Das 29. Wirtschaftsgespräch der Stadt Nagold fand im neuen Showroom der Firma Wackenhut statt. Foto: Kunert

Das 29. Wirtschaftsgespräch der Stadt Nagold. Viel Optimismus. Aber auch wohl "die Ruhe vor dem Sturm". Die bange Frage des Oberbürgermeisters an Steuerberater: "Kommen Reduzierungen bei der Gewerbesteuer?" Eine (negative) Antwort bleibt aus.

Nagold - Weshalb die erste Zahl, die Oberbürgermeister Jürgen Großmann den rund 150 Unternehmern präsentiert, besonders stark ins Gewicht fällt: Mit "beinahe fünf Millionen Euro" – exakt: 4,669 Millionen Euro – mehr als geplant steht aktuell das Gewerbesteueraufkommen in Nagold im Plus. Im gesamten Jahr 2021 waren es am Ende knapp 3,331 Millionen Euro mehr. Aber da war man sogar nur von rund 12,7 Millionen Euro Gewerbesteuer insgesamt ausgegangen. Heuer liegt schon der Planansatz im Haushalt mit 13,3 Millionen Euro deutlich höher. Heißt: Im Moment rechnet die Stadt mit knapp 18 Millionen Euro Gewerbesteuer insgesamt. Rekordverdächtig.

Weshalb auffallen musste – an diesem Ort, im Showroom von Wackenhut: Keine Woche zuvor hatte genau dort der Landkreis die regionalen Handwerker eingeladen. Da waren Bierzelt-Garnituren eingedeckt, es gab zünftiges Bier. Die Stadt Nagold – im Verbund mit dem (anwesenden) Hausherrn Ernst-Jürgen Wackenhut junior – begrüßte ihre Gäste mit besonders edlem Rosé-Champagner, hatte gut gepolsterte Theaterbestuhlung aufstellen lassen. Krise sieht irgendwie anders aus, fühlt sich anders an.

Man hofft auf einen milden Winter

"Sie alle sind bockstark aus der Pandemie herausgekommen." Kommentiert der OB. Und das betreffe alle Branchen. Nun wolle man aber auch keine Krise "herbeireden". Aber irgendwie steht sie wohl vor der Tür – die Krise. Auch in Nagold. Was also tun, um der drohenden Krise Herr zu werden? Vor allem "Hoffen": Auf einen "milden Winter". Um die Energiekosten und vor allem den Verbrauch in Grenzen zu halten. Da nehme die Stadt dann auch die andere Bedrohung (ihrer Wälder) durch den Borkenkäfer gerne in Kauf.

Die nächste Kurve, die Großmann in seiner PowerPoint-Präsentation zeigt, weist einen Knick nach unten auf: Nagold ist zum Ende 2021 geschrumpft, bei 23 179 Einwohnern insgesamt standen 40 Einwohner weniger als Ende 2020 in den Melderegistern. Die Ursache sei klar: "Wir haben im Moment keine weiteren Wohnflächen mehr." Sprich Bauplätze für neue Wohnbebauung. In Zahlen: Im Jahr 2020 wurden noch 34 verkauft, 2021 noch 15. In diesem Jahr erst einer.

Wohngebiete müssen her

Weshalb Verwaltung und Gemeinderat aktuell um die schnelle Ausweisung neuer Wohngebiete ringen: Röte III und IV in Vollmaringen, Hochdorf Ost II B ("um das es ruhiger geworden ist") als größtes Neubaugebiet, das ehemalige Adler-Areal in Pfrondorf, der Obere Kirchäcker in Emmingen. Und die beiden Knaller: Das Grundstück der ehemaligen Calwer-Decken – sowie die Erweiterung Oberer Steinberg (in Richtung Wolfsberg).

Vor allem letzteres "in seinen Dimensionen ein komplett neuer, eigener Stadtteil." Mit eigenem Zentrum, vielleicht eigener Schule. Und Hochhäusern. Der OB wird leidenschaftlich, emotional. Bezieht auch "Calwer-Decken" mit ein: "Wir müssen in die Höhe bauen!" Das sei "ökonomisch und ökologisch" am sinnvollsten.

Und das Mehr an Wohnraum wird eh dringend gebraucht. Denn Nagolds Wirtschaft wächst. Knapp 12 000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte im Stadtgebiet – auch ein neuer Rekord. Dabei mit 8259 Berufseinpendlern und 6294 Auspendlern (beides ebenfalls Rekordzahlen) eine weitere extrem positive Bilanz für Nagold. Eben Champagner-Laune in nahezu allen Bereichen.

