Ein Stipendium an der Villa Massimo in Rom ist eine besondere Auszeichnung für Kulturschaffende. In Stuttgart werden jetzt die taufrischen Ergebnisse gezeigt – was taugen sie? An diesem Wochenende ist der Eintritt in die Ausstellungen frei.
Bjørn Melhus staunte nicht schlecht, als er an einem seiner ersten Abende in Rom in den Himmel über der heiligen Stadt blickte. Was dort blinkte, war nicht etwa Gottes Schöpfung, sondern eine Formation der Satelliten von Elon Musks Firma SpaceX. Wie eine Perlenkette leuchteten die Lichter zunächst ordentlich in einer Reihe, bevor sich die Satelliten auf ihre vorgesehenen Umlaufbahnen verteilten.
Nun blinkt eine ähnliche „Perlenkette“ in der Staatsgalerie Stuttgart in dem neuen Video von Melhus, das während seines Aufenthalts an der Villa Massimo entstanden und nun beim „Sommer der Künste“ zu sehen ist. So nennt sich das kleine Festival, bei dem an diesem Wochenende auch andere Stipendiatinnen und Stipendiaten der Villa Massimo mit ihren Arbeiten in Stuttgart zu Gast sind. Seit mehr als hundert Jahren existiert die sagenumwobene Deutsche Akademie Rom Villa Massimo. In Stuttgart haben sich nun erstmals mehrere Institutionen zusammengetan und geben an diesem Wochenende Einblicke in das, was in den vergangenen Monaten in Rom entstanden ist an Kompositionen und literarischen Texten, an Kunst und Architektur.
Staatsgalerie lädt ein zum Dialog mit eigenen Werken
Die Staatsgalerie Stuttgart wollte den Künstlern Yael Bartana, Bjørn Melhus und Manaf Halbouni nicht nur ein Forum bieten, sondern hat die drei eingeladen, auf Werke der Sammlung zu reagieren. Bjørn Melhus hat sich Grafiken von Max Beckmann ausgesucht, der mit zynischem Gestus die Apokalypse kommentierte. Die Antwort von Melhus ist nun komplett digital erzeugt: In seiner Videoarbeit „Revelation (Offenbarung)“ schweben rhythmisch das Lamm Gottes, die Pferde der apokalyptischen Reiter und Engelsfiguren über die Screens, Astronauten und Satelliten sowie künstlich generierte Bilder von Landschaften, Vulkanausbrüchen und Infernos.
Die diesjährige Stipendiaten-Generation ist erst vor wenigen Tagen aus Rom zurückgekehrt. Bjørn Melhus hatte sich den Aufenthalt völlig anders vorgestellt, ruhiger und isolierter. Stattdessen habe er „viel Input“ bekommen durch die zahllosen Kulturschätze Roms, den intensiven Austausch mit den anderen Stipendiaten und den Veranstaltungen in der Villa. Sie wurde 1910 von dem jüdischen Unternehmer und Kunstmäzen Eduard Arnhold gegründet. Heute wird der Rompreis, wie das Stipendium nun heißt, vom Bundeskulturministerium vergeben.
Im Kunstmuseum Stuttgart wird gerade ein taufrischer Einführungsfilm über die Villa Massimo gezeigt, den Bjørn Melhus ebenfalls gedreht hat und der Einblicke in die imposanten Ateliers und den fantastischen Garten gibt. So renommiert die Villa Massimo aber ist, so wird freilich auch hier nur mit Wasser gekocht. Ob die nun in Stuttgart vorgestellten Arbeiten es auch ohne den Nimbus der Villa Massimo ins Museum geschafft hätten, sei dahin gestellt.
