Das Hochwasser in Süddeutschland bremste zahlreiche Wasserkraftwerke der EnBW aus – darunter das Wasserkraftwerk Deizisau am Neckar. Foto: EnBW

Es scheint paradox: Das viele Wasser der letzten Tage war für Baden-Württembergs Wasserkraftwerke alles andere als ein Segen – etliche Anlagen kamen zum Erliegen.

Das jüngste Hochwasser hat zahlreiche Wasserkraftwerke in Baden-Württemberg außer Gefecht gesetzt. An etlichen dieser Anlagen sei die Stromproduktion zeitweise zum Erliegen gekommen, sagt Tobias Schlegeter, beim Karlsruher Energieversorger EnBW verantwortlich für die Wasserkraft der Region Nord. Auch andere Betreiber von Wasserkraftwerken in Süddeutschland meldeten Ausfälle.

 

Zum Zeitpunkt der eigentlichen Hochwasserwelle waren von den 24 Kleinwasserkraftanlagen der EnBW an den Flüssen Jagst, Glatt, Murg, Kocher, Nagold, Enz, Untere Argen und Donau lediglich noch 14 Anlagen in Betrieb. „Bei einem Hochwasserereignis sinkt in aller Regel die Leistung der Kraftwerke, sie müssen mitunter ganz abgestellt werden“, berichtet Experte Schlegeter weiter.

Hochwasser bremst Wasserkraftwerke am Neckar aus

Besonders am Neckar bremsten die Wassermassen die EnBW-Anlagen aus. Nach tagelangen heftigen Regenfällen hatte sich der Fluss zu einem reißenden Strom mit reichlich Treibholz verwandelt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Am Neckar-Pegel Plochingen stieg der Abfluss des Wassers innerhalb von 24 Stunden von 80 auf etwa 850 Kubikmeter pro Sekunde – also auf mehr als das Zehnfache. Die Folgen sind gravierend: „Am Neckar waren 23 von 29 Anlagen außer Betrieb, während an der Iller lediglich ein Kraftwerk den Betrieb einstellen musste“, schildert EnBW-Manager Schlegeter.

„In den letzten Tagen verzeichneten Laufwasserkraftwerke einen deutlichen Rückgang in der Stromproduktion“, bestätigt Leonhard Probst vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE). Daten der Plattform Energy-Charts, die vom ISE betrieben wird, zeigen wiederholte Einbrüche in der Stromerzeugung durch Wasserkraft. Ein konkretes Beispiel: Während die Nettostromerzeugung dieser Kraftwerke am 30. Mai noch etwa 3000 Megawatt (MW) betrug, fiel diese Leistung vier Tage später um 1000 MW. Besonders bemerkenswert ist, dass der jüngste Rückgang nicht mit niedrigen oder negativen Börsenstrompreisen zusammenfiel, sondern zu Zeiten relativ hoher Preise auftrat.

Diese Rolle spielt Wasserkraft bei der Stromerzeugung

In Deutschland gibt es etwa 7300 Wasserkraftanlagen. Insgesamt wird allerdings nur ein kleiner Teil des Stroms, den die Menschen hierzulande verbrauchen, mit Wasserkraft hergestellt. Schätzungen des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) zufolge hat die Wasserkraft im Südwesten im vergangenen Jahr mit 4,5 Terawattstunden (TWh) zur Stromerzeugung beigetragen. Zum Vergleich: Die Stromerzeugung durch Erneuerbare Energien insgesamt belief sich auf 20,9 TWh.

„Die Wasserkraft stellt einen stabilen Sockel der Stromerzeugung durch erneuerbare Energien dar“, sagt eine Sprecherin des baden-württembergischen Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft. „Sie zeichnet sich im Vergleich zur Photovoltaik und Windenergie in der Regel durch deutlich höhere Volllaststunden aus.“ In Zeiten schwankender Stromerzeugung der Erneuerbaren leisteten Wasserkraftwerke einen vergleichsweise stabilen Beitrag.

