Der VfB-Stürmer Ermedin Demirovic braucht ein frisches Trikot, da er das erste aus Wut zerrissen hat. Wenig später wird er von Trainer Sebastian Hoeneß ausgewechselt. Foto: IMAGO/Sven Simon

Nach dem Sieg gegen den HSV kommt es zu intensiven Gesprächen mit den verärgerten Ermedin Demirovic und Chris Führich – was die besondere Konstellation im Saisonfinale verdeutlicht.

Ermedin Demirovic ist genervt gewesen. Und frustriert. Trotz des souveränen Sieges des VfB Stuttgart und trotz der vier Tore gegen den Hamburger SV. Schließlich hatte der Angreifer keines davon erzielt – und eines war ihm aberkannt worden. Zum wiederholten Male in den vergangenen Wochen. Diesmal stand der Vorbereiter Deniz Undav knapp im Abseits.

 

Das alles kann schon an der Fußballerseele nagen. Zumal wenn man Demirovic heißt, in Hamburg geboren ist, Familie und Freunde im Stadion sitzen und man ohnehin hohe Ansprüche an sich stellt. Aus Wut zerriss der Mittelstürmer nach dem zurückgenommenen Treffer sein Trikot. Bei seiner Auswechslung kurz darauf brachen die aufgestauten Emotionen dann vollends aus dem 28-Jährigen heraus. Er war sauer auf Trainer Sebastian Hoeneß – und ließ es hören.

Ein Gespräch nach dem Abpfiff sowie die Entschuldigung von Demirovic entspannten die Situation beim Bundesligadritten umgehend wieder. Wie im Fall Chris Führich, der auf seine Auswechslung ebenfalls verärgert reagiert hatte. Sie wollten gegen den schwachen HSV weiter auf Torejagd gehen. „Ich habe überreagiert“, sagte Demirovic.

Hoeneß machte aus der Angelegenheit keine große Sache und brachte Verständnis für den Ehrgeiz des Bosniers auf. Allerdings geht es ihm auch um die Teamhygiene. Zudem will er die Balance zwischen gesundem Egoismus und nötiger Mannschaftsdienlichkeit halten. „Es muss einfach jedem klar sein, dass wir draußen ein paar Jungs haben, die sehr gerne spielen würden und wahrscheinlich auch von Anfang an“, sagt der Coach.

Beim 4:0 gegen den HSV waren das Bilal El Khannouss, Tiago Tomas, Nikolas Nartey, Josha Vagnoman, Luca Jaquez, Finn Jeltsch, Dan-Axel Zagadou und Jeremy Arevalo. Fast alles Nationalspieler, was den erhöhten Konkurrenzkampf bei den Stuttgartern verdeutlicht. Es ist teilweise schon schwierig, in den 20-köpfigen Spieltagskader zu kommen.

Für die Startelf ergeben sich zusätzliche Härtefälle. Diesmal traf es zum Beispiel den späteren Torschützen El Khannouss, der in der Hinrunde mit seinen Aktionen noch oft den Unterschied für den VfB ausmachte. Auch Jeltsch oder Vagnoman durften sich schon als Stammkräfte sehen – und nun müssen sie fürchten, in wichtigen Begegnungen öfter von außen zuzuschauen, da Ramon Hendriks und Lorenz Assignon auf ihren Positionen einen Tick vorne dran sind.

Gesprächsbedarf gibt es zwischen Chris Führich und Trainer Sebastian Hoeneß. Foto: Baumann/Volker Mueller

Bis zum Ausscheiden in der Europa League vor Kurzem war das alles kein Problem. Die vielen englischen Wochen verdichteten den Wettkampfkalender, und Hoeneß nutzte die viel gelobte Breite des Kaders. Spieler kamen rein und raus. Die Rotation gehörte zum schwäbischen Fußballalltag wie einst die Kehrwoche auf den Stuttgarter Straßen. Jetzt geht es allerdings in die entscheidende Saisonphase – und die Spiele nehmen ab. Die Belastungssteuerung stellt nur noch eine Randnotiz dar. Personalwechsel sind dem Augenblick geschuldet – nicht der mangelnden Frische.

Sperren, Verletzungen und taktische Überlegungen geben den Ausschlag darüber, wen Hoeneß von Beginn an aufstellt. Vor allem aber die Form. Dabei geht es um Nuancen, nicht um enorme Leistungsunterschiede. Und in der Stunde der Wahrheit ist jetzt die Stuttgarter Spitzenelf gefragt.

Die Besten im Trikot mit dem Brustring sollen es am Sonntag (17.30 Uhr) beim FC Bayern München und darüber hinaus richten. Werder Bremen, TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt stehen noch auf dem Ligaprogramm, um die Qualifikation für die Champions League zu sichern. Ambitionierte Aufgaben. Darüber hinaus gibt es noch das Pokal-Halbfinale gegen den SC Freiburg und die damit verbundene Titelchance für den Pokalsieger.

Ein weiterer Aspekt: die WM im Sommer rückt näher und damit die Nominierungen für das große Turnier in Nordamerika. Aus den VfB-Reihen liebäugeln noch einige Spieler mit einer Berufung durch den Bundestrainer. Wie die Torschützen Angelo Stiller (21.), Chris Führich (32.) und Maximilian Mittelstädt (56.). Sie überzeugten mit ihren Vorstellungen – und darauf aufbauend helfen sicherlich Tore, um die jeweilige Position bei Julian Nagelsmann zu stärken.

Undav war das nicht vergönnt. Der Torjäger vergab Chancen und einen Foulelfmeter. Dazu sah er die fünfte Gelbe Karte nach einer Rangelei. Ein erhitztes Stürmergemüt lag auch hier zugrunde. Nun fehlt der erfolgreichste Stuttgarter beim Südgipfel, wenn die beiden größten Vereinsblöcke der deutschen Nationalmannschaft aufeinandertreffen. Bei den März-Länderspielen waren es letztlich sechs Bayern-Spieler und fünf VfB-Profis, die Nagelsmann anleitete – und Undav stand im Zentrum des medialen Sturms. Jetzt herrscht diesbezüglich vorübergehend Ruhe.