Einsam und verlassen – die blaue Laufbahn im Reinhold-Fleckenstein-Stadion des VfL Nagold.  Foto: Hofmann

Was macht Corona mit dem Breitensport? Beim VfL Nagold würde man lieber jetzt als nachher den Sportbetrieb wieder hochfahren. Im Interview verraten zwei Vereinsfunktionäre, wie man sich für den Wiedereinstieg gerüstet hat und welch wichtige Stütze die treuen Mitglieder und Sponsoren sind. Sie geben Einblicke in das Seelenleben eines Vereins.

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Nagold - Corona stellt die Vereinswelt auf den Kopf. Gemeinsamkeit und Geselligkeit geraten plötzlich ins Hintertreffen. Abstand halten lautet die Devise – fast nirgendwo fällt das so schwer wie im Verein. Doch was macht das mit den Vereinen? Wie kann man reagieren? Wie steht es um die Geduld der Mitglieder? Wir fragten nach, bei zwei Vertretern von Nagolds größtem Verein, dem VfL Nagold. Ein Gespräch mit Holger Ehnes, dem Corona-Beauftragten des VfL, und dem ersten Vorsitzenden, Rainer Wohlleber.

Steigen wir mal ganz pauschal ein, Herr Ehnes, Herr Wohlleber, wie geht es dem VfL Nagold?

Ehnes: Na ja, vermutlich müsste man sagen: der VfL Nagold ist unglücklich. Wir sind ein Sportverein mit 17 Abteilungen und existieren für den Sport. Letztes Jahr sind verschiedene unserer Mannschaften aufgestiegen, und mehrere Sportarten hätte Athleten zu Meisterschaften auf verschiedenen Ebenen geschickt. Auch die Kindersportschule hatte sich mit ihren Kids prima auf die neuen Anforderungen mit Abstand und so eingestellt. Es hätte also ein schönes und erfolgreiches Jahr werden können. Stattdessen mussten wir seit November jeden Sportbetrieb einstellen. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit von Einschränkungen: wir würden so gerne Sport treiben – aber wir dürfen noch nicht.Wohlleber: Wir sehnen uns danach, dass Training und Wettkampf baldmöglichst wieder starten können. Falls nötig auch unter Anwendung von entsprechenden Hygiene- und Abstandsregeln. Wir wünschen uns schnellstmöglich unsere vollständigen Sportaktivitäten zurück.

Seit Monaten dauert der sportliche Lockdown bereits an. Und es ist bereits das zweite Sportverbot, das den Vereinen im Zuge der Corona-Krise auferlegt wurde. Was macht das mit den Mitgliedern?

Wohlleber: Unsere Mitglieder sahen im letzten Jahr, wie wir versucht haben, den zulässigen Spielraum für mögliche Sportaktivitäten sofort zu nutzen, um den Sportbetrieb auch unter eingeschränkten Rahmenbedingungen fortzuführen. Wir können uns möglicherweise auch deshalb auf sehr treue Mitglieder stützen, die gemeinsam mit uns diese sportliche Durststrecke mitgehen. Sie haben dafür Verständnis, dass es nicht in unserer Entscheidung liegt, die Beschränkungen aufzuheben und zeigen sich solidarisch. Dank dem engen Bezug zum VfL Nagold haben wir kaum Kündigungen hinnehmen müssen. Dafür sind wir unseren Mitgliedern sehr dankbar. Durch den direkten Kontakt zu den Mitgliedern wissen wir allerdings auch, dass sich alle nach zurückkehrender Normalität sehnen.

Und wie steht’s um den Verein? Sorgt Corona nicht für eine finanzielle Schieflage?

