Die Personallage ist angespannt, die Stabilität der Saison-Anfangsphase dahin: Beim VfB steht die Defensivarbeit weit oben auf der Agenda – auch für den Trainer, der deutlich wird.
Wie schnell sich die Dinge manchmal ändern, zeigt ein Blick auf die Defensive des VfB Stuttgart gerade sehr anschaulich. Die galt noch vor Kurzem als sorgenfreie Zone, geradezu als Prunkstück in der Anfangsphase der Saison – mit sechs fitten Innenverteidigern und sechs Pflichtspiel-Siegen ohne Gegentor bis Anfang November. Jetzt, vier Wochen später, hat sich der Wind gedreht.
Vom Verteidiger-Sextett stehen für das Spiel in der Europa League gegen Maccabi Tel Aviv an diesem Donnerstag (18.45 Uhr) vier Profis nicht mehr zur Verfügung: Luca Jaquez und Dan-Axel Zagadou fallen mindestens bis Jahresende verletzt aus, Jeff Chabot fehlt gelbgesperrt, Ameen- Al-Dakhil ist gar nicht erst für die internationalen Spiele gemeldet – womit sich die Innenverteidigung in Person von Ramon Hendriks und Finn Jeltsch quasi von selbst aufstellt. „Das ist schon eine angespannte Personalsituation“, sagt Trainer Sebastian Hoeneß, der Max Herwerth und Christopher Olivier aus der U 21 mit in den Kader nehmen wird.
Elf Gegentore gegen den FC Bayern, Borussia Dortmund und RB Leipzig
Nun dürfte sich dieser kurzfristige Engpass wohl schon am Sonntag in der Bundesliga bei Werder Bremen etwas entspannen, wenn Chabot und Al-Dakhil wieder spielberechtigt sind – vom Tisch ist das Defensivthema aber auch dann nicht. Im Gegenteil. Stabilität und Kompaktheit sind seit Wochen nicht mehr auf dem Level der Anfangsphase der Saison, 15 Gegentore kassierte die Mannschaft in den vergangenen fünf Bundesliga-Spielen – und damit drei pro Spiel. Fraglos ein Schnitt, der keinen Trainer der Welt zufrieden stellt. Zum Vergleich: Nach dem achten Spieltag hatte der Wert hier noch bei 0,9 Gegentoren gelegen. Ist das Prunkstück also binnen weniger Wochen zur Problemzone geworden?
Zunächst: Natürlich muss man den Spielplan berücksichtigen, zuletzt ging es anders als an den ersten Spieltagen gegen echte Schwergewichte der Liga: RB Leipzig (1:3), Borussia Dortmund (3:3) und den FC Bayern (0:5). Aber: Auch gegen Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte hielten die Stuttgarter ihren Kasten zuletzt nicht sauber, gegen den FC Augsburg (3:2) und beim Aufsteiger Hamburger SV (1:2) gab es jeweils zwei Gegentore.
Das Thema Defensivarbeit ist deshalb beim VfB längst oben auf der Agenda – und das nicht erst seit der Klatsche gegen die Münchner am vergangenen Wochenende. Auch der Trainer sieht im Verteidigen eine Entwicklung, die in die falsche Richtung geht und die es umzukehren gilt. Zu Saisonbeginn, betont Hoeneß, sei man in Details besser gewesen. „Das haben wir analysiert. Auf dieses Level wollen wir wieder kommen. Da müssen wir besser werden.“
Besagte Details sind durchaus vielschichtig. Natürlich ist die individuelle Zweikampfführung ein Teil des Ganzen, vor dem ersten Gegentreffer beim HSV verloren etwa mehrere Stuttgarter ihre direkten Duelle im Mittelfeld. Zugleich stehen auch gruppentaktische Aspekte im Fokus. Stichwort mannschaftliche Kompaktheit. „Wir verteidigen auf zu viel Raum in Eins-gegen-eins-Situationen und müssen uns öfter auch mal unterstützen“, sagt Hoeneß – das oft zitierte Doppeln also, das Herstellen von Zwei-gegen-eins-Situationen im Verteidigen. Und: Dass gerade gegen die Topteams mit ihrer individuellen Qualität Eins-gegen-eins-Duelle eine unangenehme Sache sind, liegt auf der Hand.
Das Ganze hat eine hohe Dringlichkeit. Vorne, sagt Sebastian Hoeneß, sei man nämlich immer in der Lage, Tore zu erzielen – woraus der Stuttgarter Trainer im Gegenzug ableitet: „Die Voraussetzung, um erfolgreich zu sein, ist wenig bis gar keine Tore zu bekommen.“ Die nächste Möglichkeit dafür bietet sich gegen einen Kontrahenten, dessen Offensive bislang nicht sehr furchteinflößend auftritt: In seinen fünf Partien der Europa League gelang Maccabi Tel Aviv nur ein Treffer. Beim VfB geht man dennoch davon aus, dass der israelische Erstligist der Defensive einiges abverlangen wird. „Es ist ein Team, das mitspielen möchte. Du musst in der Europa League immer bei 100 Prozent sein, um zu gewinnen“, sagt Hoeneß, dessen Ziel klar ist: ein Sieg – und das am liebsten ohne Gegentor.