Chorleiterin Kristina Becker bilanziert das erste Jahr der "Harmonics". Foto: Pohl

Leiterin Kristina Becker spricht im Interview über das erste – etwas andere – Jahr des jungen Chores des MGV Frohsinn.

Proben fallen aus, geplante Auftritte können nicht stattfinden – hinter dem Schwenninger Jugendchor "Harmonics" liegt ein außergewöhnliches erstes Jahr. Welche Bilanz Dirigentin und Gründerin Kristina Becker zieht und wieso sie trotz allem optimistisch in die Zukunft blickt, erfahren Sie in unserem (SB+)Artikel

 

VS-Schwenningen - Die Nachwuchsarbeit in Chören ist oft schwierig. Während in Kooperation mit Schulen zumindest noch Kinder für den Gesang begeistert werden können, klafft spätestens bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein Loch in den Vereinen. Um dem entgegen zu wirken, hat Kristina Becker vor gut einem Jahr die "Harmonics" im MGV Frohsinn gegründet. Im Interview bilanziert sie das erste Jahr und blickt in die Zukunft.

Seit gut einem Jahr gibt es nun den jungen Chor des MGV Frohsinn, die "Harmonics". Das Jahr haben Sie sich sicherlich anders vorgestellt, oder?

Definitiv ja. Wir haben den Chor vergangenes Jahr im September gegründet, hatten dann das schöne Weihnachtskonzert und wollten danach eigentlich auch durchstarten. Bis dato hatten wir nur gemeinsame Auftritte mit dem älteren Chor des MGV Frohsinn, und wir wollten dieses Jahr auch alleine Konzerte machen.

Gab es da schon konkrete Pläne?

Ja, es war ein Konzert auf dem Muslenplatz geplant und wir wollten in der Stadt auch Sing-Flashmobs machen. Wir hatten also eigentlich echt etwas vor. Und leider kam dann der erste Lockdown.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Anfangs dachten wir, es sei gar nicht so schlimm, wir überbrücken zwei Monate oder so und starten wieder durch. Doch daraus wurde ja bekanntlich bisher nichts und ich glaube, es wird auch noch länger dauern bis wir wieder singen dürfen.

Gibt es trotz der Unterbrechungen durch Corona positive Aspekte zu bilanzieren?

Trotz dessen, dass wir so wenig gesungen haben und so wenig miteinander machen konnten, war es eine intensive Zeit. Und wir konnten sogar Neuzugänge verzeichnen. Das war nicht zuletzt die Folge dessen, dass wir an unserer Internetpräsenz gearbeitet haben in der Zeit. Wir nutzen beispielsweise unseren Instagram-Account, über den wir versuchen, immer wieder etwas zu posten.

Wie haben Sie die gesanglose Zeit noch genutzt?

Wir haben im November überlegt, was wir mit unserem Vereinsraum machen können, um ihn attraktiver zu gestalten. Und daraus entstand das Ziel, dass wir für die Rückkehr der kulturellen Veranstaltungen gewappnet sein wollen. Das heißt, dass wir gerade dabei sind, neue Technik einzubauen, um zukünftig nicht nur unsere Proben dort abhalten zu können, sondern tatsächlich auch für kleinere Veranstaltungen – auch mit anderen Künstlern – anbieten zu können.

Die "Harmonics" sind aber auch musikalisch nicht ganz untätig gewesen, sondern haben digital auf sich aufmerksam gemacht. Wie ist die Idee des Online-Singens entstanden?

Wir sind eine gute Gemeinschaft, uns war allen unfassbar langweilig und wir dachten, wenn wir alle schon nichts zu tun haben, treffen wir uns mittwochs wenigstens weiterhin, wenn auch über das Internet. Das war allerdings während des ersten Lockdowns so. Momentan sind wir online nicht so aktiv, weil wir sehr viele Mitglieder haben, die aktuell deutlich weniger Zeit haben. Ich denke aber, wir starten nach den Feiertagen im neuen Jahr wieder einen Anlauf, uns online regelmäßig wieder zu sehen.

Ausgerechnet zur Weihnachtszeit, in der normalerweise gerne gesungen wird und auch Auftritte locken, steht das Leben wieder weitestgehend still. Wie gehen Sie durch diese stille Zeit?

Es läuft natürlich die ganze Zeit Musik bei mir zu Hause. Aber ich versuche mich tatsächlich darauf zu konzentrieren, dass die Musik wahnsinnig groß ist und es auch andere Sparten gibt, in denen man arbeiten kann – also nicht nur das Musikmachen. Ich kümmere mich also vor allem um Organisatorisches. Das ersetzt aber definitiv nicht das stimmungsvolle Weihnachten.

Als Chorleiterin haben Sie also Ihre Aufgaben. Aber wie gehen die anderen Chormitglieder damit um?

Es wird natürlich bedauert, dass nichts läuft. Und da ich ja nicht nur für den jungen Chor, sondern auch für die anderen Sänger des MGV Frohsinn als Dirigentin verantwortlich bin, mache ich mir vor allem um die älteren Mitglieder Sorgen. Der eine oder andere macht sich sicherlich Gedanken, wie lange er noch singen möchte und da könnte eine solche Zeit ohne Proben und regelmäßige Treffen den Entscheidungsprozess beschleunigen – was ich natürlich nicht möchte. Grundsätzlich geht es vielen aber in erster Linie um den regelmäßigen Kontakt und nicht nur um das Singen, das fehlt. Damit kommen die jüngeren vielleicht etwas besser zurecht.

Blicken wir in die Zukunft der "Harmonics". Was planen Sie für das kommende Jahr?

Das Einzige, was sich momentan zuverlässig planen lässt, ist die angesprochene Modernisierung im Vereinsheim. Davon profitieren aber nicht nur die "Harmonics", sondern der ganze Verein, denn den Saal nutzen schließlich alle. Zusätzlich erstellen wir aktuell eine Homepage für den Chor, um präsenter zu sein und den Verein weiter voranzubringen.

Wie schaffen Sie es, trotz weniger Treffen und ohne Auftritte einen so jungen Chor bei Laune und zusammen zu halten?

Damit musste ich mich tatsächlich nicht viel beschäftigen, weil alle miteinander befreundet sind. Dadurch reicht es aus, dass der Kontakt auch ohne Singproben nicht abbricht. Ich selber versuche natürlich trotzdem meinen Teil dazu beizutragen, dass der Chor attraktiv bleibt, indem ich Projekte in Aussicht stelle, auf die die Mitglieder Bock haben.

Welche personelle Entwicklung hat der Chor denn genommen?

Im Zuge von Corona hatte sich eine Sängerin aus familiären Gründen vorerst zurückgezogen, sie will aber wiederkommen. Ansonsten haben wir sogar drei Neuzugänge zu verzeichnen, darunter sogar zwei Jungs. Aktuell sind wir 13 Leute – und das in dieser schwierigen Zeit. Darüber bin ich sehr froh.

Was wünschen Sie sich für 2021 und die Entwicklung des Chores?

Dass wir singen dürfen, dass wir auftreten dürfen und dass wir regelmäßig Zeit miteinander verbringen dürfen. Aber ich bin guter Dinge.n Die Fragen stellte Michael Pohl.