Weitere Gewerbeansiedlungen

Auch bei den Gewerbeansiedlungen. Sieben weitere Hektar im Industriegebiet Wolfsberg VIII nördlich der Lise-Meitner-Straße, hinter Tec21 und IHK. Der anstehende spektakuläre Häfele-Neu-/Erweiterungsbau auf dem Wolfsberg. Mit eigenem Aussichtsturm. Künftiger Blickfang der Nagolder Industrie. Ähnlich wie der Mobex-Turm auf dem Eisberg. "Manche fahren mehrfach um den Kreisel davor herum, um sich den Bau besser ansehen zu können", schmunzelt der OB. Und nennt weitere neue Gewerbeflächen in Hochdorf ("Lettenäcker"), Emmingen ("Spitzäcker"), im Iselhäuser Tal II. Und natürlich die INGpark-Erweiterungen.

Strategie dabei: "Wir suchen Familienunternehmen", die hätten die "höchste Resilienz". Widerstandskraft gegen Krisen eben. Gerne auch Neugründer, etwa im Handwerk. Aber denen seien regelmäßig neue Gewerbeflächen "zu teuer". Leerstände in Nagold sind aber eher Mangelware. Den ungebrochene Boom eben. Und die alte Deckenfabrik etwa wandelt sich ja zur Wohnbebauung.

Die Idee des OBs, dass hiesige Unternehmer mit Errichtung eines Gewerbeparks mit günstigen Mieten einspringen könnten, traf beim Wirtschaftsgespräch eher auf verhaltenes Echo. "Dann muss die Stadt das wohl alleine stemmen..."

OB: „Wir haben alle an billiges Gas geglaubt.“

Dann noch ein Thema, bei dem ebenfalls keine Champagner-Laune mehr aufkam: Die künftige Nagolder Energieversorgung. "Wir haben dem Gas vertraut", gab sich der OB selbstkritisch. "Wir haben alle an billiges Gas geglaubt." Ein Trugschluss. Die Preise explodieren. Die Versorgung könnte schnell sehr kritisch werden. Die Hoffnung auf einen warmen Winter. Auf viele warme Winter. "Ich würde morgen mit Fridays for Future demonstrieren", sagt der OB. "Aber wir brauchen Lösungen." Eine Energiestrategie für die Zukunft. Als Ersatz fürs Gas.

Nahwärmenetze etwa. Wie sie in der Kernstadt und den Teilorten tatsächlich geplant würden. Erstmal fürs Verheizen von Biomasse. Aber auch damit "kommen wir nicht weit". Die bittere Erkenntnis zum jetzigen Zeitpunkt: "Wir wissen nicht, mit welchen Energieträgern in Zukunft unsere Blockheizkräfte befeuert werden." Darauf habe man "noch keine Antwort". Weshalb der OB wohl auch das Champagner-Glas später lieber gegen soliden Weißwein tauschte.

Am Rande:

Freie Rede, bitte!

(ahk). Es waren viele Themen, die Oberbürgermeister Jürgen Großmann während des 29. Wirtschaftsgesprächs seiner Stadt präsentierte. Was auffiel: Der Schultes brauchte dafür kein Manuskript, keine Spickzettel. Jedes Thema – wie aus der Pistole geschossen. Immer: volle Leidenschaft, viel Emotion. Perfekt gebrieft. "Das sind halt meine Themen", erläutert der OB auf Nachfrage. Wahrscheinlich könnte man ihn mitten in der Nacht wecken, ein Stichwort sagen – Gewerbesteuerentwicklung etwa. Und der OB würde seinen Vortrag dazu abspulen.

Das können nicht viele – weder in der Verwaltung, noch gar in der Politik. Da hätten ihn die Talent-Scouts gerade seiner Partei doch sicher schon lange auf dem Schirm? Mit solcher Kompetenz und Persönlichkeit gewinnt man Wahlen – auch auf Landes- oder Bundesebene. Und da ist die Partei des OBs ja im Moment nicht gerade gesegnet.

Großmann lächelt vielsagend. Will aber dazu eher nichts sagen. "Ich bin da, wo ich sein will", sagt er dann doch. Und vielleicht darf man das einmal aussprechen, aufschreiben: Das es Nagold so verdammt gut geht, auch jetzt in der Krise (drumherum), hat sicher etwas mit der Führung zu tun. Und mit der freien Rede. Gerade bei solchen Anlässen wie dem Wirtschaftsgespräch.