Trotz seines Absturzes in der Qualifikation wird der Oberstdorfer beim Auftaktspringen der Vierschanzentournee die Teamkollegen unterstützen – und weiter kämpfen.
Wahre Größe zeigt sich im Sport oft erst in den bitteren Momenten. Dann, wenn es mal nicht läuft. Wie bei Karl Geiger. Nachdem er auf seiner Heimschanze in Oberstdorf in der Qualifikation gescheitert war, hätte er sich frustriert zurückziehen und die TV-Übertragung vom Auftaktspringen der Vierschanzentournee in seinem Wohnzimmer anschauen können. Stattdessen kündigte er an, selbstverständlich live vor Ort zu sein und seine Kollegen zu unterstützen. „Das werde ich mir nicht nehmen lassen“, sagte der fünfmalige Weltmeister, der gerade die größte Krise seiner Karriere durchlebt, „wenn ich irgendwie meinen Teil zum Erfolg des Teams beitragen kann, dann mache ich das.“ Ungeachtet der eigenen Situation.
In einer drei Wochen langen Trainingsphase hatte sich Karl Geiger (32), nachdem er beim Weltcup im polnischen Wisla in der Qualifikation ausgeschieden war, auf die Tournee vorbereitet – um dann zu merken, dass sich nichts verbessert hat. Bei Rückenwind landete er in Oberstdorf schon nach 106,5 Metern, das reichte im Feld der 65 Springer nur zu Rang 53 – und nicht zum Sprung in den Wettbewerb der 50 Besten. „Das war ein sauberer Griff ins Klo“, sagte Karl Geiger, der sich danach in der Mixedzone an der Schanze allen Fragen der Medienvertreter stellte, „der Sprung war sauspät, ich habe ihn nicht richtig erwischt. Am Arsch lecken – das ärgert mich richtig.“ Wofür es viel Mitgefühl gab.
Der Fall Geiger zeigt die „Brutalität des Skispringens“
„Ich leide extrem mit ihm. Daheim vor dieser Kulisse so blöd auszuscheiden, weil die Form nicht ganz passt und der Sprung nicht gut genug war, das ist schon beschissen“, sagte Teamkollege Andreas Wellinger. „Es ist eine sehr schwierige Situation für den Karl“, meinte Ex-Bundestrainer Werner Schuster, „da sieht man die ganze Brutalität des Skispringens: Der Mann, der dieses Springen vor fünf Jahren gewonnen hat, kämpft mit allem, was er hat, um den Einzug in die Top 50.“ Und scheitert. Weshalb sich die Frage stellt: Wie geht es nun weiter?
Karl Geiger wird auf jeden Fall noch zur zweiten Tournee-Station nach Garmisch-Partenkirchen reisen. „Es läuft nicht, da muss ich jetzt offensichtlich durch“, sagte der Oberstdorfer, „ich werde in Garmisch mein Bestes geben – und dann wird sich zeigen, was passiert.“ Sven Hannawald, der letzte deutsche Tournee-Gewinner (2002), vermutet: nichts Gutes. „Mitleid braucht kein Mensch, aber es tut mir weh, derzeit Karl Geiger zu sehen“, hatte der TV-Experte schon vor dem Auftakt in Oberstdorf gesagt, „er ist im tiefsten Loch seiner bisherigen Karriere, und ich habe die Befürchtung, dass dies nicht kurzfristig zu lösen ist.“