Wurde hinterher groß gefeiert: Alexander Nübel stand am Abend im Mittelpunkt. Foto: imago/Susanne Hübner

Torhüter leben zwischen Extremen. Auch Alexander Nübel, der selbstkritisch mit seiner aktuellen Situation umgeht. Und einen Plan hat, wie er wieder in den Flow kommen will.

Nach Abpfiff der irren Pokalpartie des VfB Stuttgart bei Eintracht Braunschweig (8:7 n.E.) gab es zwei Situationen, die sinnbildlich dafür standen, dass auch Alexander Nübel noch nicht so genau wusste, wie er diesen Abend für sich einordnen sollte. In den 120 Minuten zuvor hatte er vier Treffer aus dem Spiel heraus hinnehmen müssen, teils muss man ihn dafür klar in die Verantwortung nehmen. Nur um dann im Elfmeterschießen zum großen Helden des Abends zu avancieren: Drei gut geschossene Strafstöße der Braunschweiger parierte der VfB-Keeper. Ein klassischer Torhüterabend zwischen den Extremen. Entweder Held oder Depp – dazwischen gibt es nichts.

 

Die mitgereisten Fans feierten ihn mit „Nübel, Nübel“-Sprechchören, forderten seine Präsenz am Zaun ein. Gemeinhin eine Auszeichnung für den Mann des Abends. Doch Nübel wollte nicht so recht, musste von den Kameraden nach vorn geschubst werden. „Nach so einem Spiel hat sich das etwas komisch angefühlt“, sagte der Gefeierte. Wenig später stand er in den Katakomben mit dem Pokal für den „Mann des Spiels“ vor den Reportern. „Ich weiß ja nicht, wer so was wählt. Ich hätte das Ding eher dem Medo gegeben, der hat immerhin dreieinhalb Tore erzielt“, sagte Nübel schmunzelnd.

Nübel bilanziert „schwierigen Abend“

Um sich dann der Kritik zu stellen. „Es war ein sehr schwieriger Abend für mich“, gab er zähneknirschend zu – wohl wissend, dass er bei den Treffern von Sven Köhler (8. Minute, Fernschuss aus über 25 Metern) und auch Fabio Di Michele Sanchez (77.) – ein scharfer Schuss aufs kurze Torhüter-Eck, der nicht unhaltbar wirkte – nicht gut ausgesehen hatte. Dem gegenüber stehen mehrere starke Paraden, mit denen er Braunschweiger Bemühungen zunichte machte. „Es tat in der ersten Minute extrem weh, aber ich habe versucht, das abzuschütteln“, blickte er auf den ersten Gegentreffer und bilanzierte: „Das war ein sehr wilder, sehr langer Abend. Viele gemischte Gefühle. Ein schönes Torwartspiel war es nicht gerade, da war alles drin. Ich habe versucht, fokussiert zu bleiben. Am Ende haben wir das Ding zum Glück gezogen.“

Sein Sportchef ging die Sache etwas milder an. „Alex weiß schon, dass er den halten kann“, sagte Fabian Wohlgemuth mit Blick auf das erste Gegentor. „Der darf nicht, aber er kann passieren, dieser Fehler“, so Wohlgemuth weiter. Er schlug sogleich einen Bogen zu den letztlich entscheidenden Minuten des Abends. Nübel sei trotz allem „ein guter Torhüter. Und ein guter Torhüter kann eben auch ab und an einen Elfmeter halten. Er hat großen Anteil daran, dass wir weitergekommen sind“, so Wohlgemuth. Nübel haderte weiterhin mit den Details. „Ich will immer für die Mannschaft da sein“, sagte er, der in der noch jungen Saison noch nicht der Rückhalt ist, der er für den VfB in den vergangenen Monaten war.

Was, das muss einordnend angeführt werden, auch an seiner Vorbereitung liegt. Die war von einer langwierigen Ellbogenverletzung geprägt. Wochenlang konnte der Nationaltorhüter nicht das machen, für was er eigentlich lebt: Fliegen, hechten, Bälle halten. Noch im Supercup musste er aussetzen, Fabian Bredlow ersetzte ihn. Das Spiel an der Alten Försterei in Köpenick, auch da war Nübel bei den Gegentoren nicht vollends schuldfrei, war sein erster Pflichtspieleinsatz seit dem Pokalfinale vor rund 90 Tagen.

Dass da die Wettkampfpraxis fehlt, liegt auf der Hand. Nübel wirkte bisweilen etwas eingerostet. Aber er weiß das und hat ein Rezept parat. „Ich will wieder in meinen Rhythmus, meinen Flow kommen und wieder gute Spiele zeigen. Da zählt jede Minute“, sagte er. Und der Umstand, auch unter widrigen Bedingungen bei sich bleiben zu können, den Fokus aufrecht zu erhalten.

Dies ist Nübel in Braunschweig eindrucksvoll gelungen – belohnt wurde er mit drei gehaltenen Strafstößen und einer etwas klobig wirkenden DFB-Trophäe. Wo die in seiner Wohnung einmal landen wird, wusste er am Abend noch nicht. „Mal sehen, vielleicht fällt mir noch ein Platz dafür ein“, sagte er schmunzelnd. Und verschwand in die Kabine.