Derzeit nur Zuschauer und Gratulanten: Karl Geiger (links) und Andreas Wellinger stecken tief in der Krise. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Vor einem Jahr sprangen Karl Geiger und Andreas Wellinger in Garmisch unter die Top Ten. Jetzt kämpfen sie um einen Platz unter den besten 50.

Ratlos stand Andreas Wellinger hinter dem Zielauslauf und versuchte zu erklären, warum nicht mehr als Platz 49 – später wurde durch die Disqualifikation des Slowenen Timi Zajc Platz 48 – herausgekommen ist.

 

„Ja, ich habe mir heute auch wieder brutal schwer getan mit dem Gefühl, dass ich sauber durch den Radius durchfahre“, kam es schnell und hektisch aus seinem Mund, „dann ist es nur ein Ziehen und Legen. Ich bin viel zu schnell in den Flug übersetzt, knapp an der Kante, ohne Energie und Höhengewinn, und dann funktioniert es halt nicht.“

Übersetzt heißt das: Es stimmt im Moment hinten und vorne nicht mit seinem Sprungsystem. Und durch die vielen Misserfolge kommt auch eine psychologische Seite dazu: Die Lockerheit, die Andi Wellinger immer ausgezeichnet hat, ist weg.

Das Nagen am Selbstvertrauen

„In sportlichen Krisen die Ruhe und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu bewahren, ist deutlich leichter gesagt als getan“, sagt Sportpsychologe René Paasch. Doch genau das wäre nötig. Nicht nur bei Wellinger.

Karl Geiger ist in dieser Saison wegen der veränderten Regeln schon seit dem Sommer noch tiefer in die Krise gerutscht. Und nach dem Aus in der Qualifikation von Oberstdorf war er ähnlich ratlos wie Wellinger. „Wir haben herausgefunden, in welche Richtung es gehen muss“, ist er überzeugt.

Probleme seit dem Sommer

Nach seinem katastrophalen Weltcup-Start mit zwei vermissten Qualifikationen im polnischen Wisla Anfang Dezember hatte er den Weltcup verlassen, um intensiv zu trainieren. Nutznießer war Luca Roth aus Meßstetten, der in den Weltcup-Kader rutschte.

80 Trainingssprünge verpuffen

Sage und schreibe 80 Trainingssprünge absolvierte Geiger mit Co-Trainer Maximilian Mechler auf den Anlagen in Oberstdorf, Planica und Predazzo. Erfolg im Ernstfall: null. Platz 53 in der Quali und das Aus.

Horngachers Pläne durchkreuzt

„Die Tournee mit den kurz aufeinanderfolgenden Wettkämpfen bietet die Chance, den Wettkampfrhythmus schnell wieder aufzunehmen“, hoffte Bundestrainer Stefan Horngacher vor Tourneebeginn auf Besserung. Doch kurz aufeinander folgten die Wettkämpfe für Geiger nicht. In Oberstdorf musste er zweimal zuschauen.

Und jetzt kommt Garmisch-Partenkirchen. Ein Blick zurück: Am Neujahrstag 2025 war Karl Geiger der beste Deutsche auf Platz 6. Ein Jahr später grübelt er über die Basics seines Sprungs: „Wie muss die Hocke sein, wie muss der Abdruck sein, damit sich der Ski aufbauen kann, damit der Körper wieder leicht wird.“

Pleiten führen in die Abwärtsspirale

Dieses Grübeln, weiß Sportpsychologe Nick Stieglitz, ist meist kontraproduktiv. „Leistungsdruck, Niederlagen und Motivationsprobleme sind häufige Auslöser sportlicher und mentaler Krisen“, sagt er. Doch der Druck auf Geiger wächst – er hat noch keine Olympianorm und nur bis zum 20. Januar Zeit. Weiterer Dauerdruck, weitere Tiefpunkte und Selbstzweifel befeuern den Weg nach unten. „Ein Teufelskreis“, sagt Stieglitz.

Geiger klingt nicht so, als ob er den Glauben an seine Stärke schnell wiederfindet. „Meine Probleme waren, dass ich keinen Druck im Sprung hatte und dass sich mein Flugsystem nicht geschlossen hat. Das muss ich beheben“, sagt er.

Kleine Ziele – große Wirkung

In Garmisch-Partenkirchen ist das erste Ziel, die Qualifikation zu überstehen. „Je kleiner die Abstände zwischen einzelnen neuen Zwischenzielen sind, desto eher machen sich Erfolge – wenn auch kleine – bemerkbar“, sagt Mentaltrainerin Johanna Constantini, „dies dient dem Selbstwert und ist während sportlicher Tiefpunkte von großer Bedeutung.“

Erst mal die Quali überstehen

Und so kann die Spirale nach unten vielleicht mit einer erfolgreichen Quali am Mittwoch (16.00/ZDF und Eurosport) durchbrochen werden. Auch bei Andreas Wellinger. Der hat das Motto schon ausgegeben: „Neue Schanze, neues Glück.“