Thomas Caster, Geschäftsführer der Schwenninger Zinser-Filiale, will Öffentlichkeit und Politik "wachrütteln".Fotos: Moser Foto: Schwarzwälder Bote

Wirtschaft: Kampagne macht auf Not des Einzelhandels aufmerksam / Türen des Modehaus Zinser bleiben zu

Auf den ersten Blick sind es nur sieben Buchstaben, welche die beiden Aktionen "Wir machen auf" und "Wir machen auf_merksam" unterscheiden. Doch in Wirklichkeit liegen Welten dazwischen, sagt Thomas Caster vom Modehaus Zinser.

VS-Schwenningen. Groß war der Aufschrei der Einzelhändler, als Bund und Länder Anfang Januar beschlossen, den Lockdown über den 10. Januar hinaus zunächst bis zum Monatsende zu verlängern. Ähnlich groß war der Aufschrei, als kurz danach die umstrittene Aktion "Wir machen auf" bundesweit für Aufsehen sorgte. Gastronomen und Einzelhändler, die infolge des Lockdowns ihre Türen geschlossen halten müssen, wurden aufgerufen, als Zeichen des Protests dennoch ganz normal zu öffnen – und eventuelle Strafen in Kauf zu nehmen. Auch in Schwenninger und Umgebung kursierten entsprechende Aufrufe. Allerdings zeigte sich im Lauf der Woche, dass die Aktion bundesweit nur wenig Anklang fand. Kaum ein Geschäft oder Restaurant öffnete seine Türen illegalerweise.

Und die Schwenninger Einzelhändler? Ein Streifzug über Markt- und Muslenplatz am Freitag zeigt: Auch hier stieß die Aufforderung, trotz der Corona-Verordnungen zu öffnen, auf taube Ohren. Geöffnet haben nur die, die es dürfen – also beispielsweise Lebensmittelhändler, Optiker und Drogerien. Modehäuser, Buchläden und Co. bieten höchstens die seit dieser Woche in Baden-Württemberg wieder erlaubten Abholservices an. Die Einzelhändler ziehen es offenbar vor, ihren Protest in legalem Rahmen geltend zu machen. Thomas Caster, Geschäftsführer der Schwenninger Filiale des Modehauses Zinser ist einer von ihnen. Er beteiligt sich an der Aktion "Wir machen auf_merksam", welche die Öffnung des derzeit geschlossenen lokalen Einzelhandels oder alternativ angemessene Entschädigungen fordert.

Auch "Casa Moda" macht bei der bundesweiten Aktion mit

Dabei distanziert sich die gesamte Aktion "Wir machen auf_merksam" genauso wie Caster selbst von der ungeliebten Fast-Namensvetterin, der Aktion "Wir machen auf". Diese hatte sich vornehmlich über den Nachrichtendienst Telegram zusammengefunden, der bei der Anti-Corona-Begegnung populär ist, und dadurch für viele einen faden Beigeschmack erhalten. Auf ihrer Webseite betont die Aktion "Wir machen auf_merksam": "Wir sind keine Corona-Leugner! Wir sind keine Rechten! Wir sind keine Schwurbler! Wir sind keine Maskenverweigerer!"

Diese Unterscheidung ist auch Caster wichtig: Ziel der Aktion sei es zwar, die Politik zur Öffnung des Einzelhandels zu bewegen – aber nicht um jeden Preis und nicht auf illegalem Wege. Sollte es nicht möglich sein, den Einzelhandel zu öffnen, will "Wir machen auf_merksam" zumindest erreichen, dass "wir eine angemessene Entschädigung erhalten", sagt Caster. Denn das sei momentan nicht der Fall. Die meisten Einzelhändler "leben gerade von ihren Rücklagen", die aber bei vielen nicht mehr lange ausreichen würden.

Gerade im Modehandel ist die Situation dramatisch, sagt Caster mit Blick auf das Unternehmen Zinser. Offizielle Angaben des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg bestätigen das. Die neusten Zahlen stammen aus dem vergangenen November und zeigen: Im gesamten Bundesland mussten Geschäfte für Textilien, Bekleidung, Schuhe und Lederwaren ein Umsatzminus von mehr als 21 Prozent hinnehmen. Durch den Lockdown im Dezember und Januar ist zu erwarten, dass die Zahlen in diesen Monaten noch drastischer eingebrochen sind.

Erschwerend komme hinzu, sagt Caster, dass es sich bei Kleidung um "verderbliche Ware" handle: "Die aktuelle Wintermode ist Ende Februar eigentlich nichts mehr wert." Gleichzeitig sei es kaum möglich, im Einkauf kurzfristig auf den Lockdown zu reagieren, weiß auch Birgit Messner, Inhaberin von "Casa Moda" in Schwenningen. Auch sie beteiligt sich an der Aktion "Wir machen auf_merksam".

Die Kleidung, die aktuell verkauft wird – oder werden sollte – musste bereits vor mehr als einem Jahr bestellt werden, erklärt sie. Gleichzeitig, bestätigt Caster vom Modehaus Zinser, müssen jetzt schon die Waren für das Frühjahr 2021 bestellt werden – und das trotz erheblicher Umsatzeinbußen und ohne Kenntnis der Situation, die dann herrschen wird. Auch deshalb soll die Aktion, auf die er mit Plakaten, leeren Schaufenstern und ausgeschalteter Beleuchtung aufmerksam macht, "wachrütteln" und zeigen, wie es in den Innenstädten aussehen könnte, "wenn es noch länger so weitergeht".

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