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Villingen-Schwenningen Drohen nach Corona-Verschwörungstheorie Konsequenzen für Demonstranten?

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Foto: Coloures-Pic – stock.adobe.com

Villingen-Schwenningen - Ein Physiotherapeut behauptet bei einer Kundgebung in Villingen: Hinterbliebene erhalten 5000 Euro Schweigegeld, wenn sie unterschreiben, dass ihr Angehöriger an Corona gestorben sei. Mittlerweile ist der Mann identifiziert - und sein Arbeitgeber distanziert sich von seiner Aussage. Was dieser vom Auftritt seines Mitarbeiters hält und wie der Redner auf Anfragen unserer Zeitung reagiert, erfahren Sie in unserem (SB+)Artikel.

Es ist der 2. Mai. In der Villinger Innenstadt findet die erste Kundgebung gegen die Einschränkungen durch die Corona-Verordnungen statt. Ein Mann mit Säugling im Tragetuch schnappt sich offenbar spontan das Megafon und legt ohne Scheu los.

Er hinterfragt die Wirkung der Schutzmasken, kritisiert die Vorgaben der Regierung. So führt der Mann polemisch aus, ob diese nun auch das Tragen von grünen Hüten zum Schutz anordnen werde. "Schützen die grünen Hüte auch, genau so wie die Mundschutzmasken?" Applaus. Gejohle.

Knapp zweiminütiges Video

Mit dem Satz "Ich bin Physiotherapeut in einer Lungenfachklinik - gut zuhören!" verschafft er sich wieder Gehör. Die Menge wird still. Das Haus sei leer, es sei freigehalten worden für Corona-Infizierte, er befinde sich in Kurzarbeit. "Wie kann so was sein, wo sind die Corona-Patienten?" Man habe lediglich sieben Menschen, die den Virus gehabt hätten, aufgenommen.

Und jetzt wird es interessant. "Wenn mir ein Patient erzählt, dass sein Bettnachbar verstorben ist und den Angehörigen Geld geboten wird – 5000 Euro – dass die unterschreiben, dass er an Covid-19 gestorben ist, da hört’s auf!" Buh- und Pfui-Rufe, wieder Gejohle, Applaus. Anschließend behauptet er, dass man die Menschen weiter manipulieren werde, um sie glauben zu lassen, der Virus sei tödlich und gefährlicher als "irgendein anderer Bullshit-Virus, den wir jedes Jahr haben". Wieder kräftiger Applaus. Es ist der laute Schlussakkord des Mannes, der insbesondere den letzten Satz polternd anführt, um ihm Nachdruck zu verleihen.

Seine Worte, die sonst nur die etwa 100 Teilnehmer der Kundgebung gehört hätten, werden dabei für die Nachwelt festgehalten und in die Welt getragen. Denn die "Freunde der Freiheit", die die Kundgebung bei der Stadt angemeldet hatten, zeichnen die Redebeiträge auf. So geistern Kopien des knapp zweiminütigen Videos mittlerweile auf vielen sozialen Netzwerken durch das Internet. Tausendfach geklickt. Tausendfach geteilt. Im gesamten deutschsprachigen Raum. Denn die Behauptung, die der Redner hier aufstellt, hat es in sich.

Ursprungsvideo wird von Youtube gelöscht

Die "Freunde der Freiheit" stellen die angeblichen Geldzahlungen an Hinterbliebene auf ihrer Facebook-Seite als Tatsache dar, eine kritische Betrachtung dieser Behauptung fehlt gänzlich. Wenn nach Beweisen für diese "Lügen-Prämie" gefragt wird, echauffieren sich die Seiten-Administratoren, statt Antworten zu liefern: "Er steht mit seinem Gesicht und seinem Kind in aller Öffentlichkeit da, bewegt zu einer spontanen Rede, um sich Luft zu machen, und ihr sitzt feige hinter der Tastatur und zweifelt und denunziert ihn." Dass das Ursprungsvideo von der Videoplattform Youtube wegen Verstoßes gegen die Richtlinien mittlerweile gelöscht wurde, sei der "Zensur-Kralle der Behörden" geschuldet.