Wohlleber: Der VfL Nagold versucht auch in dieser Lage einen vernünftigen Umgang, was die Finanzen angeht. Allerdings mussten wir erkennen, dass etliche Einnahmen, durch die sonst über das ganze Jahr verteilten Aktivitäten unserer Abteilungen, weggebrochen sind. Das ist speziell für die Abteilungen eine schwierige Situation, die einen großen Teil ihres Budgets aus diesen Geldern erzielen. Hier muss dann, bei Bedarf, vom Hauptverein gegengesteuert werden. Andererseits verringern sich durch den Wegfall des Trainings und der Wettkämpfe auch gewisse Kosten, so dass dem großen Verlust auf der Einnahmenseite auch Einsparungen entgegenstehen. Nach dem teilweise vorhandenen Rückgang des Arbeitsaufwandes in der Geschäftsstelle, konnten wir durch Kurzarbeit auch hier Ausgaben einsparen. Durch Ansparung von Rücklagen in den letzten Jahren, können wir die Mindereinnahmen aber verkraften und sind finanziell doch noch ganz gut aufgestellt. Ganz wichtig aber war, dass Sponsoren und viele Spender weiter treu zu uns gehalten haben.

Herr Ehnes, vor knapp zwei Jahren sind Sie als Beisitzer neu in den Vorstand des VfL gewählt worden. Und seit einem Jahr nun der Corona-Beauftragte des Vereins. Sicher eine ehrenamtliche Aufgabe, auf die Sie auch gerne hätten verzichten können….

Ehnes: Der VfL hatte früher als die meisten anderen Vereine einen Corona-Beauftragten, wir haben schon Ende Februar 2020 die Notwendigkeit dafür gesehen. Wir wollten vor allem unsere Abteilungen nicht mit den Problemen alleine lassen, die abzusehen waren. Aber auch eine direkte Verbindung zur Stadtverwaltung war erforderlich, um schnell die immer neuen Vorschriften umsetzen zu können. Ich habe die Aufgabe übernommen, weil ich beruflich viel Erfahrung damit habe, komplizierte Abläufe mit vielen unterschiedlichen Beteiligten zu koordinieren. Und dass ich aus meiner Arbeit im Partnerschaftskomitee die Ansprechpartner bei der Stadt kenne, war sicher auch kein Nachteil.

Und was ist so generell Ihre Aufgabe als Corona-Beauftragter?

Mir geht es vor allem um die Gesundheit der Sportler und Trainer. Wir wollen unseren Sport betreiben, so weit das möglich ist. Wir wollen uns an die Vorschriften halten, so gut das geht – aber vor allem wollen wir, dass niemand krank wird. Das verstehe ich darunter, für die Einhaltung der Corona-Vorschriften beim VfL Nagold zuständig zu sein. Konkret heißt das, dass jede Abteilung ihre Hygienekonzepte für den Trainingsbetrieb und die Wettkämpfe mit mir abstimmt – also zum Beispiel, wo die Eltern die Kinder der KISS abholen, oder wie viele Zuschauer in die Bächlenhalle dürfen, wenn ein Heimspiel der Handballer oder Basketballer ansteht. Gleichzeitig erwartet die Stadt Nagold von mir, dass ich beim VfL für die Einhaltung der jeweiligen Vorschriften sorge. Mit der Stadt spreche ich auch, wenn wir für den Sportbetrieb Anliegen haben – also zum Beispiel, wie wir schnellstmöglich wieder die Hallen nutzen können, wenn das Land das erlaubt, oder wie viele Gruppen wir gleichzeitig in einer Halle trainieren lassen dürfen.

Wie zufrieden sind Sie denn mit dem Corona-Management Ihres Vereins?

Ehnes: Ich kann hier allen nur ein Lob aussprechen: Alle im Verein ziehen an einem Strang und haben das gleiche Ziel. Mit ganz wenigen Ausnahmen hat auch alles gut funktioniert, und bei Bedarf haben wir schnell nachbessern können. Wenn man sich überlegt, dass wir vor einem Jahr noch ganz normal Wettkämpfe, Spiele und Training betrieben haben, dann wird einem klar, wie viel wir in kurzer Zeit gelernt haben. Auch mit der Stadt hat sich schnell gegenseitig ein Verständnis dafür entwickelt, was die andere Seite braucht, und wie man bei Bedarf Kompromisse findet. Eines allerdings hätte ich mir schon anders gewünscht: Bei Änderungen wurden im letzten Jahr die genauen Vorschriften oft erst so spät bekanntgegeben, dass man sie praktisch nicht mehr termingerecht umsetzen konnte. Hier wäre es wünschenswert, schneller konkrete Vorgaben zu bekommen. Das hätte uns einige Male vieles erleichtert.Wohlleber: Zunächst möchte ich mich bei Holger recht herzlich bedanken. Er hat sich von Beginn an für das Wohl unserer Sportler eingesetzt. Um die Sportler vor Ansteckungen zu schützen, als Restriktionen nötig wurden, dann um bei Erleichterungen Wege aufzuzeigen, wie der Sportbetrieb wieder fortgesetzt werden kann. Um den einzelnen Abteilungen gerecht zu werden, wurde auch von jeder Abteilung ein Corona-Beauftragter benannt. Gemeinsam mit diesen und unter Mitwirkung der Geschäftsstelle, konnten die speziellen Anforderungen der einzelnen Sportverbände korrekt erfasst werden. Das Management kann im Rückblick als hoch professionell bezeichnet werden, denn es war zu praktisch jedem Zeitpunkt an der maximal zulässigen Sportöffnung orientiert und hatte dafür die Basis geliefert.

