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Villingen-Schwenningen Anti-Corona-Kundgebung: Verschwörungstheorie auf dem Prüfstand

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In Villingen wurde am Wochenende demonstriert. Foto: Heinig

Villingen-Schwenningen - Nach einer Art "Anti-Corona"-Kundgebung in Villingen-Schwenningen geht ein Video der Veranstaltung viral. In diesem behauptet ein Redner - nach eigener Aussage Physiotherapeut in einer Lungenfachklinik -, dass Angehörige von Vestorbenen bezahlt werden, wenn sie als Todesursache Covid-19 angeben. Diese Verschwörungstheorie scheint den Nerv vieler Menschen zu treffen. Auf Youtube hat die Aufnahme am Mittwoch bereits 55.000 Aufrufe, stündlich kommen hunderte Klicks dazu. Warum die Aussagen des Videos abwegig sind, lesen Sie in unserem (SB+)-Artikel. 

Vorab sei kurz wiedergegeben, was genau der Mann im Video sagt: Er sei Physiotherapeut in einer Lungenfachklinik und derzeit in Kurzarbeit. Die Lungenfachklinik sei leer, das Haus sei freigehalten worden für Corona-Patienten. "Wo sind die Corona-Patienten, für die die Betten freigelassen wurden? Wo sind die?", fragt er aufgebracht. Sieben Corona-Patienten seien derzeit in der Klinik in Behandlung, berichtet er weiter. Außerdem habe ihm ein Patient erzählt, dass sein Bettnachbar gestorben sei. Den Angehörigen des Verstorbenen seien 5000 Euro geboten worden, wenn sie unterschreiben, dass der Angehörige an Covid-19 gestorben sei. Dann meint der Demonstrant, dass sich alle, die nicht bei der Kundgebung seien, manipulieren ließen. Wörtlich: "Jeder sitzt vor dem Fernseher, lässt sich sieben Mal am Tag manipulieren, dass Covid-19, Corona, tödlich ist und gefährlicher sein soll, als irgend ein anderer Bullshit-Virus, den wir jedes Jahr haben."

Knapp zwei Minuten geht das Video* mit dem Titel "VS-Villingen - 5.000 Euro Corona Schweigegeld für Angehörige Verstorbener - Demo 02.05.2020". Zwei Minuten, die hier auf ihre Wahrscheinlichkeit geprüft werden sollen.

Punkt 1: Ist der Mann Physiotherapeut in einer Lungenfachklinik? 

Das lässt sich einerseits nicht so leicht nachprüfen. Andererseits gibt es in der Region nur wenige Lungenfachkliniken. Da in der Videobeschreibung von einer Reha-Lungenfachklinik die Rede ist, kommt vor allem die Mediclin-Albert-Schweitzer-Klinik in Königsfeld in Betracht. Dort werden Corona-Patienten behandelt. Die Einrichtung gibt dem Schwarzwälder Boten die Auskunft: "Der Herr arbeitet nicht in unserer Klinik." Zudem habe man in der Klinik weder Kurzarbeit angemeldet, noch seien bislang Patienten gestorben. Außerdem seien derzeit immer zwischen 15 und 20 Corona-Patienten zur Behandlung in der Klinik. Vier weitere regionale Rehakliniken sichteten das Video ebenfalls und kamen zu dem Schluss: Der Mann ist keiner ihrer Mitarbeiter. 

Dass in manchen deutschen Kliniken Kurzarbeit angemeldet wurde, ist aber richtig. Wegen der Corona-Pandemie und damit entfallenden gewinnbringenden Operationen verzeichnen viele Kliniken enorme Einbußen. In Baden-Württemberg haben allerdings keine Kliniken zu der Maßnahme gegriffen. Und bei den Reha-Kliniken ist Annette Baumer von der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft bislang auch nur eine Einrichtung im Kreis Ravensburg bekannt, die Kurzarbeit angemeldet hat. Dass eine (Reha-)Lungenfachklinik in der aktuellen Situation von dem Instrument gegen Arbeitsplatzabbau Gebrauch machen musste, bezweifelt Baumer. Sie sagt: "Ich kann mir das nicht vorstellen."

Update 12. Mai: Es handelt sich tatsächlich um einen 31-jährigen Familienvater, der in Bad Dürrheim wohnt. Und: Er ist tatsächlich Physiotherapeut, arbeitet in einer Lungenfachklinik. Mehr dazu lesen Sie hier.

Punkt 2: Die Frage nach dem Ausbleiben von Corona-Patienten. 

Die Infektionswelle in Deutschland ist wieder abgeflacht. Zudem hat die Bundesregierung ein wichtiges Ziel im Kampf gegen die Pandemie erreicht: Nämlich, dass die Zahl der Corona-Patienten bislang immer unter der Kapazitätsgrenze bleibt. Dass die Betten für Corona-Patienten also niemals ausgehen. Indes hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Bundesländern angesichts der abgeschwächten Infektionsdynamik empfohlen, ab Mai wieder weniger Kapazitäten für Corona-Patienten freizuhalten.

Fazit: Stimmt. Allerdings ist das der Plan: Unter der Kapazitätsgrenze bleiben. 

Punkt 3: Die Verschwörungstheorie, dass Angehörige bestochen werden, wennn sie als Todesursache Covid-19 angeben.

Angehörige haben gar nicht die Macht zu bestimmen, was die Todesursache eines Verstorbenen ist. Das dürfen nur Ärzte, Pathologen oder Rechtsmediziner. Eine Bestechung wäre also unsinnig.

Die Debatte darüber, ob Menschen an Covid-19 oder aufgrund ihrer Vorerkrankungen nicht eher mit Covid-19 gestorben sind, schwelt seit Wochen. In Baden-Württemberg werden bislang alle Todesfälle gezählt, die mit und an Sars-CoV-2 gestorben sind. Mit gestorben bedeutet, dass die Person aufgrund anderer Ursachen gestorben ist, aber auch ein positiver Befund auf Sars-CoV-2 vorlag. An Sars-CoV-2 gestorben bedeutet, dass die Person aufgrund der gemeldeten Krankheit gestorben ist.

Selbst wenn also Angehörige bestochen würden, anzugeben, dass Covid-19 die Todesursache bei dem Verstorbenen ist. Und selbst wenn diese Angabe dann für die Leichenschau maßgeblich wäre, würde es für die Zählung der Corona-Todesfälle in Baden-Württemberg keinen Unterschied machen. Dort werden - wie erwähnt - alle Toten, die eine bestätigte Infektion hatten, gezählt.  

Punkt 4: Wie (un-)gefährlich ist das Coronavirus?

Wie gefährlich das Coronavirus wirklich ist, kann derzeit noch niemand mit Gewissheit sagen. Dafür ist das Virus zu unerforscht. Immer wieder wird versucht, über die Sterblichkeitsraten Vergleiche mit der Grippe zu ziehen. Diese Vergleiche hinken jedoch grundsätzlich. Anders als bei der saisonalen Grippe gibt es gegen Sars-CoV-2 bisher keine Impfung. Und deshalb ist das Virus - selbst wenn es für ein Individuum gleich gefährlich sein sollte - für die Gesellschaft ein größeres Problem. In der Bevölkerung fehlt die sogenannte Grundimmunität. Ohne sie verbreitet sich der Erreger sehr schnell und weit.

*Anmerkung der Redaktion: Das Original-Video wurde mittlerweile entfernt, "weil es gegen die Community-Richtlinien von YouTube verstößt". Eine Kopie ist bislang jedoch weiter auf Yotube zu finden.

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Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

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