Deutschlands drittgrößter Energieversorger EnBW erzeugt etwa zehn Prozent seines Stroms aus der Wasserkraft. Der Karlsruher Konzern betreibt gemeinsam mit Tochter- und Partnerunternehmen insgesamt 63 Wasserkraft- und Pumpspeicherkraftwerke. Dabei entfallen 900 Megawatt installierte Leistung auf Laufwasserkraftwerke. Das sind Anlagen, die in Flüssen stehen und die Fließgeschwindigkeit des Wassers nutzen.

Hochwasser bringt weniger Strom aus Wasserkraft

1900 Megawatt installierte Leistung stammt aus Pumpspeicher- und Speicherkraftwerken. Diese können Energie nicht nur erzeugen, sondern auch speichern: Wenn im Netz mehr Strom zur Verfügung steht als nachgefragt wird, nutzen sie diesen, um Wasser in einen höher gelegenen Speicher, etwa einen Stausee oder ein Wasserreservoir zu pumpen. Der „überschüssige“ Strom wird also in Form von potenzieller Energie des Wassers gespeichert.

Dass Wasserkraftwerke ausgerechnet bei einem Hochwasser weniger Strom produzieren, mag auf den ersten Blick paradox erscheinen. Doch EnBW-Experte Schlegeter erklärt, warum das so ist: Durch das viele Wasser im Fluss steige der Wasserstand im Unterwasser einer Staustufe, also das Wasser, das aus den Turbinen geleitet wird. Das habe sich bei einigen Standorten ganz eindrücklich gezeigt. Das Problem: „Nur mit einem Fallhöhenunterschied können wir mit den Turbinen Strom produzieren.“

Treibgut mindert den Stromertrag

Ein weiterer Knackpunkt: Das Hochwasser schwemmt viel Treibgut an, was den Rechen vor den Kraftwerken stark zusetzt. Die Rechen verhindern, dass größere Teilen und Lebewesen im Wasser in das Kraftwerk eindringen. „Das kann Ausmaße annehmen, dass wir pro Standort hunderte Kubikmeter Treibgut ausbaggern und dann entsorgen müssen“, schildert der EnBW-Verantwortliche. In diesen Zeiträumen seien die Anlagen nur gedrosselt in Betrieb. Zudem sorge das Treibgut dafür, dass weniger Wasser durch die Turbinen komme, was die Mengen an Strom mindere, die produziert werden.

Die EnBW hat alle Hände voll zu tun, um die betroffenen Anlagen von der starken Treibgutfracht zu befreien – und musste deswegen zusätzliches Personal aktivieren. „Mitarbeiter kamen aus ihrer Freizeit zum Dienst und waren unterstützend im Störungseinsatz tätig, sodass wir mit doppelter Besetzung agieren konnten“, berichtet Schlegeter.

Diese Schäden richtete das Hochwasser an

Nachdem Teile Baden-Württembergs tagelang unter Wasser gestanden hatten, beginnt nun das große Aufräumen. „Wir haben durchaus auch hochwasserbedingte Schäden an unseren Anlagen zu verzeichnen“, berichtet Schlegeter. Neben verbogenen Geländern macht der EnBW vor allem in Gebäude eingedrungenes Wasser zu schaffen. „Die Reinigungsarbeiten an den Anlagenkomponenten können sich mitunter noch Wochen ziehen“, sagt Schlegeter.

Die Stromproduktion habe vor allem an den vom Hochwasser wenig betroffenen Flüssen im Schwarzwald stattgefunden – zum Beispiel an der Enz. Nach wie vor in Betrieb waren auch die Maschinen des Rheinkraftwerks Iffezheim in der Nähe von Karlsruhe – mit einer Leistung von 146 Megawatt das größte Laufwasserkraftwerk Deutschlands, das die EnBW gemeinsam mit dem französischen Energieriesen Électricité de France (EDF) betreibt. Es kann mehr als 500 000 Menschen mit Strom versorgen. Das reicht zum Beispiel für eine Stadt wie Duisburg in Nordrhein-Westfalen.