Fotos: Süitz Foto: Schwarzwälder Bote

Psychologische Beratungsstelle wird 50 Jahre alt / Hier räumen Paare aus, was zwischen ihnen steht

Stattliche Scheidungsraten, Ehekrisen und Rosenkriege, zerrüttete Familien – sie sind kein Phänomen dieses Jahrhunderts. Das zeigt ein Geburtstagsfest eindrucksvoll auf: Die psychologische Beratungsstelle für Ehe-, Familien- und Lebensfragen feiert am Freitag ihr 50. Jubiläum.

Villingen-Schwenningen. Die Tür zur Beratungsstelle in der Kanzleigasse 30 in Villingen steht sperrangelweit offen. Und tatsächlich: Hier darf einfach hinkommen, wer Probleme in großen Lebensfragen hat oder an einem Scheideweg steht. Die meisten aber rufen einfach an, sagt Emil Zajek, der Sozialpädagoge mit systematischer Familien- und Paartherapeuten-Ausbildung, der die Beratungsstelle leitet. Und schon das ist oft eine Herkulesaufgabe: "Die erste Hürde ist der Anruf", weiß der Sozialpädagoge. Die Nummer der Beratungsstelle haben die Betroffenen meist viel früher irgendwo notiert, sich aber nie getraut, sie zu wählen.

Dass es schwer war, hierherzukommen, sich zu öffnen, und auszusprechen, was allzu oft ein echtes Tabuthema selbst im engsten Umfeld war, das war schon immer so. Seit 50 Jahren gibt es die Beratungsstelle. "Wir sind ein Kind der Nachkriegszeit", erläutert Zajek und erntet für diesen Blick in die Vergangenheit oft verblüffte Blicke. Familienstreits also sind gar nicht so neu, wie man landläufig glauben mag. Im Trümmerdeutschland, weiß der Berater zu erzählen, lagen auch viele Ehen und Familien brach. Der Druck auf die Menschen war enorm, der Wandel rasant. Schritt zu halten, fiel vielen nicht leicht.

Die psychologische Beratungsstelle für Ehe- und Familienberatung hat das erkannt und war im badischen Kirchenraum stark vertreten. Und neben dem geistlichen Beistand, gab es offenbar auch medizinischen – denn vielfach, erzählt Zajek, hätten auch Ärzte zu den Gründern der Initiativen gehört. Dass die Beratungsstelle ihren Platz aber irgendwo nahe der Kirche hat, ist in Zajeks Augen gut so. Das schaffe Raum für menschliche Begegnungen. Zu 80 Prozent werde das Angebot aus der katholischen Kirchensteuer finanziert, zu zehn Prozent durch Stadt und Kreis, zu weiteren zehn Prozent werde es von den Klienten getragen.

Meist finden sie den Weg dorthin durch Empfehlungen, seltener sind es Familienrichter, die die Leute zu Emil Zajek und seiner Kollegin Claudia Hahn schicken. Und die meisten, die kommen, benötigen eine Paarberatung. Manchmal, wissen die Profis, ist man sich eben ganz fern, obwohl man ganz nah beieinander ist. "Hier kommen Menschen an, keine Fälle", stellt Zajek klar – und davon jede Menge, so viele, dass längst eine stattliche Warteliste existiert, auf der Klienten schon einmal bis zu acht Wochen stehen. Der so genannten Lebensberatung, die es hier auch gibt, gehe häufig eine umfassende Veränderung voraus – eine Krankheit, eine Trennung, der Tod eines lieben Menschen, eine ungewollte Kinder- oder allgemeine Pespektivlosigkeit. Es geht darum, neue Blickwinkel zu bekommen in einem Augenblick der Orientierungslosigkeit oder der Überforderung.

Aber wie machen die Berater das? Wie "knacken" sie die Menschen, die vor ihnen sitzen? Wie dringen sie zum Kern des Problems vor? Ganz unterschiedlich. "Manchmal reichen ein bis zwei Termine, manche kommen seit zwei bis drei Jahren. Anfangs muss man erst einmal die Themen herausarbeiten, schildert Claudia Hahn. Und manchmal sind die wirklichen Themen ganz andere als bei Beginn der Gespräche gedacht.

Weil die beiden beziehungsorientiert arbeiten, also eine echte Verbindung zu ihrem Gegenüber aufbauen, verträgt ihre Arbeit keine Hektik. Nur, wenn es bei einem Klienten, egal ob neu oder bekannt, brennt, dann ist Eile geboten. Das herauszufinden, ist die Aufgabe des Sekretariats in der Beratungsstelle. "Wir sind keine Kriseninterventionsstelle, nur in ganz großen Ausnahmefällen zieht man jemanden vor", betont Hahn. Sind die Menschen hier angekommen, geht es an die eigentliche Arbeit.

Bei Paaren werden zunächst Rollen analysiert und ihre Erwartungen an die Paarbeziehung. "Die meisten kommen kurz vor der Trennung", weiß Zajek und auch: "Die haben viel miteinander zu tun und kommen sich nicht nahe." Warum? Das liegt meist an dem, was zwischen ihnen steht (symbolisch auf dem Bild oben dargestellt). Gehen oder bleiben? Die Antwort auf die eigentlich simpel klingende Frage zu finden ist oft schwer. Zajek und Hahn helfen dabei und wissen, worauf es ankommt: Achtsamkeit und eine gute Kommunikation, die sie im Kommunikationstraining schulen. "Wenn Paare sich wieder zuhören und verstanden fühlen, ist es oft schon viel besser", sagt Hahn und weiß: Nicht jedes Päckchen, das ein Paar zu tragen hat, hat es gemeinsam geschnürt. Manchmal bringt einer seine so genannten "Rucksackthemen" schon mit. So vielfältig wie diese ist auch die Arbeit der Berater, die nicht in Akten, sondern immer in die Augen der Menschen blicken.

Weitere Informationen: Die psychologische Beratungsstelle feiert am Freitag, 19. Juli, ab 13.30 Uhr ihr 50-jähriges Bestehen im Münsterzentrum. Neben Grußworten gibt es einen spannenden Vortrag der Psychologin Friederike von Thiedemann über "Verzeihen und Versöhnen in (Paar)-Beziehungen".

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