Auch das Kunstmuseum hat Stipendiaten zu Gast
Im Kunstmuseum präsentiert Danica Dakić nun eine Videoarbeit über das Vergessen. Sie hat ihre Tochter gefilmt, die an leeren Bücherregalen vorbei streift, an denen nur noch verblasste Schilder an die Zeugnisse der Vergangenheit erinnern. Auch das Motiv eines Vulkans, dessen Asche die Geschichte begräbt, spielt auf das Vergessen an.
Die Staatsgalerie Stuttgart nutzt die Kooperation mit der Villa Massimo auf kluge Weise, um sich und die eigene Sammlung ins Gespräch zu bringen. Allerdings taugen Auftragsarbeiten, die nur auf Bestehendes reagieren, nur bedingt als autonome Werke und begnügen sich in der Regel mit Referenzen. Die Staatsgalerie profitiert dagegen doppelt – denn sie hat auch Yael Bartana eingeladen. Die israelische Künstlerin ist derzeit in aller Munde, weil sie den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig bespielt. Von ihrer dortigen Videoarbeit hat sie denn auch einen Ausschnitt nach Stuttgart mitgebracht.
Aus der Sammlung hat sich Yael Bartana außerdem Max Ernsts Gemälde „Heilige Cäcilie – Das unsichtbare Klavier“ (1923) ausgesucht. Die Märtyrerin soll bei Musikklängen eingemauert worden sein, deshalb hat Bartana nun einen Flügel aufgestellt, auf dem wie von Geisterhand zeitgenössische Kompositionen gespielt werden.
Kein elitärer Elfenbeinturm
Zehn Monate können die Künstlerinnen und Künstler in Rom arbeiten, inzwischen ist es auch möglich, die Familie mitzubringen. Als elitären Elfenbeinturm hat Bjørn Melhus die Villa Massimo nicht erlebt, im Gegenteil sei es eher eine „Spielwiese, wo man out of the box denken kann“, wie er es nennt.
Für Manaf Halbouni, einen Künstler aus Damaskus, der heute in Berlin und Zagreb lebt, bot Rom einen neuen Anlass, um über Themen wie Heimat, Flucht und kulturelle Durchmischung nachzudenken. Er hat sich in der Staatsgalerie eine Arbeit aus den 1920er Jahren von Hermann Finsterlin ausgesucht. Ursprünglich als Spiel konzipiert, stehen nun in der Vitrine kleine Architekturmodelle: Pyramide, Kathedrale, Moschee und Tempel. Manaf Halbouni hat nun Gemälde von alten Wohnhäusern ergänzt, die allerhand Zitate dieser verschiedenen Baustile aufweisen – wie Sockel und Gesimse. Die knalligen Farben dieser Wohlstand versprechenden Villen führen allerdings in die Irre, denn Manaf Halbouni will damit auf seine eigene syrisch-deutsche Familiengeschichte und auf Flucht und Vertreibung anspielen.
Kostenloser „Sommer der Künste“ am Wochenende
Kunst
Die Ausstellungen laufen bis 26. Januar und sind in der Staatsgalerie Stuttgart ( Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Do bis 20 Uhr geöffnet) und im Kunstmuseum Stuttgart (Di bis So von 10 bis 18 Uhr und freitags bis 21 Uhr). An diesem Wochenende ist der Eintritt in die „Sommer der Künste“-Ausstellungen kostenlos.
Architektur
Am Samstag, 20. Juli, diskutieren die Architektur-Rompreisträger Susanne Brorson und Sebastian Sowa in der Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart über „Utopien der Moderne“ (16.30 Uhr), Brorson wird zudem am Sonntag, 21. Juli, in der Weissenhofwerkstatt im Haus Mies van der Rohe bei einem Künstlerinnen-Talk (10 und 15 Uhr) Rede und Antwort stehen.
Literatur
Im Literaturhaus beginnt am Samstag, 20. Juli, (19 Uhr) die Lange Nacht der Literatur mit Lesungen von Kristof Magnusson, Katerina Poladjan und Arne Rautenberg. Marcel Beyer und Marko Nikodijević legen auch Musik auf.