An der Volkshochschule in Weilstetten startet jetzt ein Rehabilitationssportkurs für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Sie weiß nicht, ob sie die 45 Minuten durchhält. Ihre Angststörung ist nicht kontrollierbar, sagt die Frau. Sandra Mutscheller erinnert sich an das Gespräch bis heute. Keine einzige Kursstunde habe die Teilnehmerin später verpasst oder unterbrochen.
„Man baut eine Bindung auf zu den Kursteilnehmern. Es ist etwas Besonderes, sie auf ihrem Weg zu begleiten und ihnen helfen zu können“, sagt Mutscheller. Die Rehasport-Übungsleiterin leitet seit 20 Jahren Kurse an der Volkshochschule (vhs). Am 16. März startet in Weilstetten ein Rehasportkurs für Menschen mit psychischen Erkrankungen (siehe Infokasten).
Psychische Erkrankungen sind oft unsichtbar – das macht sie für Betroffene so belastend, sagt Mutscheller. Rehasport soll hier einen geschützten Raum schaffen. „Ich starte die Stunde immer mit der Frage in die Runde: ‚Wie geht es euch?‘“ Denn oft beginnen Veränderungen mit kleinen Schritten.
Selbstwirksamkeit empfinden
Bewegung könne dabei ein wichtiger Baustein sein: Sie löse Spannungen, bringe Struktur in den Alltag und vermittle das Gefühl, wieder selbst etwas bewirken zu können. „Deshalb empfiehlt sich der Kurs beispielsweise für Menschen mit Depressionen, weil er Struktur in den Alltag bringt und Verbindlichkeit schafft.“ Bewusst legt sie die Rehasportkurse auf den Nachmittag. „Betroffenen fällt es teilweise schwer, morgens früh aufzustehen und überhaupt aus dem Bett zu kommen.“
Persönliche Erfolgserlebnisse, die Bindung an die Gruppe und ein verbessertes Selbstwertgefühl, zählt die Kursleiterin die Vorteile auf. „Sport ist ein Allheilmittel“, so ihre Überzeugung. Mutscheller selbst macht schon ihr ganzes Leben lang Sport. Mit dem Zusammenhang zwischen Bewegung und mentalem Wohlbefinden beschäftigt sie sich seit Jahrzehnten. Ihre Motivation ist es, Menschen zu helfen, betont sie. Ein Verwandter von ihr litt selbst jahrelang an Depressionen.
Aus der Erfahrung mit ihrem Verwandten weiß sie: Sport hilft zwar – die Begegnungen in der Gruppe, das Miteinander und der gegenseitige Austausch haben aber eine zusätzliche heilende Wirkung. Rehasport sei mehr als Übungen und Training, betont Mutscheller.
Austausch und Gemeinschaft
Es ist auch ein Ort der Begegnung: „Es entstehen zwischen den Kursteilnehmern oft private Verbindungen, Freundschaften. Es geht um Austausch und Gemeinschaft“, sagt Sabine Gern. Sie koordiniert das Kursangebot am vhs-Standort in Weilstetten. Vorab telefoniert sie mit den Teilnehmern und klärt sie über den kostenlosen Kurs auf: Der erste Schritt ist ein Besuch beim Haus‑ oder Facharzt, der Rehasport verordnen kann – meist über das Formular Muster 56. Mit dem Rezept wendet man sich an die Krankenkasse, die in vielen Fällen die Kosten übernimmt. Anschließend meldet man sich bei der Volkshochschule für den passenden Kurs an.
Die Einheiten dauern 45 Minuten, insgesamt sind es in den meisten Fällen 50 Stunden über 18 Monate. Die Kurse sind nicht semestergebunden. „Viele bleiben dabei“, weiß Gern.
Immer mehr junge Menschen
Was Sandra Mutscheller seit einiger Zeit auffällt: dass die Altersspanne in ihren Kursen immer größer wird. „Es kommen immer mehr junge, betroffene Menschen.“ Mittlerweile sei das Thema mentale Gesundheit auch durch soziale Medien deutlich präsenter. „Man redet mehr darüber, die Gesellschaft ist sensibilisierter. Früher waren psychische Erkrankungen ein Tabu.“
Doch egal, ob jung oder älter: Jede Kursstunde orientiert sich an der individuellen Tagesverfassung der Teilnehmer. Wie läuft eine Kursstunde ab? „Es ist immer ein bisschen unterschiedlich“, schickt Mutscheller vorweg. Neben Entspannungsübungen und Fantasiereisen seien Achtsamkeitsübungen ein Bestandteil des Kurses. Bewusst atmen, seinen Körper spüren: „Das macht etwas mit den Menschen. Dafür nehmen wir uns im Alltag kaum Zeit.“
Wichtige Regel: Kein Handy
Die Bandbreite der sportlichen Übungen sei groß: „Ich mache mit den Teilnehmern alles“, sagt die Kursleiterin und lacht. Von Step-Aerobic über Hantel-Training bis hin zu Cardio-Übungen.
Im Hintergrund läuft währenddessen dezente, leise Musik. Es gibt eine wichtige Regel in den Kursstunden: „Kein Handy.“ Ziel sei es, dass die Gruppe im Jetzt ist, sich nicht ablenken lässt. Was sie den Teilnehmern abseits des Kurses rät: „Geht raus, geht in die Natur, bewegt euch. Sport ist so wichtig. Schaut, wie es euch danach geht.“ In der Regel besser, sagt Mutscheller.
Start ist am 16. März
„Wir haben noch freie Plätze“, sagt Nadine Breisch, Leiterin der vhs Balingen. Rehasport bietet Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Burnout die Möglichkeit, in einer unterstützenden Gruppe unter professioneller Anleitung neue Energie zu gewinnen und sich gleichzeitig mit anderen auszutauschen.
Der Kurs beginnt am 16. März und findet fortlaufend montagnachmittags statt. Kurszeiten sind wöchentlich von 16.15 bis 17.00 Uhr. Ansprechpartnerin für weitere Informationen ist Sabine Gern, Telefon (07433) 90 80 90.