Die deutschen Hoffnungen bei der 74. Vierschanzentournee ruhen nicht auf den Schultern der Stars der Vergangenheit. Luca Roth aus Meßstetten ist wieder dabei.
Bei der Frage nach den Favoriten der 74. Vierschanzentournee, die am Sonntag mit der Qualifikation von Oberstdorf (den Bericht der Quali finden Sie hier: Chronik eines angekündigten Fiaskos; den Bericht des Wettkampfs hier: Mit Schwabenpower vorn dabei) beginnt, fallen nur deutschen Befragten auch Namen von deutschen Springern ein. Die heißen aber nicht Karl Geiger und Andreas Wellinger.
Obwohl die beiden Ex-Topspringer so sehr schwächelten, dass sie nicht mehr durch die Qualifikation kamen und schon kurz nach Weltcup-Start für Extra-Trainingsschichten eine Auszeit nehmen mussten, hatten sie einen Freifahrtschein für die Tournee.
„Das kann ich jetzt schon sagen“, erklärte Bundestrainer Stefan Horngacher nach dem Weltcup in Engelberg in Bezug auf Geiger und Wellinger, die beide nicht am Start waren, „die sind definitiv in Oberstdorf dabei. Ich nehme sie mit Sicherheit mit, weil es meine beiden besten Springer der letzten Jahre sind.“
Der große Knall im Dezember
Oder besser: waren. Denn die Probleme fingen nicht erst bei den Weltcups in Wisla Anfang Dezember – Karl Geiger patzte zweimal in der Qualifikation – und Klingenthal eine Woche später an, als Andreas Wellinger in der Quali kleben blieb.
Probleme schon im Sommer
Schon im Sommer hatten die beiden Probleme. Erst spät setzte sie Bundestrainer Horngacher ein, als es dann im österreichischen Hinzenbach Plätze zwischen 20 und 30 waren, hieß es: „Das war ja jetzt der erste Einsatz der beiden.“
Der Quali-Super-GAU
Später im Sommer wurde Andreas Wellinger wegen seines Anzugs disqualifiziert, Karl Geiger schaffte die Quali beim Sommer-Grand-Prix von Klingenthal nicht. Warum sollte jetzt also nach zwei Trainings-Wochenenden mehr eine Wunderheilung einsetzen?
„Nach Klingenthal habe ich in Absprache mit den Trainern die Notbremse gezogen und für den Weltcup in Engelberg pausiert. Stattdessen habe ich die Zeit genutzt, um über mehrere Tage methodisch, also mit unterschiedlichen Ansätzen, an meiner Sprungtechnik zu arbeiten“, berichtet Andreas Wellinger.
Italienischer Vizemeister
Zum Abschluss seiner „intensiven Trainingswochen“ belegte er bei den italienischen Skisprung-Meisterschaften den zweiten Platz. Auch Geiger verstärkte die italienischen Meisterschaften und wurde Vierter, direkt hinter dem „echten“ italienischen Meister Giovanni Bresadola. Ob dieses Titelkämpfe – es siegte der Österreicher Stefan Rainer – wirklich ein Härtetest waren, muss die Quali von Oberstdorf zeigen.
Karl Geigers kleine Schritte
Geiger jedenfalls stellt sich auf kleine Schritte zurück zur Wettkampfform ein: „Mein Ziel ist es, über die rasche Abfolge der Tournee-Wettkämpfe den Rhythmus schnell wieder aufnehmen zu können.“ Dafür muss er aber erst einmal die Qualifikation überstehen.
Luca Roth wieder dabei
Gute Nachrichten gibt es nach dem Weltcup in Engelberg für Luca Roth aus Meßstetten (Zollernalbkreis): „Unsere Nationale Gruppe wird uns sowohl in Oberstdorf als auch in Garmisch-Partenkirchen verstärken“, berichtete Horngacher. Und die besteht aus „Luca Roth, Ben Bayer, Max Unglaube und Constantin Schmid“.
Wird wieder ein Platz frei?
Gut möglich, dass nach den beiden deutschen Stationen plötzlich wieder ein Platz für die beiden österreichischen Stationen der Tournee frei wird. Um einen solchen zu ergattern, müsste aber der auch nicht fehlerfreie Luca Roth deutlich besser abschneiden als die beiden schwächelnden Altststars. Dass er es kann, hat er schon bewiesen. Nicht nur im Sommer.
Die Hoffnungen auf bessere Zeiten liegen vor allem auf den Schultern des 25-jährigen Philipp Raimund. Auch Horngacher hofft darauf, dass er und Spätstarter Felix Hoffmann (28) ein Wörtchen um den Gesamtsieg mitsprechen können. „Aufgrund ihrer Konstanz firmieren sie aktuell unter den besten zehn der Weltrangliste und zählen ergo zum großen Kreis der Mitfavoriten“, sagt er.
„Ein bebendes Stadion“
Raimund, der sich selbst „in Schlagdistanz“ sieht, macht sich keinen Stress und freut sich lieber auf eine außergewöhnliche Erfahrung: „Ein bebendes Stadion erleben zu dürfen, ist schon eines der besten Erlebnisse, die man als Skispringer haben kann.“
Erste komplette Tournee für Felix Hoffmann
Und Felix Hoffmann freut sich auf ein Novum seiner nicht kurzen Karriere: „Ich bin ja schon öfter in der Nationalen Gruppe an den Start gegangen, konnte bisher aber noch nie eine komplette Tournee absolvieren.“ Das wird sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ändern.