Interview: Mit Ernst Reiser stellt sich ein streitbares Urgestein der Kommunalpolitik nicht mehr zur Wahl

Mit Ernst Reiser verabschiedet sich einer der kantigsten Stadträte aus dem Gemeinderat Villingen-Schwenningens. Am 26. Mai steht er nicht mehr zur Wahl. Verbunden mit einem Rückblick ist das Engagement eines Villingers für "seinen" Stadtbezirk.

 

Herr Reiser, Sie nehmen kein Blatt vor den Mund. Waren sie schon immer so ein streitbarer Typ?

Eigentlich schon. Das ist ja meine Art. Ich kann mich noch daran erinnern, damals als ich reinkam, 1980, war Paul Riegger, der zu seiner Zeit eine große Persönlichkeit war, noch im Gremium. Er saß in unserer Fraktion von den Freien Wählern und war damals gut 35 Jahre älter als ich und er hatte deshalb eine große Erfahrung. Er hat zu mir gesagt: "Du musst Dir eines merken: Du musst Dich wehren, Du musst Dir nichts gefallen lassen und Du musst Dich immer so verhalten, als ginge es um Dein Geld." Diese drei Grundsätze habe ich angenommen.

Trotzdem haben Sie sich mit der Zeit verändert und ihr Profil geschärft, oder?

Mit der Zeit ist man vielleicht noch ein bisschen frecher geworden (grinst). 1989 kam ja die Gas-Geschichte, das hat mich dann sogar bundesweit bekannt gemacht.

Erzählen Sie mal, wie war das damals...

Mir ist in einem Geschäftsbericht der Stadtwerke aufgefallen, dass die mehr Gas verkaufen als sie einkaufen. Ich habe dann gesagt, dass das ja nicht sein kann – ich kann doch auch nicht mehr Milch verkaufen als meine Kühe geben, es sei denn, ich helfe ein wenig nach, indem ich Wasser zusetze. Ich war davon überzeugt: Da stimmt was nicht. Anfangs hatte man Ausreden. Das Ende vom Lied war nach einem zweijährigen Kampf aber die Erkenntnis, dass sich das Gas bei Erwärmung ausdehnt. Die Kunden haben das Gas ja in Kubikmeter bezogen, und abgerechnet wurde in Kilowattstunden. Weil sich das Gas ausgedehnt hat, ergab das ja mehr Kubikmeter. Das war eigentlich das ganze Geheimnis. Ich hatte am Ende die gesamte deutsche Gasindustrie gegen mich. Schlussendlich wurde dann aber bundesweit das System geändert und hat das zu Rückzahlungen an Kunden geführt.

Das also hat Sie bundesweit für Villingen-Schwenningen bekannt gemacht. Stadtintern aber sind Sie bekannt als "der" Villinger im Gemeinderat. Hat Ihnen Ihre Liebe zu Villingen nicht auch viel Ärger eingebracht?

Ja, gut, das hat man mir schon vorgeworfen. Obwohl, was heißt vorwerfen..., naja, es ist halt festgestellt geworden. Und ich stehe ja auch dazu, das stimmt! Dr. Berweck und ich haben immer gesagt: Wir stehen dazu, unser Herz schlägt für den Stadtbezirk Villingen. Andere machen das genauso – nur hintenrum.

Woraus schließen Sie das?

Wenn man bei den Abstimmungen geschaut hat, welche Hände hochgehen und welche unten bleiben, dann hat man genau gesehen, dass sich auch die Schwenninger für ihren Stadtbezirk einsetzen.

Warum fühlten Sie sich den Villingern besonders verpflichtet?

Ich habe meine Stimmen zu 80 Prozent aus Villingen gehabt, vielleicht zehn oder 15 Prozent aus den kleinen Stadtbezirken und den kleinen Rest aus Schwenningen.

Wurden Sie nie mit dem Hinweis konfrontiert, dass dank der großen Betriebe dort das Geld eigentlich in Schwenningen sitzt und in Villingen ausgegeben wird?

Es war ja gar nicht so, dass man es in Villingen ausgegeben hat, man hat es in Wirklichkeit nämlich in Schwenningen ausgegeben! Zum Beispiel in der ersten Amtszeit von Kubon sind in Schwenningen 100 Millionen Euro mehr investiert worden als in Villingen. Man hat zwar immer betont, das sei im Haushalt ausgeglichen, wenn man das angeführt hat, aber die 100 Millionen Euro liefen ja auch über GmbHs – die Landesgartenschau GmbH mit 60 Millionen Euro, die Eisstadion-Sanierung mit elf Millionen und der Wohnturm der wbg mit 13 Millionen beispielsweise, alles über Gesellschaften.

Trotzdem gut angelegtes Geld in Ihren Augen?

(wiegelt ab). Ich war dafür bekannt, dass ich nicht für die Landesgartenschau war. Und ab dann war ich in Schwenningen auch politisch tot.

