Stefan Kraft ist das Sorgenkind des österreichischen Skisprungteams – in unserer Bildergalerie finden Sie alle Tournee-Sieger seit Sven Hannawald 2002. Foto: imago

Warum die österreichischen Skispringer bei der Vierschanzentournee darum kämpfen, nicht den Glauben an sich selbst zu verlieren – und dabei manchmal ziemlich Kraft-los wirken.

Innsbruck/Stuttgart - Wie wichtig Skispringen in Österreich ist, zeigt die Anleihe, welche die „Kronen-Zeitung“ nahm – in der Bibel. Das Boulevardblatt erinnerte an das Gleichnis von den sieben fetten Jahren, auf die sieben magere folgen. Und zog die Parallele zum österreichischen Schanzenteam, das auch bei dieser Tournee darum kämpft, den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren.

 

Sieben Jahre lang dominierten die ÖSV-Adler den Höhepunkt zwischen Weihnachten und Dreikönig. Wolfgang Loitzl (2009), Andreas Kofler (2010), Thomas Morgenstern (2011), Gregor Schlierenzauer (2012, 2013), Thomas Diethart (2014) und Stefan Kraft (2015) siegten in Serie (in unserer Bildergalerie finden Sie alle Sieger seit Sven Hannawald 2002). In den sieben Jahren danach? Flogen die Österreicher den eigenen Ansprüchen meist hinterher. Zuletzt waren sie dabei sogar ziemlich Kraft-los.

In der Loipe statt auf der Schanze

Als Ryoyu Kobayashi und Markus Eisenbichler beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen um den Sieg kämpften, offenbarte Stefan Kraft seinen Followern, wie sehr er aus der Spur geraten ist. Er postete ein Bild, das ihn beim Langlaufen in Seefeld zeigt. „Ich bin ein bisschen schneller gelaufen als sonst. Zum Durchputzen“, erklärte der Vorspringer der Österreicher, der noch bei der WM 2021 in Oberstdorf einen kompletten Medaillensatz gewonnen hatte. Am Silvestertag, in der Qualifikation für Garmisch, erlebte Kraft dann einen der größten Abstürze seiner Karriere und verpasste als 59. den Sprung ins Hauptfeld. „Das war ein rabenschwarzer Tag“, sagte er frustriert, „dass ich drei Sprünge in Folge so weit weg bin, hat es noch nie gegeben. Ich bin sprachlos.“

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Schon nach dem Auftaktspringen in Oberstdorf hatte es im österreichischen Team wenig Grund zur Freude gegeben. Daniel Huber landete als Bester zwar auf Rang acht, dennoch sagte Cheftrainer Andreas Widhölzl: „Momentan ist die Stimmung nicht so gut. Es war ein beschissener Wettkampf für uns. Wir brauchen uns schon nicht mehr auf die Tourneewertung fokussieren, dürfen das jetzt nicht schönreden.“

Das ist seither nicht passiert. Zugleich gebietet es jedoch die Fairness, alles richtig einzuordnen. Jan Hörl (in Wisla) und Kraft (in Klingenthal) haben in diesem Winter immerhin schon Weltcupspringen gewonnen, in der Tournee-Gesamtwertung liegen Hörl (9.) und Huber (10.) unter den besten zehn. Zudem gibt es im 19-jährigen Daniel Tschofenig (16.) einen Hochtalentierten, dem viele eine große Zukunft vorhersagen. Andere Nationen wären damit höchstzufrieden – die Österreicher sind es nicht.

Aufs Mentale kommt es an

Widhölzl sieht vor allem im mentalen Bereich Verbesserungsmöglichkeiten und moniert, dass es im Wettbewerb immer wieder Rückschritte gebe. „Es geht darum, den Fokus darauf zu legen, was zu tun ist. Der Rest kommt von alleine“, meinte der Coach, „da scheitern unsere Springer ab und zu, weil sie es im Wettkampf zu perfekt machen wollen.“ Auch Mario Stecher hob auf die psychische Komponente ab. „Skispringen ist eine nur mit dem Kopf zu bewältigende Sportart“, sagte der Sportliche Leiter, „wenn man ein bisschen entgegen dem Gefühl arbeitet, wird es ganz schwierig. Das Schöne ist, dass man auch ganz schnell wieder vorne sein kann.“ Dafür tut Stefan Kraft ziemlich viel.

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Am Sonntag, als seine Teamkollegen beim Eisstockschießen weilten, absolvierte der dreimalige Weltmeister fünf Sprünge auf der kleinen Schanze in Seefeld. Es ging darum, zurück in die Spur zu finden, Sicherheit zu gewinnen, Selbstvertrauen zu tanken. Für den Rest der Tournee, aber auch schon für die Olympischen Spiele, die in einem Monat beginnen. „Ich wollte meine Sachen, die ich mache, wieder spüren“, sagte Kraft, „damit ich zu meinem Flugsystem zurückfinde, das immer meine große Stärke war.“ Und dann fügte er noch hinzu, wie froh er sei, dass es nun zurückgehe in heimatliche Gefilde.

Gute Resultate in der Qualifikation

An diesem Dienstag findet in Innsbruck (13.30 Uhr/ZDF) das dritte Tournee-Springen statt, ehe am Donnerstag (17 Uhr/ARD) in Bischofshofen das Finale folgt. „Diese zwei Schanzen“, erklärte Kraft, „kommen jetzt genau richtig.“ Auch, um den Coach zu überzeugen. Denn zuletzt schien es fast so, als sei Widhölzl ein bisschen abgerückt von seinem Team. Österreichische Medien zitierten den Team-Olympiasieger von 2006 und zweimaligen Weltmeister mit dem Satz, dass ein Trainer im Endeffekt nur Passagier sei: „Man bereitet alles vor, aber in letzter Instanz hocken die Springer oben und sind auch dafür verantwortlich, was sie zeigen.“

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In der Qualifikation für Innsbruck war das vielversprechend, vor allem von Jan Hörl (2.) und Daniel Huber (4.). Stefan Kraft (42.) kam diesmal wenigstens weiter. Abgerechnet wird allerdings auch am Bergisel erst im Wettkampf, das Ziel der Österreicher ist klar: Sie wollen nach zehn erfolglosen Tournee-Springen endlich wieder auf dem Podest landen. Wenn’s nicht klappt? Finden sie womöglich Trost in der Bibel. Denn in Bischofshofen enden übermorgen die sieben mageren Jahre. Zumindest kalendarisch.