Nach dem Ausschluss des Slowenen, dessen Anzug um drei Millimeter von der Norm abwich, ist der Tenor eindeutig: Gut, dass im Skispringen endlich hart kontrolliert wird.
Die deutlichsten Worte sprach Sven Hannawald. „Ich möchte keine Sieger, die bescheißen“, erklärte der letzte deutsche Gewinner der Vierschanzentournee (2002) und heutige TV-Experte, nachdem der zweitplatzierte Slowene Timi Zajc beim Auftaktspringen am Montagabend in Oberstdorf disqualifiziert worden war. „Dementsprechend: Auf Wiedersehen!“ Ähnlich polemisch hat sich sonst niemand geäußert, der Tenor der Meinungen aber war eindeutig: Gut, dass nun derart streng und konsequent kontrolliert wird. Schließlich ist das im Skispringen noch nicht lange so.
Der größte Skandal in der Sportart liegt erst zehn Monate zurück. Bei ihrer Heim-WM in Trondheim manipulierten die Norweger Anzüge, der Betrug wurde durch ein anonymes Video aufgedeckt und „Material-Doping“ zum geflügelten Wort. Es war der Anlass für den Ski-Weltverband Fis, sein Überprüfungssystem zu überarbeiten. „Es wird nun härter und professioneller kontrolliert. Dadurch sind bei den Anzügen Flächen weggefallen, die früher genutzt wurden“, erklärte Andreas Bauer, der Vorsitzende der Fis-Materialkommission für Skisprung und Kombination, in Oberstdorf gegenüber unserer Zeitung, „ich will nicht sagen, dass es jetzt gar keinen Spielraum mehr gibt. Aber die möglichen Schlupflöcher sind sehr klein geworden – und es wird so viel gemessen wie nie zuvor.“ Was Timi Zajc bei der Tournee zum Verhängnis wurde.
Es geht um drei Millimeter
Der Slowene hatte auf der Schanze am Schattenberg hinter seinem dominierenden Landsmann Domen Prevc punktgleich mit dem Österreicher Daniel Tschofenig Rang zwei belegt und befand sich schon auf dem Weg zur Siegerehrung, als ihn die Nachricht von der Disqualifikation stoppte. Ausschlaggebend waren drei Millimeter. „Das ist nicht viel, aber zu viel“, sagte Mathias Hafele, „Regel ist Regel.“
Der Österreicher ist der neue hauptamtliche Chefkontrolleur der Fis. Und einer, der weiß, wovon er spricht. Hafele war zehn Jahre Materialtechniker des österreichischen Teams, dann sechs Jahre in dieser Funktion bei den polnischen Skispringern. Er kann selbst Anzüge nähen, kennt alle Tricks. Als statt Timi Zajc der um einen Platz nach oben gerückte Thüringer Felix Hoffmann am Montagabend aufs Podest sprang, erklärte Hafele den Medien, was genau passiert war.
Bei der ersten Kontrolle hatte noch alles gepasst
Jeder Anzug, der im Weltcup gesprungen wird, ist im Vorfeld von den Fis-Kontrolleuren begutachtet, freigegeben und gechipt worden – auch der von Timi Zajc. Bei der nachträglichen Überprüfung der besten sechs Springer des Tournee-Auftakts ergab die Messung, dass die Beinlänge seines Anzugs um drei Millimeter zu kurz war. Wie es dazu kam, ist unklar. Möglich wäre, dass das Material vor der ursprünglichen Freigabe unzulässigerweise gedehnt worden war oder dass nach dem Chippen Veränderungen vorgenommen worden sind. „Bei der ersten Prüfung hat noch alles gepasst“, sagte Hafele, „was danach mit den Anzügen gemacht wird, können wir nicht kontrollieren. Das ist absolut unmöglich.“ Klar ist dagegen, dass Timi Zajc trotz der scheinbar kleinen Abweichung einen größeren Vorteil gehabt hat.
Die Anzüge der Springer werden an den Schuhen eingehakt und somit straff gezogen. Ist das Maß der Beinlänge zu kurz, entsteht durch den automatisch nach unten gedehnten Schrittbereich unerlaubt mehr Fläche, die im Flug unterstützt. Jeder Zentimeter über der Norm, so die Rechnung von Experten, bringt drei Meter mehr an Weite. Im Fall Zajc bedeutet das: Die Abweichung von drei Millimetern könnte dem Slowenen zu einem Meter zusätzlich verholfen haben. Auch weil die Springer auf den Plätzen zwei bis sechs in Oberstdorf nur etwas mehr als zwei Meter trennten, sagte Andreas Bauer: „Die Disqualifikation von Timi Zajc war berechtigt.“ Kaum jemand hat widersprochen, nicht mal die Slowenen.
Timi Zajc reagiert mit Humor auf seinen Ausschluss
„Es wurde mehrmals nachgemessen. Das Ergebnis müssen wir leider akzeptieren, wir können daran nichts ändern“, sagte Cheftrainer Robert Hrgota. Und Teamkollege Domen Prevc meinte: „Wir agieren alle am Limit, da kann schnell etwas schiefgehen.“ Zajc selbst reagierte in den sozialen Medien mit Humor auf seine Disqualifikation. „Lasst uns den Anzug ein bisschen stretchen“, schrieb der Mixed-Olympiasieger, „vielleicht ist dann in Garmisch-Partenkirchen alles okay.“
Die bessere Variante wäre, dort mit einem regelkonformen Anzug zu springen, der mit Blick auf die Grenzwerte etwas Luft lässt, sodass es nicht auf jeden Millimeter ankommt. „Man hat gesehen, dass keiner verschont wird“, sagte Bundestrainer Stefan Horngacher, „wenn irgendetwas nicht passt, dann passt es nicht, und es gibt Konsequenzen.“ Philipp Raimund, der sich durch den Ausschluss auf Platz fünf verbessert hatte, meinte: „Ich finde es gut, dass bei den Kontrollen hart durchgezogen wird.“ Ähnlich äußerte sich Markus Eisenbichler. „Es wurde ein Zeichen gesetzt“, erklärte der Ex-Weltmeister und TV-Experte, „es war ein Warnschuss für die Besten. Jetzt weiß jeder, dass scharf kontrolliert wird.“ Was ganz im Sinne des Weltverbandes ist.
Dass erstmals in diesem Winter ein Weltklasse-Athlet ausgeschlossen worden war, bestärkte Andreas Bauer in seinem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. „Das Skispringen“, sagte der Fis-Funktionär, „ist durch die strengen Kontrollen auf jeden Fall fairer geworden.“