Die Sexarbeit befindet sich aufgrund der Corona-Pandemie in der Krise. (Symbolfoto) Foto: dpa

Auch im Herz 34 schrillen die Alarmglocken. Betreiber fordert von Politik klare Ansagen. 

Villingen-Schwenningen - Noch immer ist in Baden-Württemberg wegen der Corona-Pandemie der Betrieb von Bordellen sowie jede Ausübung von Sexarbeit verboten. Für die Betreiber der Etablissements wird die Situation zum Überlebenskampf. Auch im Herz 34 in Villingen schrillen die Alarmglocken.

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Der Betreiber der Einrichtung, der nicht namentlich genannt werden möchte, hat dem Schwarzwälder Boten Fragen beantwortet. Er könne nicht verstehen, warum andere Einrichtungen mit ähnlichem Infektionsrisiko geöffnet haben dürfen. Von der Politik fordert er klare Ansagen. 

Wie ergeht es dem Herz 34 derzeit?

Die Corona-Maßnahmen und das damit verbundene Betriebsverbot kam für alle sehr überraschend und trifft uns natürlich - wie viele andere Unternehmen in Deutschland - sehr hart. Niemand hatte damit gerechnet, dass plötzlich die Polizei vor der Tür steht und sagt: "Sie wissen - ab Mitternacht läuft hier nichts mehr!" Weder vom Gesundheitsamt noch von anderen staatlichen Organisationen wurde man vorab informiert, auch nicht bis zum heutigen Tage. Sämtliche Informationen muss man sich selbst im Internet einholen, da die Ämter vor Ort oftmals selbst nicht genau wissen, wie die Sachlage aktuell aussieht. Das macht eine Planung für uns, für unser Personal und für unsere Gäste aktuell schlichtweg unmöglich.

Wie stehen Sie finanziell da?

Anfangs haben wir die Soforthilfe beantragt und diese auch erhalten, aber man kann sich vorstellen, dass dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bedeutet. Es war eine Soforthilfe über drei Monate, das Betriebsverbot läuft jetzt aber schon bereits seit fünf Monaten und es ist noch kein Ende in Sicht.

Wir konnten unsere weiter laufenden Fixkosten, die ja anstehen, trotz Betriebsverbot bis heute stemmen, mussten jedoch auch auf andere finanzielle Hilfsmittel zurückgreifen, die wir über die kommenden Jahre zusätzlich wieder erwirtschaften müssen. 

Was ist mit Ihren Mitarbeitern? 

Unsere Betriebsangestellten beschäftigen wir aktuell alle in Kurzarbeit. Die wechselnd bei uns wohnenden Mieterinnen* durften nach den Maßnahmen nicht mehr bei uns einziehen. Wir bekommen immer wieder Anfragen, wann der Betrieb bei uns wieder startet, da viele nun nicht wissen, wo sie hinsollen und vor großen finanziellen Problemen stehen.

Da unklar ist, wie aktuell der Kurs der Politik weitergeht, müssen wir die Anfragen leider immer zurückweisen. Verwirrung entsteht vor allem dadurch, dass es wohl in unterschiedlichen Bundesländern und Städten unterschiedliche Regelungen zu geben scheint. Überall in Bayern, Trier und voraussichtlich Hessen ist beispielsweise der reguläre Betrieb schon wieder möglich, natürlich unter Berücksichtigung eines Hygienekonzeptes. In Baden-Württemberg scheint man davon noch sehr weit entfernt zu sein. Im Schwimmbad kann man aber ohne Maske und Mindestabstand sehr entspannt die Zeit im Wasser genießen. Da fragt man sich dann schon, wo hier die Gleichbehandlung vor dem Gesetz stattfindet.  

Was wünschen Sie sich von der Politik?  

Von der Politik wünschen wir uns vor allem eine klare Linie, klare Definition und einen geregelten Informationsfluss, damit man überhaupt wieder einmal in die Lage kommt, eine Planung für die Zukunft erstellen zu können. So wie es jetzt läuft, wird alle zwei Monate eine neue Begründung gefunden, die Maßnahmen aufrecht zu erhalten. Wir müssen aktiv täglich nachschauen, ob sich etwas an der Gesetzeslage ändert. Es kommt immer wieder das Gefühl auf, dass man von der Politik allein gelassen und vergessen wird. 

Halten Sie es für gerechtfertigt, dass Bordelle geschlossen haben müssen? 

Wir halten es nicht für gerechtfertigt, dass wir geschlossen haben müssen, da andere Einrichtungen, in denen dasselbe Infektionsrisiko besteht wie bei uns, schon seit Längerem geöffnet haben dürfen, wir aber nicht. Von der Bundesregierung wurde zu Anfang der Corona-Krise immer wieder gesagt, dass keine Person wegen Corona arbeitslos werden würde - dies ist aber eingetroffen. Hätten wir nicht zusätzlich zu den Soforthilfen - die natürlich gut waren, aber bei Weitem nicht ausreichend - auf andere finanzielle Unterstützung zugreifen können, so wären wir nun aktuell wohl in einer sehr schlechten Lage. 

Was halten Ihre Kunden von der gezwungenen Schließung? 

Wir haben zu zahlreichen Stammkunden Kontakt, die auch regelmäßig nachfragen, wann wir wieder öffnen - diese Nachfragen können wir leider nicht beantworten. Das enttäuscht natürlich unsere Kunden und bringt uns immer wieder in Erklärungsnot. Von Kundenseite bekommen wir sehr häufig den Eindruck, dass großes Unverständnis herrscht, weil wie oben beschrieben in anderen Einrichtungen der Publikumsverkehr mittlerweile problemlos geduldet wird.  

Falls die Politik einen Betrieb unter Hygiene-Auflagen erlauben würde, würden Sie dann wieder öffnen? 

Natürlich sofort! Wir sind auch sofort bereit, ein Hygienekonzept bereitzustellen und der Betrieb unter den - wenn sie dann mal vorliegen - geforderten Auflagen wieder aufzunehmen. Große Bauchschmerzen bereitet uns jedoch das Thema Besucherlisten: Wir wären genauso wie zum Beispiel Restaurants gefordert, Besucherlisten zu führen. In einem Betrieb, der einen sehr hohen Wert auf Anonymität und Diskretion legt, ist es schier unmöglich zu protokollieren, wer uns wann besucht hat. Dies wird unseren Kunden sicherlich ein Dorn im Auge sein und sehr viele dann auch abschrecken, auch wenn wir wieder geöffnet haben. 

*Anmerkung der Redaktion: Mit Mieterinnen sind in diesem Zusammenhang die Sexarbeiterinnen gemeint. 

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