Wir sind immerhin wieder soweit, dass in der Politik Öffnungsszenarien auch für den Breitensport durchgespielt werden. Ist der VfL vorbereitet?

Ehnes: Und ob! Wir möchten wieder loslegen, und zwar so schnell wie möglich! Wir haben uns einem offenen Brief an die Landesregierung angeschlossen, der fordert, Vereinssport jetzt zumindest wieder im Freien zuzulassen. Mit unseren Hygienekonzepten und den Erfahrungen aus dem letzten Jahr können wir das ohne unvernünftiges Risiko für die Gesundheit unserer Sportler sehr schnell wieder anbieten. Sobald eine Öffnung beschlossen wird, werden wir sie mit der Stadt und den Abteilungen umsetzen, so schnell wir können.

Von den supertreuen Mitgliedern des VfL Nagold haben wir ja bereits erfahren. Bedankt man sich für solch eine Treue auch?

Wohlleber: Um uns bei unseren Mitgliedern für ihre Treue zu bedanken, wird es einen Brief an alle geben. Auch wollen wir den Zusammenhalt durch eine Gutscheinaktion stärken. Hier sollen Mitglieder auch in andere Abteilungen schnuppern. Der Hauptverein liefert die finanzielle Unterstützung. Wir sind gespannt, wie das angenommen wird.Ehnes: Ja, genau. Wir tun zweierlei. Den Mitgliedsbeitrag für 2021 werden wir erst im Juni einziehen, wenn nach unserer Einschätzung der Sportbetrieb wieder läuft. Außerdem schicken wir unseren Mitgliedern einen Treue-Gutschein per E-Mail. Damit können sie dann aus vier Aktivitäten eine wählen: Besuch eines Heimspiels der VfL-Fußballer mit Verzehrgutschein oder ein Zehn-Euro Verzehrgutschein bei einem Heimspiel der VfL-Handballer oder ein Tango-Schnupperkurs bei Saltango im Sportheim. Last not Least möchten wir auch anbieten, eine Veranstaltung der Stadt Nagold zu besuchen, wobei der VfL ganz oder teilweise den Eintritt übernimmt. Dazu sind wir noch im Gespräch mit der Stadt, weil zur Zeit noch nicht klar ist, wann welche Veranstaltungen wieder durchgeführt werden können.

Kinder und Jugendliche stehen ja besonders im Fokus des VfL. Wäre es nicht wichtig, dass wenigstens die Jüngsten wieder gemeinsam Sport treiben könnten?

Wohlleber: Wie wir aus Erfahrung und vielen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen, ist für Kinder und Jugendliche der Sport und speziell in der Gemeinschaft, ein sehr wichtiger Faktor in der Entwicklung. Daher ist es nötig, dass wir hier die Öffnung der Sportaktivitäten, wie zum Beispiel in unserer Kindersportschule KISS und im Kinder- und Jugendbereich in den Abteilungen, sobald möglich beginnen. Wer schon einmal in solchen Sportstunden dabei war, der weiß, wie viel Spaß die Kinder hier haben und auch, mit welcher Leidenschaft sie hier, unter professioneller Aufsicht, mitmachen. Das Erlernen von Teamfähigkeit, Rücksichtnahme auf andere, die Ausdauer, die Konzentrationsfähigkeit sowie Leistungsbereitschaft im Wettkampf mit anderen, sind Eigenschaften, die für das ganze Leben prägen. Hier müssen wir baldmöglichst wieder aktiv sein dürfen – zum Wohle unserer Jüngsten.