Wirklich?

Ja! Sie lachen, aber das ging sogar so weit, dass ich zum Eröffnungsabend der Narrenzunft Schwenningen und zum Abstauben am 6. Januar ab dort nicht mehr eingeladen wurde.

Hat man es Ihnen so krumm genommen, dass Sie ein Gegner der Landesgartenschau waren?

Ich habe nie gesagt, ich bin ein Gegner. Ich war nur nicht dafür, weil ich im Haushalt "tausend" andere Dinge sah, die für mich wichtiger waren. Mir hat für das Geld die Nachhaltigkeit gefehlt. Wenn man dafür Straßen, Brücken oder städtische Gebäude saniert hätte, hätte man eine Nachhaltigkeit für die nächsten 30, 40 Jahre.

Grämt Sie das noch immer?

Nein, ich habe gut damit gelebt und man kann es in der Kommunalpolitik eh nie allen recht machen. Ich habe immer gesagt, wenn 70 Prozent der Bürger sagen, "der Reiser ist okay und macht eine gute Politik" und 30 Prozent sagen, "der Reiser ist ein krummer Hund", dann ist das ein gutes, ein normales Ergebnis.

Und wenn Sie selbst Bilanz ziehen, welches ist Ihr Leuchtturmprojekt in all der Zeit?

(überlegt). Am nützlichsten vielleicht, im Sinne der Bürger, war die Gasgeschichte. Und das andere waren die Nebentätigkeiten vom damaligen Oberbürgermeister Gebauer.

Was war denn damals?

Es gibt ja ein Nebentätigkeitsgesetz. Dr. Gebauer hatte 42 Nebentätigkeiten, die meisten kraft seines Amtes, die ihm fast alle zusätzlich Einnahmen gebracht haben. Nach dem Gesetz hätte er 12 000 D-Mark behalten dürfen und den Rest abführen müssen. Ich habe dann den Kämmerer gefragt, was denn da so reinkommt. Er sagte: "Nichts, noch nie was!" Ich ging dann der Sache auf die Spur, erkundigte mich und analysierte, was da zusammenkommt. Das ergab erstaunliche Beträge. Er war beispielsweise Mitglied im Aufsichtsrat Kraftwerk Laufenburg und laut einem Geschäftsbericht hat er dort 45 000 Schweizer Franken gekriegt, alleine daher. Und es gab noch viele weitere Posten, etwa den Aufsichtsrat bei der Sparkasse und so weiter und so weiter. Der Streit darüber dauerte fast zwei Jahre, zuletzt aber musste man es zugeben und er musste einen Teil abführen. Ich habe aber nie verstanden, dass man ihn später trotz dieser Verfehlungen zum Ehrenbürger gemacht hat.

Gibt es andere Punkte, mit welchen Sie sehr hadern?

Nein, eigentlich gar nicht. Du kannst ja keine Erwartungen haben, Du bist einer unter 40. Es soll sich nur keiner einbilden, auch von den Jungen, er könne die Welt in Villingen-Schwenningen auf den Kopf stellen. Ich bin deshalb ganz selten mal mit Frust heimgekommen.

Nun steht die Entscheidung, Sie treten nicht mehr an. Wie erleben Sie den Wahlkampf – wären Sie doch manchmal gerne noch dabei?

Naja, es ist schon Wehmut dabei. Es waren 39 Jahre, die kann man nicht einfach so wegstecken. Aber ich konnte mich ja jetzt fünf Jahre darauf vorbereiten. Ich hab mir schon damals zum Ziel gesetzt, "mit ner Acht davor, bist Du nicht mehr dabei". Drum ist jetzt der richtige Zeitpunkt – bei einem Abgang ist es sehr wichtig, dass man ihn selber bestimmen kann, dann hat man einen guten Abgang.

Was würden Sie den künftigen Gemeinderäten gerne mit auf den Weg geben?

Eigentlich gar nichts! Wenn ich einen Strich ziehe, dann ziehe ich einen Strich. Ich werde das dann in der Zeitung verfolgen am Morgen beim Frühstück und dabei belasse ich es. Es wird auch keine Einmischung von mir bei den Freien Wählern geben. Ich kann das, ich kann da einen konsequenten Strich ziehen.

Und was macht Ernst Reiser dann?

Gute Frage! (lacht) Langweilig wird es mir nicht. Ich mache gerade eine Höfe-Forschung von Nordstetten, das gibt ein Buch, das auf Weihnachten fertig sein soll. Und auf dem Feld mache ich noch die Arbeit für den Sohn – ich fahre unheimlich gerne Traktor. Und drei Enkel, die im nachbarlichen Haus wohnen, und deshalb sehr viel bei uns sind, haben wir auch noch. Es wird mir nicht langweilig, das ist Fakt!

Vielen Dank, Herr Reiser, für das Gespräch!