Der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth fühlt sich mit dem VfB Stuttgart und seinem Maskottchen Fritzle verbunden. Foto: Baumann/Hansi Britsch

Der Aufsichtsrat und der Sportvorstand sprechen über eine Vertragsverlängerung – doch beim Pokalsieger stellen sich auch noch andere wichtige Fragen.

Die Verhandlungsstrategie steht. Alles soll im Verborgenen ablaufen, denn nichts darf die Konzentration auf das Wesentliche stören: den Fußball. Schon gar nicht ein Funktionärstreffen. Zu wichtig sind die Spiele, die der VfB Stuttgart noch vor sich hat. Angefangen mit der Heimpartie an diesem Sonntag (17.30 Uhr) gegen den Hamburger SV in der Bundesliga. Bis hin zum ersehnten Abschluss am 23. Mai beim möglichen Pokalfinale in Berlin.

 

Der VfB steckt also in der heißen Saisonphase – und mittendrin befindet sich Fabian Wohlgemuth, der die Ergebnisse der Mannschaft zu erklären und die Entwicklungen im Verein zu verantworten hat. Ohne sich selbst in den Vordergrund zu schieben. Das tut der Sportvorstand seit mehr als drei Jahren in einer uneitlen Art und Weise. Der frühere Abwehrspieler ist ein Teamplayer und räumt allen ihren Anteil am neuen Erfolg ein.

Jedoch ist es auch so, dass sich der VfB für die Zukunft aufstellen will und dafür einen starken Sportchef benötigt. Nur: Wohlgemuths Vertrag läuft 2027 aus und Gespräche über eine weitere Zusammenarbeit lassen sich nicht aufschieben, wenn rechtzeitig vor der nächsten Transferphase im Sommer Klarheit herrschen soll.

Ein erster, konkreter Austausch hat nun stattgefunden. Sondierung würde man das auf der politischen Bühne wohl nennen. Auf der einen Seite des Tisches saß Wohlgemuth und auf der anderen Dietmar Allgaier, der Vorsitzende des zuständigen Aufsichtsrates. In guter Atmosphäre soll das Treffen stattgefunden haben. Konstruktiv soll es abgelaufen sein. Geprägt von gegenseitiger Wertschätzung, da der eine als Macher einen stabilen Kader gebaut hat und der andere als Präsident Ruhe in den Traditionsverein gebracht hat. Offenbar gibt es auch die grundsätzliche Bereitschaft, den Stuttgarter Weg weiter gemeinsam zu gehen.

Doch ein Selbstläufer sind die Verhandlungen nicht, die noch im April weitergeführt werden sollen. Wohlgemuth hat sich zu einem der Topmanager in der deutschen Fußballbranche hochgearbeitet. Immer wieder ereilen den 47-Jährigen Anrufe von der Konkurrenz. Seine konzeptionelle Klarheit sowie sein großes Netzwerk machen ihn zum gefragten Mann. Untermauert sind die Anfragen mit den entsprechenden Verdienstmöglichkeiten. Zur Realität gehört jedoch auch, dass es in der Bundesliga nicht mehr viele Vereine gibt, die einem Sportchef bessere Arbeitsmöglichkeiten und Perspektiven bieten können als der VfB. Nicht nur wegen des vierten Tabellenplatzes.

Präsident Dietmar Allgaier, Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und Vorstandschef Alexander Wehrle (von links) Foto: Baumann/Hansi Britsch

Jetzt gilt es, die Positionen auszuloten, ehe ein neuer Kontrakt unterschrieben wird. Voraussichtlich zu erhöhten Bezügen, da Wohlgemuth, als er im Juli 2024 vom Sportdirektor zum Sportvorstand aufstieg, noch nicht in der obersten Gehaltskategorie angekommen war. Gut denkbar ist dabei eine vorzeitige Verlängerung um drei Jahre bis 2029. Das wäre ein Zeichen für die gewünschte Kontinuität auf der sportlichen Entscheidungsebene, da der Cheftrainer Sebastian Hoeneß über einen Vertrag bis 2028 (ohne Ausstiegsklausel) verfügt und der Vorstandschef Alexander Wehrle gar bis 2030.

Die drei bilden das Triumvirat des Aufschwungs an der Mercedesstraße. So hat sich der Marktwert des VfB seit Wohlgemuths Amtsantritt im Dezember 2022 mehr als verdreifacht: von 123,4 Millionen Euro (Stand im März 2023) als Abstiegskandidat bis zu aktuell 383,1 Millionen Euro als Europapokalanwärter. Mit ein Verdienst des Sportchefs, der im Verbund mit dem Chefcoach in Stuttgart ein Leistungsklima geschaffen hat, in dem sich die Spieler verbessern.

Kluge Transferpolitik und hervorragende Trainerarbeit kommen hier zusammen und haben den VfB an einen Punkt gebracht, an dem der Aufsichtsrat die große Frage stellt, wie sich der Pokalsieger strategisch ausrichten soll, um dauerhaft unter die Top Fünf in der Bundesliga zu gelangen. Nachgeordnet bedeutet dies: Wie sehen etwa die Szenarien mit und ohne Champions-League-Teilnahme in der nächsten Saison aus? Zu welchem Preis soll mit dem Stürmer Deniz Undav der Vertrag verlängert werden?

Die Antworten soll Wohlgemuth liefern. Und der Sportvorstand arbeitet an den Lösungen, ohne dabei in die sogenannte Champions-League-Falle geraten zu wollen. Diesen gefährlichen Strudel, in den plötzlich erfolgreiche Clubs gezogen werden, wenn sie dem Lockruf der Königsklasse verfallen. Er ergibt sich aus steigenden Gehaltskosten, höherer Risikobereitschaft bei Transfers und wachsendem Erfolgsdruck, um sich für die europäische Eliteliga zu qualifizieren.

Gelingt der Sprung in die Champions League dann nicht, hat man zwar ein teures Team, aber nicht mehr die nötigen Einnahmen aus der Königsklasse. Dem VfB soll das nicht wieder passieren – und Wohlgemuth soll den Spagat hinbekommen.