Für manche Abteilungen dürfte es gar nicht so einfach sein, den Sportlernachwuchs bei der Stange zu halten. Wo es plötzlich quasi per Verordnung angesagt ist, stundenlang in PC, Handy und Tablets zu schauen...

Wohlleber: Wir müssen abwarten, wie sich die Rückkehr zur Normalität beim Sport auswirkt. Im Moment haben wir noch keine Erfahrung damit. Wir können nur hoffen, dass die Sportler wieder Sehnsucht nach der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Sporttreiben haben werden. Da wir wissen, dass viele unserer Sportler den Sport in den Abteilungen vermissen, gehen wir davon aus, dass doch die meisten von ihnen, nach der Eröffnung wieder glücklich sein werden, wenn sie ihre Sportart im gewohnten Maße betreiben können.

In der Corona-Krise versucht auch der VfL online präsent zu bleiben. Mit welchem Erfolg?

Ehnes: Im ersten Lockdown wollten wir unbedingt eine Online-Alternative zum Sportbetrieb anbieten. Wir waren sehr froh, dass Fabian Vogt, der Geschäftsführer unserer KISS, dafür gute Ideen hatte. So entstanden mit viel Aufwand die Clips von VfL-Sports@Home, die auf unserer Homepage zu sehen sind. Es hat sich aber herausgestellt, dass dieses innovative Format nur begrenzten Anklang gefunden hat. Vermutlich kann ein Verein wie wir halt nicht mit professionellen Online-Angeboten mithalten. Deshalb haben wir das im jetzigen Lockdown nicht wieder angefangen. Was allerdings hervorragend ankam, waren die Live-Trainings-Sessions, die verschiedene Trainer mit ihren Gruppen über Online-Tools wie Zoom, Skype und so weiter gemacht haben. Die laufen auch jetzt wieder, bei den Fußballern, den Handballern, den Leichtathleten, der Skigymnastik und vermutlich noch einigen anderen, von denen ich nicht weiß.

Der Name Fabian Vogt ist gerade schon gefallen. Er ist bei Ihnen als Geschäftsführer der Kindersportschule angestellt, der KISS. Für diesen Bereich dürfte der Rückblick auf die Corona-Zeit noch verheerender ausfallen, oder?

Wohlleber: Durch die hervorragende Arbeit von Fabian Vogt bei der KISS hatten wir seit seinem Beginn im Kinderbereich einen enormen Zuwachs zu verzeichnen. Das positive Feedback der Eltern freut uns jedes Mal. Ebenso deren Hinweise, dass sich die Kinder auf jede Stunde immer wieder sehr freuen und auch zuhause fragen, wann es denn wieder zur Turnstunde geht. Für diese Kleinsten sollte die Einschränkung möglichst schnell aufgehoben werden, da sie, die in den Stunden spielerisch erlernten Fähigkeiten zuhause kaum Erlernen können. Hier fehlt das Umfeld und die Anleitung.

Zum Schluss noch ein Ausblick: Wo steht der VfL Nagold in einem Jahr?

Ehnes: Ich bin zuversichtlich, dass unser Land bis dahin die Corona-Pandemie soweit überwunden hat, dass wir uns wieder voll auf den Sport konzentrieren können. Wohlleber: Für alle Vereinssportteibenden wünsche ich eine baldige Beendigung der Einschränkungen. Ich gehe davon aus, dass wir – ohne das Eintreten von bisher nicht vorhersehbaren Veränderungen der Krise – durch Impfungen und durch sonstige Möglichkeiten wie Tests und Nachverfolgungen im nächsten Jahr wieder weitestgehend unseren Sport betreiben können. Wir als Verantwortliche und auch unsere Trainer werden sich gut vorbereiten, damit wir in einem Jahr sagen können, wir haben nichts unterlassen, dass unsere Mitglieder wieder ihren gewohnten Aktivitäten in den Abteilungen nachgehen können. Vielleicht sogar mit einem erweiterten und ergänzten Programm.