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Die Milias müssen wegen Eigenbedarfs raus. Auf Immobilienmarkt weht eisiger Wind.

Villingen-Schwenningen - Die Nerven liegen blank. Familie Milia – Vater, Mutter und zwei kleine Kinder – muss wegen Eigenbedarfs raus und sucht verzweifelt ein neues Zuhause. Doch muss man Millionär oder zumindest ein riesiger Glückspilz sein, um sich in Villingen-Schwenningen den Traum vom Eigenheim zu erfüllen?

Das Haus nahe der Villinger Innenstadt, in dem Familie Milia zur Miete wohnt, wurde verkauft. Der neue Eigentümer meldete vor einem Dreivierteljahr Eigenbedarf an. Die Milias müssen raus.

Für Anna-Maria Milia und Ehemann Alessandro eigentlich eine willkommene Gelegenheit, sich nach einem Eigenheim umzusehen – egal ob Haus oder Wohnung. Mit ganz viel Lust auf Neues machten sich der selbstständige Friseur und die Außendienstmitarbeiterin für Wohnaccessoires (derzeit in Familienpause) auf die Suche. Doch nun, ein Dreivierteljahr später, ist die Euphorie verflogen und großem Frust gewichen. Anna-Maria Milia ist den Tränen nahe, als sie am Küchentisch in ihrer Mietwohnung ihre Situation schildert: "Es ist Wahnsinn, was auf dem Immobilienmarkt los ist – alles, was gebaut wird, ist entweder für Familien unbezahlbar oder zu klein."

Selbst Todesanzeigen werden von vielen durchforstet

Dabei ließ die 32-Jährige nichts unversucht – nur zu einem konnte sie sich nicht hinreißen lassen: Die in VS längst gängige Methode anzuwenden, Todesanzeigen auf der Suche nach verstorbenen Eigenheim-Besitzern zu durchstöbern und die Angehörigen direkt anzurufen. "Das machen viele, das wurde mir auch schon geraten", erzählt die Italienerin im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten. Doch auf dem Immoblienmarkt geht es für ihren Geschmack auch so schon viel zu herzlos zu. Mit den Zinsen sei auch die Menschlichkeit gesunken, sagt sie. An der Wand in dem fröhlich eingerichteten Zuhause der Milias hängen Fotos der vier. Sie lachen, halten sich an den Händen, albern herum. Doch im Laufe der Immobiliensuche ist Anna-Maria Milia das Lachen schon beinahe vergangen.

Sämtliche Immobilienportale im Internet kennt sie wie ihre Westentasche, die Aushänge der Banken und Makler ebenfalls, von den Zeitungsanzeigen ganz zu schweigen. Sie ging mit einem eigenen, pfiffigen Flyer inklusive Foto der Familie persönlich auf die Suche – und bekam zu hören, dass sie "bestimmt schon die Dritte ist", die versucht, auf diese Weise etwas zu finden. Sie postete in Facebook. Sie inserierte in Zeitungen mit einem Foto ihres telefonierenden Kindes, in der Hoffnung, ein Immobilienanbieter werde sich melden. Und sie fragte Hinz und Kunz.

Das Ergebnis ist ernüchternd: Mal schnellen die Preise in die Höhe und eine eben noch für 200 000 Euro angebotene Wohnung wird plötzlich völlig über Wert an einen höher Bietenden für 269 000 Euro verkauft. Oder die Angebote sind weg, ehe man sie als erster Anrufer auf ein Inserat hin überhaupt anschauen kann – und hin und wieder seien bei knapp bestückten Immoblienmaklern in VS sogar längst vergriffene Angebote immer noch zu sehen, nur um Kundschaft zu locken. Wucherpreise auf Großstadtniveau, die sich eine junge Familie wie die Milias beim besten Willen nicht leisten können, sind hier an der Tagesordnung. Eine halbe Million Euro für "ein ganz normales, älteres Haus" hinzublättern, das sei nicht drin.

Es ist kein Einzelfall: "Jeder, mit dem ich rede, erzählt mir dasselbe – viele suchen seit über zwei Jahren und finden nichts", schildert Anna-Maria Milia. So lange Zeit bleibt den Milias mit ihren beiden kleinen Kindern (ein und drei Jahre) nicht mehr – im Frühjahr müssen sie raus. Falls sich nichts Passendes zum Kaufen findet, hätten sich die Milias auch für eine Mietwohnung entschieden – doch selbst da regiert Geld die Welt: Häufig werde die Miete in der angespannten Situation auf dem Markt mal eben um ein paar hundert Euro erhöht – "das sind dann Mieten, mit denen man locker einen eigenen Kredit abbezahlen könnte".

Besonders frustrierend für die junge Familie bei ihrer bisherigen Suche: Immer wieder wurden Singles bevorzugt, selbst wenn es sich wie zuletzt um eine 175 Quadratmeter große Wohnung handelt und sich Anna-Maria Milia nicht nur als Erste auf das Inserat gemeldet hat, sondern auch noch bereit war, den gleichen Kaufpreis zu bezahlen. Sind Kinder unerwünscht? Manchmal drängt sich dieser Verdacht geradezu auf. "Klar, Kinder machen Krach, aber sie beleben auch!", sagt die Vollblut-Mami mit Inbrunst, die eigentlich nur eines will: ein neues Zuhause für ihren Mann und ihre zwei Jungs. "Wir wollen kein Schloss, wir brauchen nicht viel."

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