Vier Jahre nach Kriegsbeginn sind viele ukrainische Geflüchtete im Kreis Rottweil angekommen – doch die Unsicherheit in ihrer Heimat belastet sie weiterhin stark.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich am 24. Februar 2026 zum vierten Mal gejährt. In den vergangenen 48 Monaten sind mehr als 1,3 Millionen ukrainische Geflüchtete nach Deutschland gekommen – viele von ihnen auch in den Mittleren Schwarzwald. Im Gespräch mit einer Expertin wird deutlich, wie die Ukrainer inzwischen im Kreis Rottweil angekommen sind.
Irmhild Sellhorst vom Caritaszentrum in Rottweil berichtet, dass mittlerweile viele ukrainische Geflüchtete in privaten Unterkünften leben. Zahlreiche von ihnen haben in Deutschland Arbeit gefunden, die Kinder besuchen in der Regel die Schule.
Dennoch, so Sellhorst, leiden die Geflüchteten weiterhin stark: „Die Lebenssituation der Geflüchteten ist insbesondere aufgrund der weiterhin prekären Lage in der Ukraine von erheblicher Unsicherheit geprägt. Das zeigt sich unter anderem in den stark unterschiedlichen Bleibeabsichten.“
Zusammenhalt in der „ukrainischen Community“
Viele Ukrainer könnten sich angesichts der Situation in ihrem Heimatland nur schwer auf das Erlernen der deutschen Sprache oder auf eine nachhaltige Integration konzentrieren. Rund 108 000 Quadratkilometer des ukrainischen Staatsgebiets stehen inzwischen unter russischer Kontrolle – etwa ein Sechstel des Landes. Das entspricht einer Fläche, die größer ist als Österreich, Ungarn oder Portugal und mehr als dreimal so groß wie Baden-Württemberg.
Die Expertin führt weiter aus: „Ihre psychische Verfassung lässt dies häufig gar nicht zu. Halt und Kraft finden viele vor allem im Zusammenhalt ihrer ukrainischen Community. Dort müssen sie sich nicht erklären. Sie alle sind Wissende, Überlebende. Zerschlagene Hoffnungen, Hürden auf dem Arbeitsmarkt und in der Schule, Ernüchterung, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit teilen sie miteinander.“
Den Fokus auf das Hier und Jetzt richten
Angesichts der anhaltenden Kriegssituation in Osteuropa falle es vielen schwer, die täglichen erschütternden Nachrichten zu verarbeiten. „Sie kommen nicht zur Ruhe“, betont Sellhorst und zitiert eine Klientin: „Ich bin fassungslos, taub und wütend.“
In der Arbeit mit traumatisierten Geflüchteten sei es essenziell, die Betroffenen nicht unter Druck zu setzen, über traumatische Erlebnisse im Herkunftsland, auf der Flucht oder im Exil zu sprechen. „Wichtig ist, den Fokus auf das Hier und Jetzt sowie auf zukünftige Perspektiven zu richten.“
Zugleich dürften Geflüchtete nicht auf ihre traumatischen Erfahrungen reduziert werden. Entscheidend sei eine Begegnung auf Augenhöhe, Verlässlichkeit in Absprachen und eine klare Orientierung an der Gegenwart und an realistischen Zukunftsperspektiven.