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Porträt / Der Schwenninger Elias Raatz organisiert in seiner Heimatregion Poetry Slams

Kreativer Tausendsassa: So lässt sich Elias Raatz in zwei Worten beschreiben. Er selbst verwendet gerne ein bisschen mehr. Der Poetry Slammer, freie Texter, Moderator und Student ist ein Mann der Sprache. Gerade hat er sein erstes Buch herausgegeben, das passenderweise "Textsorbet" heißt.

VS-Schwenningen. "Ich war eine Leseratte, total", erinnert sich Elias Raatz an seine Kindheit. Schon immer habe er alles gelesen – bis auf Liebesromane, erzählt der 21-Jährige mit einem Schmunzeln.

Beim Lesen bleibt es nicht. Schon als junger Kerl fängt er mit dem Schreiben von Geschichten an. Ein Nikolausgedicht schafft es sogar in die Wochenzeitung WOM. "Das war meine erste Ver­öffentlichung", sagt der Schwenninger, der damals etwa acht Jahre alt ist.

Noch einmal so viele Jahre später passiert etwas Entscheidendes: Seine Mutter macht ihn auf einen Poetry Slam in der Schwenninger Stadt­bücherei aufmerksam. Elias Raatz nimmt teil, trägt zwei Texte vor – einen über Jugendsuizid, den anderen über seine Lebensphilosophie – und gewinnt. Spätestens seit damals bestimmt die Sprache sein Leben.

Mit 18 organisiert er an den St.-Ursula-Schulen in Villingen, die er selbst besucht, einen Poetry-Slam-Workshop. Und er nimmt an zahlreichen Slams in Baden-Württemberg teil. Es sind diese Dichterwettstreite auf der Bühne, die es ihm angetan haben.

Er wechselt die Seiten

Nach dem Abitur allerdings verändert sich etwas. Ohne den Schulalltag brechen Raatz’ gewohnte Themen weg, zudem fehlt die Zeit. Er jobbt als Kellner und in einer Werbeagentur. Daraufhin wechselt er im Januar 2017 quasi die Seiten: Im Theater am Turm bekommt er die Möglichkeit, erstmals einen Slam zu organisieren. Eigentlich habe er die Veranstaltung klein aufziehen wollen, erzählt er. Doch es gibt einen Verständigungsfehler zwischen ihm und dem Theater. Weil plötzlich so viele Tickets verkauft sind, zieht Elias Raatz das Ganze doch einfach eine Nummer größer auf. Was vor allem in Unistädten funktioniert, begeistert offensichtlich auch das Publikum in der Heimatregion des 21-Jährigen. Ausverkauft. "Es war für mich eine schöne Sache, zu sehen: Man bietet Kultur an, und es wird total gut angenommen." Dem Theater am Turm ist er für diese Chance bis heute dankbar.

Inzwischen findet dort viermal pro Jahr ein Poetry Slam statt. Solche Veranstaltungen – Elias Raatz spricht bei seinen "Dichterwettbewerben deluxe" von "gehobener Kleinkunst" – zu organisieren, ist "zu einem sehr großen und wichtigen Bestandteil" seines Lebens geworden. Er steht dabei als Moderator auf der Bühne, selbst tritt er kaum mehr als Dichter auf. "Poetry Slam ist wirklich was für alle." Das liegt auch daran, dass der 21-Jährige bei der Auswahl der Künstler auf eine gute Mischung achtet. Jüngere treffen auf Ältere, die, die nachdenkliche Texte vortragen, gibt es genauso wie solche, die ein komödiantisches Talent haben, gerne philosophieren oder sich an politische Themen wagen. "Man lacht, man weint, man denkt nach – alles an einem Abend", bringt es der Schwenninger auf den Punkt. Nach jedem Vortrag vergibt das Publikum Noten für den Auftritt.

Neues Metier entdeckt

Er selbst hat sich als Künstler inzwischen einem anderen Metier zugewandt: dem ­Powerpoint-Karaoke. Auch das ist so eine Disziplin, die gern mal in Unistädten, aber weniger auf dem flachen Land anzutreffen ist, und damit genau ein Fall für den umtriebigen und kreativen Raatz. Vor Publikum sehen die Künstler dabei eine Powerpoint-Präsentation zu einem beliebigen Thema. Spontan müssen sie einen passenden Vortrag halten. Das könne von "Schwarze Löcher leicht erklärt" bis zu "Der Ausflug der Klasse drei in den Streichelzoo" reichen, sagt Raatz. Anschließend werden die Vortragenden, wie bei den Slams, von den Zuschauern bewertet. Als wäre das alles noch nicht genug, studiert Elias Raatz inzwischen Medienwissenschaften und Germanistik in Tübingen, das dritte Semester liegt hinter ihm. Seither ist er in der Unistadt zu Hause.

Seinen Nebenjob in einer Villinger Werbeagentur hat er trotzdem noch, er arbeitet außerdem als freier Texter, betreut seine Facebook- und Webseiten und baut das Veranstaltungsmanagement weiter aus. Projekte und Veranstaltungen, etwa im "Museum Art.Plus" in Donaueschingen sind dazugekommen. Neuerdings vertritt der 21-Jährige zudem ein Künstlerduo. Dass viel Herzblut dahinter steckt, das ist zu spüren, wenn Elias Ratz von seinem Portfolio erzählt. Dass er sieben Tage die Woche voll beschäftigt ist, wird dabei auch deutlich. Gut, dass vieles für ihn keine Arbeit, sondern Leidenschaft ist.

Gerade mit den Poetry Slams habe er sich einen Traum erfüllt. Am 6. April wagt sich Elias Raatz damit erstmals auf die große Bühne: Das städtische Kulturamt veranstaltet einen von Raatz’ Slams in der Neckarhalle, ein "Best of Poetry Slam" und die größte Veranstaltung dieser Art in der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Auf der Bühne stehen neun Künstler und natürlich der Schwenninger als Moderator.

Buch herausgegeben

Die Tatsache, dass er wie nebenher gerade auch noch ein Buch herausgegeben hat, erstaunt da kaum noch. In "Textsorbet" finden sich Beiträge von 28 Poeten von Raatz’ "Dichterwettbewerb deluxe"-Reihe. Darunter einer von Elias Raatz. Es ist eine Kurzgeschichte, ein Prosatext. Sie gibt einen Hinweis darauf, wo die Reise für den 21-Jährigen künftig hingehen könnte. Denn nach "Textsorbet" schreibt er nun an einem Roman. Dem dritten. "Ich hab schon zwei erfolgreich abgebrochen", erinnert sich der Student lachend. Nach jeweils rund 100 Seiten war Schluss. Was für ein Glück, das Elias Raatz die Wort so schnell nicht ausgehen.

Weitere Informationen: www.dichterwettstreit-deluxe.de

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