Das Wohnquartier Sauerwasen ist zweckmäßiger Siedlungsbau / Häuser heute beliebt bei jungen Familien
Von Wilfried Strohmeier
VS-Schwenningen. "Am Neckar, am Neckar, do ischt e Jedes gern": Dieses Volkslied wird auch heute noch in Schwenningen gesungen. Wir bauen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und stellen die sieben großen Stadtviertel von Schwenningen in loser Reihenfolge vor. Teil zwei: der Sauerwasen, die "grüne Lunge".
Geprägt durch kleine Einfamilienhäuser mit großem Garten ist der Sauerwasen oder "Suure Wasä" – wie er bei den alten Schwenningern heißt. Der Stadtteil Richtung Zollhaus entstand ab Ende der 1920er-Jahre als Arbeitersiedlung.
Die kleinen Einfamilienhäuser auf dem Gewann Sauerwasen sind heute beliebt bei jungen Familien. Als sie gebaut wurden, waren sie Zweckbauten, in denen oft vielköpfige Familien wohnten, und der große Garten diente der Selbstversorgung.
Das Wort Wasen stammt von dem althochdeutschen Wort Waso ab. Dies bezeichnete ein Feuchtgebiet oder eine feuchte Wiesenfläche. Und das trifft für dieses Gebiet auch zu. Der Sauerwasen war einst eine Schwenninger Allmendweide mit geringwertigem, saurem Futter. In der Zeit, in der die Fläche noch landwirtschaftlich genutzt wurde, gab es zwar auch Umnutzungen in Äcker in dem Bereich, doch wurden die sehr schnell wieder in Wiesen zurückverwandelt, da sie zu wenig abwarfen und die Bewirtschaftung zu beschwerlich war.
Ab 1927 entstand im Zuge der Schwenninger Industrialisierung auf dem Gebiet die Arbeitersiedlung. Die Tatsache, dass die Wohnfläche schnell verfügbar sein musste, führte zu einer Billigbauweise. Geplant wurde der neue Stadtteil damals von Stadtbaurat Ernst Möbs. Er plante auch die Hammerstatt. Möbs wurde am 3. Juni 1883 in Waiblingen geboren und kam im Oktober 1906 nach Schwenningen, eigentlich zunächst für drei Jahre, nachzulesen in dem Buch "Als Schwenningen Großstadt werden wollte" von Folkhard Cremer. Möbs blieb. Denn nach dem Ersten Weltkrieg erhielt er die Aufgabe, neue Wohnquartiere für die aufstrebende Industriestadt zu schaffen. Im Jahr 1926 formulierte der Stadtplaner seine Anforderungen an den Siedlungsbau in der Neckarstadt.
Die Häuser sollen günstig das Stadtbild beeinflussen und es gelte "unansehenliche, regellose Streusiedlungen" zu vermeiden. Des weiteren wollte er den Wohnbau auf wenige Viertel beschränken und eine Gewähr für eine mögliche Erweiterung der Wohnviertel geben. Ebenso soll eine Hebung der Qualität im Zuge einer rationellen Bauausführung geschaffen werden, in dem es nur wenige Haustypen gibt, die im Serienbau realisiert werden konnten. Bereits vor rund 90 Jahren schon in Teilen Grundsätze, denen der moderne Wohnungsbau heute noch folgt. So kam es zu den schlichten Hausentwürfen in einer traditionell-sachlichen Form, beschreibt Cremer den Verlauf. Im Gewann Sauerwasen wurde gänzlich auf Verzierungen an den Häusern verzichtet.
Das Wohnquartier entstand zwar auf dem Reißbrett, man wollte aber, dass es so aussehen sollte, als ob es eine gewachsene Struktur sei. So täuschte Möbs dies durch unregelmäßige Straßenführungen vor. Kern des neuen Stadtteils war eine so genannte T-Kreuzung von Schwarzwaldplatz, Kandelstraße und Schwarzwaldstraße, um die so etwas wie der Quartierkern entstand.
Auf dem Sauerwasen gab es am 23. Juni 1928 die Ausstellung "Städtische Zweckbauten" in dem damals knapp 20 000 Einwohner zählenden Schwenningen. Der Bürgermeister Ingo Lang von Langen kommtierte sie mit den Worten: "Wir wollen zeigen, wie man bauen muss, wenn man nur wenig Geld hat, wie man gemütlich und heimisch wohnen kann, wir wollten Zweckbauten zeigen, die in ihrer Art, Planung und Ausführung mustergültig sind."
Im Lauf der weiteren Jahrzehnte erweiterten die Bewohner ihre Häuser mit verschiedenen Anbauten – vor wie auch hinter den Häusern. 1966 entschloss sich die Siedlergemeinschaft Sauerwasen, diesem "Wildwuchs" ein Ende zu bereiten. Man wollte die Grundstrukturen der Häuser und ihrer großen Gärten erhalten, wie Annemarie Conradt-Mach in einem Aufsatz zum Sauerwasen berichtet. Auch wuchs das Wohnquartier in den 1960ern. 1960 entstand der fünstöckige Wohnblock Sauerwasen West und 1968 das so genannte Punkthaus – wie es in vielen größeren Städten gebaut wurde. Dies baute man an der Ecke Wasen-/Beethovenstraße.