Weil der Wind Skispringen stark beeinflussen kann, gibt es ein kompliziertes System, das Vor- und Nachteile über Bonuspunkte und Abzüge auszugleichen versucht. Das schafft mehr Gerechtigkeit, Diskussionen gibt es aber trotzdem – auch bei der Tournee.
Stuttgart - Wie schwer es sein kann, den Sport fairer machen zu wollen, erlebt die Fußball-Bundesliga seit einiger Zeit. Der Videobeweis löst viele Zweifel auf, aber eben längst nicht alle. Diskutiert wird weiterhin, oft sogar noch heftiger als früher. Es gibt Sportarten, die sind auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit schon ein Stückchen weiter. Zum Beispiel das Skispringen.
Viele Outdoor-Disziplinen verzichten darauf, Einflüsse von Wind, Wetter und Wettkampfflächen zu kompensieren. Im Weitsprung wird der Anlauf nicht verkürzt, wenn es plötzlich mehr von hinten bläst. Im Abfahrtslauf bekommen Athleten, nur weil Wolken aufgezogen sind, keine Zeit gutgeschrieben. Und im Bobfahren gehört es dazu, dass das Eis in der Bahn weicher werden kann und bremst. Im Skispringen tat man sich schwerer, den Faktor Natur zu akzeptieren, was durchaus nachvollziehbar ist. Die Schanzen stehen oft so exponiert in der Landschaft, dass sie sehr windanfällig sind. Und dazu ist das Flugsystem der Springer so sensibel, dass sich schon ein bisschen Aufwind mehr oder etwas Rückenwind weniger stark auf die Weite auswirken. Deshalb existiert seit 2009 ein kompliziertes Regelwerk, das helfen soll, Vor- und Nachteile aufzuwiegen.
Diskussionen nach dem Auftaktspringen
Seither gibt es Bonuspunkte für Springer, die schlechte Verhältnisse hatten, und Abzüge für Aufwind. Außerdem kann die Jury die Länge des Anlaufs variieren und so steuern, wie weit die Sprünge gehen können. Wird verkürzt, werden auch dafür Punkte gutgeschrieben. „Dies alles hat das Skispringen deutlich fairer und sicherer gemacht“, sagt der frühere Bundestrainer und TV-Experte Werner Schuster, „in unserem Sport und bei den Fans genießt die Windregel große Akzeptanz.“ Diskussionen gibt es trotzdem hin und wieder – zum Beispiel nach dem Auftaktspringen der Vierschanzentournee in Oberstdorf.
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Am Ende des zweiten Durchgangs hatte die Jury stark in den Wettkampf eingegriffen. Nach dem bis dahin weitesten Satz des Slowenen Lovro Kos auf 139,5 Meter (den Schanzenrekord von 143,5 Metern hält der Norweger Sigurd Pettersen seit 18 Jahren), wurde der Anlauf um eine Luke verkürzt. Der spätere Sieger Ryoyu Kobayashi zeigte den perfekten Sprung, profitierte aber auch von leichtem Aufwind und landete nach 141 Metern. Die Jury befürchtete, dass es nun noch weiter gehen und damit gefährlich werden könnte, ging mit dem Anlauf weitere zwei Luken nach unten. Der Norweger Marius Lindvik kam dennoch auf 137,5 Meter, Karl Geiger danach aber nur auf 131 Meter – ausgerechnet er hatte im unteren Drittel schlechtere Bedingungen.
Karl Geiger mit weniger Anlauf
Daraufhin reagierte die Jury erneut, Halvor Egner Granerud (133 Meter/2.) und Robert Johansson (131 Meter/3.) fuhren wieder zwei Luken weiter oben weg. Klar, am Ende gewann der Beste. Der Nachteil, den Karl Geiger hatte, wurde über die Bonuspunkte für weniger Anlauf und weniger Aufwind zwar gemildert, aber nicht völlig kompensiert. Im deutschen Lager hat sich darüber niemand groß beschwert, denn letztlich war es um Nuancen gegangen. Experten wie Sven Hannawald aber merkten an, dass der Oberstdorfer ziemlich sicher aufs Podest gesprungen wäre, hätte er ähnlich viel Anlauf gehabt wie seine Konkurrenten Kobayashi, Granerud und Johansson (beide Norwegen).
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Das Beispiel zeigt: Vieles lässt sich mit modernsten Windmessern (fünf stehen an jeder Schanze) regeln, auch in einer Outdoor-Sportart. Hundertprozentige Gerechtigkeit aber ist unmöglich. Weshalb es durchaus Leute gibt, die sich nach den (vermeintlich) guten alten Zeiten sehnen – als zwar viele Wettkämpfe einer Windlotterie glichen, aber immer derjenige gewonnen hat, der am weitesten gesprungen ist. Und der Sieger nicht erst vom Computer unter Berücksichtigung aller Wind-, Gate- und Sprungrichter-Punkte mit komplizierten Formeln errechnet werden musste. „Ginge es nach mir“, sagt Peter Schröcksnadel (80), Vizepräsident im Ski-Weltverband (Fis), „würde ich die Windregel abschaffen.“
Klare Worte von Werner Schuster
Werner Schuster teilt diese Meinung nicht, sondern findet klare Worte. Skispringen sei ja nicht gerade die Kernkompetenz von Schröcksnadel, der als langjähriger Boss des Österreichischen Skiverbands vor allem bei den Alpinen Spuren hinterlassen hat. „Ich bin verwundert, dass er diesen Vorschlag immer wieder ins Spiel bringt“, sagt Schuster, „die Windregel ist essenziell fürs Skispringen. Denn dadurch steht die Leistung des Einzelnen im Vordergrund.“ Weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen. Und das auch noch ohne Videobeweis.