Und der Physiotherapeut legt noch eine Schippe drauf. Am Freitag sprach er bei einer Kundgebung in Donaueschingen. Er könne nicht verstehen, warum das Video gelöscht wurde. Er habe nicht für sich behalten können, was der Patient ihm gesagt habe, "deshalb musste ich es einfach erzählen!"

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Der Schwarzwälder Bote geht auf Spurensuche – und identifiziert den Mann, dessen Rede derzeit auf zahllosen Bildschirmen in der Republik wiedergegeben und deren Inhalt vielerorts als Tatsache gesehen wird. Es handelt sich um einen 31-jährigen Familienvater, der in Bad Dürrheim wohnt. Und: Er ist tatsächlich Physiotherapeut, arbeitet in einer Lungenfachklinik. Der Mann, der sich selbstbewusst in der Öffentlichkeit gezeigt hat und sich regelmäßig seinen fast 14.000 Followern bei Instagram präsentiert, gibt sich auf telefonische Anfrage unserer Zeitung aber überaus zurückhaltend. Angesprochen auf das Video sagt er: "Ich habe kein Interesse am Schwarzwälder Boten" und legt direkt auf. Die Chance, seine Behauptungen mit Fakten oder weiteren Angaben zu untermauern, nimmt er nicht wahr.

Ob Konsequenzen drohen, ist unklar

Unsere Redaktion hakt weiter nach, kontaktiert seinen Arbeitgeber – die Espan-Klinik in Bad Dürrheim. Der Geschäftsführer der Fachklinik für Atemwegserkrankungen, Bernd Baumbach, meldet sich nach der Bitte um Stellungnahme zu den im Video aufgestellten Behauptungen und distanziert sich zugleich hiervon. Er bestätigt, dass der Redner vom Video Physiotherapeut der Klinik sei, was dieser dort redet sei aber – wörtlich – "Quatsch". Die Geschichte habe mit der Klinik nichts zu tun. Schon alleine deshalb, weil es in der Klinik gar keine Bettnachbarn gebe, jeder Patient habe sein eigenes Zimmer.

"Das ist seine Privatangelegenheit, was er da erzählt", so Baumbach. Allerdings finde der Geschäftsführer es "natürlich nicht so toll", was sein Physiotherapeut in seiner Privatzeit von sich gibt. Sprechen habe er noch nicht mit ihm können, ob Konsequenzen für den Therapeuten drohen, sei bislang unklar.

Er stellt auch klar, dass die Espan-Klinik keineswegs für Corona-Patienten freigeräumt worden sei. Die Klinik sei lediglich gebeten worden, mehrere Zimmer für jene Personen freizuhalten, um sie nach der "akut stationären Versorgung" aufgrund einer Erkrankung an Covid-19 in Bad Dürrheim weiter zu versorgen. Das Haus sei insgesamt gut belegt, die Kurzarbeit werde deshalb nicht mehr lange Bestand haben.

Klinikum distanziert sich ebenfalls

Das Schwarzwald-Baar Klinikum bezieht gegenüber unserer Zeitung ebenfalls klar Stellung zu der angeblichen "Lügen-Prämie". Der Donaueschinger Klinik-Standort ist in der Region die erste Anlaufstelle bei schweren Krankheitsverläufen aufgrund einer Infektion mit dem Coronavirus. Die Kapazitäten für Corona-Patienten werden laut Klinikführung wieder zurückgefahren – denn die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben wohl auch im Schwarzwald-Baar-Kreis zum Erfolg geführt.

Zunächst ist es der Klinik-Sprecherin Sandra Adams wichtig zu betonen, dass der Akteur des Videos kein Mitarbeiter in ihrem Haus ist. "Zu solch einer völlig abstrusen Behauptung möchten wir uns nicht weiter äußern", sagt Adams und betont: "Das ist fernab jeder Realität!"

Nichtsdestotrotz geistert das Video weiter durch Deutschland – hat nach Angaben der "Freunde der Freiheit" innerhalb einer Woche schon mehr als eine Million Menschen erreicht. Dass die Behauptungen des 31-Jährigen haltlos sind, scheint viele Menschen, die das Video weiter verbreiten, trotz fehlender Fakten ganz offensichtlich nicht zu interessieren.

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