drohenden Krankheitsverläufe den Eltern überhaupt nicht bekannt. Wir sehen die meisten Erkrankungen, gegen welche es eine empfohlene Impfung gibt, heute nicht mehr häufig, dadurch wähnen sich viele Eltern in Sicherheit." Bei nachlassender Impfbereitschaft würde sich dieses Bild wieder ändern, erläutert er. Seit Einführung der Impfungen gegen Pocken oder ­Diphterie, ergänzt Früh, seien solche Krankheiten, die oft zum Tod oder wie Polio zu schweren Behinderungen führten, aus dem Alltag verschwunden. Doch mit deren Verschwinden, "tauchen jetzt die Ängste vor Impfungen auf".

Prozess "falsch" bewertet

Wie es um die "Qualität" mancher Gegner-Argumente steht, lasse sich gut am Beispiel Masern darstellen: Ein Streit um die Existenz von Masernviren ging zu Ende: Impfgegner und Biologe Stefan Lanka schrieb 2011 aus, wer den Beweis für die Existenz des Masernvirus erbringe, erhalte 100 000 Euro Belohnung. David Bardens, damals Medizinstudent, erbrachte durch mehrere Publikationen den Beweis und forderte die Belohnung. Lanka aber zahlte nicht. In einem Berufungsprozess vor dem Landgericht Stuttgart dann die Wende: Zwar legte Bardens Beweise für die Existenz des Virus vor. Allerdings in mehreren Publikationen und nicht, wie von Lanka gefordert, in einer. Ein Formfehler also, der dazu führte, dass Lanka nicht zahlen musste. "Und was machen Impfgegner daraus?", so nicht nur Frühs rhetorische Frage: "Sie feiern das als ihren Sieg" und Beweis dafür, dass es das Virus nicht gebe.

Gefährliche Stoffe?

Experten nehmen auch andere "Infos" auseinander: Gerne werde die Angst vor risikoreichen Bestandteilen von Impfstoffen geschürt, Aluminiumsalze oder Quecksilber. "Das sind doch extrem geringe Dosen", so Früh und macht eine andere Rechnung auf. Deutliche höhere Konzentrationen liegen bei Deos oder Kosmetikartikeln vor, ganz zu schweigen von Alu-Boxen. "Tee, Kakao, Schokolade oder manche Gewürze sollten sie dann nicht mehr zu sich nehmen, die weisen deutlich höhere Konzentrationen auf." Was Quecksilber betreffe, sei Thunfisch aus der Dose um einiges höher belastet. "Wir konkurrieren bei diesem Thema mit einer Vielzahl an weltanschaulichen Infos, die sich gegen Aufklärung stemmen", macht Früh einen Punkt. Aus diesem Grund lehnt er auch die viel diskutierte Impfpflicht nicht ab, selbst wenn es um eine "Beeinträchtigung der Grundrechte" gehe. Der Kinderarzt Pascal Polaczek ergänzt im Gespräch: "Grundsätzlich wäre es schön, wenn man keine Impfpflicht bräuchte und die Eltern den objektiven Argumenten folgen würden. Da dies jedoch leider nicht funktioniert, halte ich eine Impfpflicht für bestimmte Erkrankungen für unumgänglich. Die Diskussion sollte nicht nur auf Masern beschränkt werden."

Antroposophen deutlich

Wie sehen antroposophisch orientierte Ärzte das brisante Thema? Zwar lehnt die Gesellschaft anthroposophischer Ärzte Deutschland eine generelle Impfpflicht ab, aber der Verband schreibt auch: ­"Anthroposophische Ärzte sind keine Impfgegner, sondern für eine integrative, individuelle Impfentscheidung." Impfungen seien "ein wesentliches Instrument in der Prävention infektiöser Erkrankungen". Und weiter: "Sie haben dazu beigetragen, dass seit dem vergangenen Jahrhundert ungezählte Leben gerettet werden konnten. ­Anthroposophische Medizin würdigt ausdrücklich den Beitrag von Impfungen zur weltweiten Gesundheit und unterstützt sie als wichtige Maßnahme zur Vermeidung lebensbedrohlicher Erkrank-ungen." Anthroposophische Medizin vertrete keine Anti-Impf-Haltung und unterstütze keine Anti-Impf-Bewegungen.

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