Maulwürfe – oder singende Kondome? An der Frage, welche Wesen sich da eigentlich in Tine Kluths Ärzte-Video tummeln, scheiden sich die Geister. Foto: privat/Hot Action Press

Eine Absolventin der Filmakademie Ludwigsburg hat für die Band Die Ärzte 16 Animationsvideos entworfen

Stuttgart - Tine Kluth hat geschafft, was für die meisten Künstler nur ein Traum bleiben dürfte:Für die Arbeit an ihren Trickfilm-Clips für ein Ärzte-Album ging sie mit den Punkrock-Legenden auf Tuchfühlung. Reich geworden ist sie damit aber nicht.

Es war wohl ein Wink des Schicksals. Eigentlich wollte Tine Kluth an der Stuttgarter Kunstakademie Bühnenbild studieren. Doch als sie 1995 an der Freien Kunstschule ihre Bewerbungsmappe vorbereitete, weckte einer ihrer damaligen Lehrer bei ihr die Begeisterung für Animationsfilme mit künstlerischem Anspruch. Für jene Filme also, die ohne allzu putzige Figuren auskommen.

In der Branche bleibt man in Kontakt und gut vernetzt, es ist das A und O für Kreative

Die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie ging sie zunächst dennoch an – und rasselte prompt durch. „Zum Glück!“, wie sie rückblickend sagt. Denn kurz darauf versuchte die gebürtige Ruiterin ihr Glück an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg – und wurde aufgenommen. Dass sie einige Jahre später einmal mit der Berliner Punkrock-Band Die Ärzte, die sich selbst augenzwinkernd als „beste Band der Welt“ bezeichnen, arbeiten würde, hätte sie sich da wohl noch kaum erträumt.

In der Branche bleibt man in Kontakt und gut vernetzt, es ist das A und O für Kreative. Im Oktober 2011, das Studium lag schon einige Jahre zurück, schrieb die Filmakademie den Konzeptwettbewerb aus, den das Management der Band ins Leben gerufen hatte.

Tine Kluth weilte zu dieser Zeit im englischen Bristol und bastelte gerade an Schafen für die Kinderserie „Shaun das Schaf“, als sie von dem Projekt erfuhr. Eigentlich habe ich dafür keine Zeit, dachte sie sich, aber etwas mit den Ärzten zu machen, wäre ja nicht übel. Auch wenn die Musik ihren Geschmack nicht unbedingt trifft. Zusammen mit einem Berliner Kollegen erarbeitete sie ein Konzept für drei Songs aus dem neuesten Album „auch“ – am Ende des Wettbewerbs bekamen von 35 Teams zwei den Zuschlag: Kluths Trickfilmteam sowie ein Realfilmteam um Thomas Bausenwein, einen weiteren Absolventen der Ludwigsburger Filmakademie.

„Gedreht haben wir im Baukastensystem“

Für die Clips zu allen 16 Stücken des Albums trommelte sie 15 weitere Regisseure zusammen, sie selbst übernahm den Song „zeiDverschwÄndung“. Für jeden der drei Musiker Farin Urlaub, Bela B. und Rod hatte das Team einen Drehtag, um in jeweils rund 160 Einstellungen die Figuren für die Trickfilm-Clips zu erstellen. „Gedreht haben wir im Baukastensystem“, erklärt Kluth. Die Regisseure nannten ihre Wünsche für Gestik, Mimik und bestimmte Handlungen, die dann in Schwarz-Weiß abgefilmt wurden: Die Ärzte auf dem Laufband, die Ärzte am Reck, der eine Arzt beim Biertrinken, der andere beim Angeln. Mit nur zwölf Bildern pro Sekunde wurde aufgezeichnet, um den Animationsstil schon im Material anzulegen – und die Band schließlich im Trickstudio virtuell wiederzuvereinen.

Beim Dreh seien alle ziemlich nervös gewesen, erinnert sich Kluth. „Die Ärzte werden eben von allen als cool angesehen und respektiert.“ Unabhängig davon, ob man sie persönlich möge, seien sie eben „Riesenstars“, die jeder kenne. Bei den Dreharbeiten machten sie diesen Umstand aber schnell vergessen. „Der Farin ist wirklich pflegeleicht und albern, der macht jeden Quatsch vor der Kamera“, sagt die 38-Jährige über den Sänger und Gitarristen. Bela B. sei dagegen eher ein ernster, ehrgeiziger Schauspieler, der viele Szenen nochmals drehen wollte, um sie perfekt hinzubekommen.

Die Umsetzung der Idee warf im Anschluss allerdings manche Frage auf

Ihren Song „zeiDverschwÄndung“ habe sie sich ausgesucht, obwohl das nicht ihr Lieblingssong auf der Platte gewesen sei. „Bei dem Refrain hatte ich sofort das Bild von singenden Maulwürfen im Kopf“, sagt sie. „Keine Ahnung, warum.“ Die Umsetzung der Idee warf im Anschluss allerdings manche Frage auf: Sind das singende Kondome?, hätten sie danach manche erkundigt, erinnert sie sich amüsiert. Eine gewisse Ähnlichkeit ist allerdings tatsächlich schwer zu leugnen. Wie auch in allen anderen Clips turnen die drei Berliner stets von links nach rechts durchs Bild, und fallen darauf in einen Müllhaufen mit Erinnerungsstücken aus ihrer Bandgeschichte. „Die Ärzte singen ja in diesem Lied über sich selbst, auch das Video sollte daher eine Art Rückblick sein.“

Nachdem die Idee geboren war, ließ Kluth den Rest im Keller ihrer Eltern in Stuttgart entstehen, wo sie sich ein kleines Studio einrichtete. Ein klassischer Tricktisch mit mehreren Glasebenen, auf denen sich Vorder- und Hintergrund in 2-D-Mischtechnik animieren lassen. Die Fotos der Ärzte wurden von fleißigen Helfern ausgedruckt, geschnitten und sorgfältig gebügelt. Das Zeitfenster war klein. Ab Anfang Dezember arbeitete Kluth fünf Wochen lang nonstop, selbst an Heiligabend stand sie am Tisch.

Doch die Arbeit hat sich gelohnt: Der Clip wurde im März als erste Single aus dem Ärzte-Album auf der Online-Videoplattform Youtube veröffentlicht. Eine goldene Nase hat sich Tine Kluth, die seit 2007 in London lebt, dabei allerdings nicht verdient. Das Budget habe eben auf viele Regisseure verteilt werden müssen, sagt sie, aber einmal mit den Ärzten gedreht zu haben, sei trotzdem eine „tolle Erfahrung“ gewesen. „Für die Macher lohnen sich Videoclips wirtschaftlich allgemein nicht mehr“, sagt Kluth nachdenklich. „Das hat sich in den letzten Jahrzehnten schon verändert.“ Geld verdienen muss man in anderen Bereichen – ihrer Karriere dürfte das musikalische Intermezzo jedenfalls kaum geschadet haben.

Links zu den Videoclips finden sich auf www.bademeister.com

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