Beim 2:1(0:1)-Sieg gegen Leipzig überzeugen in der Defensive zwei Spieler, die man in den letzten Monaten nicht zur ersten Garnitur der Schwaben gezählt hat. Der Trainer ist voll des Lobes.
Es kommt nicht allzu oft vor, dass Trainer im Nachgang einer Partie mit Sonderlob großzügig umgehen. Sebastian Hoeneß schon gar nicht, er scheut derlei Elogen gemeinhin wie der Teufel das Weihwasser. Wenn also der Stuttgarter Trainer ausführlich lobt aufgrund einer gestellten Reporterfrage und direkt danach auch noch ungefragt einem weiteren Spieler ein außerordentliches Arbeitszeugnis ausstellt, dann muss in den 90 Minuten davor Bemerkenswertes passiert sein. Beide Adressaten zählten in der bisherigen Runde nicht zum Stammpersonal. Im Gegenteil. Einer der beiden war gar kurz davor, vorerst als Fehleinkauf abgestempelt zu werden.
Denn Ameen Al-Dakhil war so etwas wie ein Phantom auf der Kaderliste des VfB Stuttgart. Für neun Millionen Euro Ablöse war er vor der Saison von Burnley FC zum VfB gewechselt – eine Summe, die ihn an der Mercedesstraße jahrelang locker zum teuersten Einkauf der Vereinsgeschichte gemacht hätte, wenn der VfB nicht just in dieser Transferphase durch die Wechsel von Deniz Undav und Ermedin Demirovic in ganz neue Sphären vorgestoßen wäre. Doch Al-Dakhil war meilenweit davon entfernt, der sofortige Startelfkandidat zu sein, der er qua seiner Ablöse und der einhelligen Einschätzungen der sportlich Verantwortlichen hätte sein müssen. Der Belgier fehlte meist krank, war im Aufbau, versuchte durch Einsätze beim VfB II Minuten in die Beine zu bekommen. Aber bis zu diesem Mittwochabend standen für ihn gerade einmal 24 Einsatzminuten in Liga und Champions League zu Buche.
Al-Dakhil feierte sein Startelfdebüt in der Bundesliga
Gegen Leipzig warf Hoeneß ihn ins kalte Wasser. Startelfdebüt – und das gleich gegen ausgewiesene Könner. Die Leipziger Loic Openda, Benjamin Sesko und auch Xavi Simons gehören zum Besten, das die Bundesliga zu bieten hat. Al-Dakhil lieferte ab. Aufmerksam, handlungsschnell, frech nach vorn verteidigend und blitzschnell auf den Beinen ließ er defensiv nichts anbrennen und sorgte mit seiner klug eingesetzten Grätsche sogar dafür, dass das 1:1 fallen konnte, initiierte den Angriff quasi durch sein Tackling. „Er hat ein super Spiel gemacht. Ich möchte ihn ausdrücklich loben“, ließ Hoeneß im Nachgang wissen. „Wir wussten, was er uns im Spiel gegen Leipzig mit seiner Geschwindigkeit und dem Spiel mit Ball geben kann“, führte er weiter aus und endete mit einem Auftrag an den jungen Belgier: „Jetzt ist er hoffentlich voll da.“
Der andere Lobempfänger hieß Ramon Hendriks. Als Ergänzungs- und Rotationsspieler von Feyernoord Rotterdam für den schmalen Taler (eine Million Euro Ablöse) gekommen, zeigte der Niederländer zum wiederholten Male, warum ihm sein Trainer schon vor der Partie das Label „Verteidigungsmonster“ aufgeklebt hatte. Hendriks spielte defensiv in der Mittelstädt-Rolle auf der linken Außenbahn derart routiniert seinen Stiefel herunter, dass man zu dem Urteil kommen konnte, er habe sein Leben lang nichts anders getan.
Sein direkter Gegenspieler Simons, wohl eines der verheißungsvollsten Talente in Europa und noch am Wochenende mit zwei Treffern gegen Bremen hervorragend ins Fußballjahr gestartet, sah nicht nur überhaupt kein Land gegen den „sehr griffigen“ (Sportvorstand Fabian Wohlgemuth) Hendriks, sondern ließ sich nach 66 Minuten entnervt auswechseln. „Er hat eine sehr schwierige Aufgabe mit großem Kämpferherz bravourös erledigt. Er ist einer, der immer alles gibt – und das möchte ich hervorheben“ bilanzierte Hoeneß und ließ dabei sogar noch unerwähnt, dass Hendriks auch offensiv Akzente zu setzen wusste. So war es beispielsweise sein Tiefenlauf, der Leipzig-Kapitän Willy Orban vor die Wahl stellte und so ermöglichte, dass Deniz Undavs Flanke den völlig frei stehenden Jacob Bruun Larsen erreichen konnte.
Bei allem Lob darf nicht vergessen werden, dass es sich in beiden Fällen um Momentaufnahmen handelt. Insbesondere Al-Dakhil muss erst noch beweisen, dass er konstant auf diesem Niveau abliefern kann. Dazu muss er über einen längeren Zeitraum verletzungsfrei bleiben. Aber es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass Hoeneß offenbar auf zwei weitere Optionen in der Defensive zurückgreifen kann, die bereit stehen, wenn es zählt. Gelegenheiten für beide, sich weiter auszuzeichnen, wird es in den kommenden Wochen geben. Dafür sorgt allein der dicht getaktete Spielplan.