Hinten stabil, vorne lange Zeit völlig harmlos: Das 1:1 bei Eintracht Frankfurt wirft die Frage auf, ob der VfB mit mehr offensiver Risikobereitschaft zu den dringend benötigten Siegen kommen könnte.
Natürlich zählt im Abstiegskampf jeder Punkt. Ab und zu aber braucht es zwingend Siege, auch im Tabellenkeller. Für einen richtigen Sprung im Tableau, für das Selbstvertrauen, für die Stimmung im Team. Dass dem VfB Stuttgart das seit dem Amtsantritt von Trainer Bruno Labbadia deutlich zu selten gelungen ist, würde selbst an der Mercedesstraße niemand ernsthaft abstreiten. Einen einzigen Erfolg gab es in neun Bundesligaspielen, vor drei Wochen gegen den 1. FC Köln. Für die daraus resultierende Folgerung braucht es nicht viel Fantasie: Diese Quote dürfte nicht reichen, um in den verbleibenden zehn Partien den Klassenverbleib zu schaffen. Der VfB benötigt Siege.
Ziemlich hin- und hergerissen waren daher auch die Beteiligten nach dem 1:1 bei Eintracht Frankfurt. Eigentlich gibt es für eine Mannschaft aus der unteren Tabellenhälfte ja weitaus Schlechteres als ein Unentschieden bei einem Champions-League-Teilnehmer. „Sehr wertvoll“ könne der Zähler in der Endabrechnung noch werden, betonte deshalb auch VfB-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. Fast im gleichen Atemzug haderte er aber auch ein wenig: „Am Ende hätten wir hier drei Punkte mitnehmen können.“
Kaum Torraumszenen in der ersten Hälfte in Frankfurt
Dieser Befund ist nicht von der Hand zu weisen, fußt aber letztlich nur auf einem Sechstel der gesamten Spielzeit. Auf der Schlussviertelstunde, in der die Stuttgarter auf den Sieg drängten. Was die Frage aufwirft: Wären frühere Offensivbemühungen womöglich lohnend gewesen? Oder allgemeiner: Ist der VfB mit dem richtigen Mix aus Risiko und Stabilität unterwegs, um die nötigen Siege im Abstiegskampf einzufahren?
Für Labbadia ist die Defensive ein hohes Gut. Organisation und Disziplin sind seit Monaten zentrale Themen in Bad Cannstatt – was man auf dem Platz auch sieht. Der VfB lässt inzwischen weitaus weniger Großchancen zu als noch in der Hinrunde, die Gegner müssen viel investieren. Die erste Hälfte in Frankfurt kann dafür fast schon als Paradebeispiel herhalten. Torraumszenen? Mangelware. Weder im einen Strafraum noch im anderen tat sich Nennenswertes, die Notizblöcke der Beobachter blieben leer.
Druckvolle Stuttgarter Schlussviertelstunde
Ob das nun als gut oder schlecht einzustufen ist, liegt natürlich erst mal im Auge des Betrachters. Einerseits hielt der VfB die immerhin viertbeste Offensive der Liga gut in Schach, andererseits konnte er selbst kaum Durchschlagskraft entwickeln. Es lässt daher schon Rückschlüsse auf den Fokus des Trainers zu, dass dieser das Positive im ersten Durchgang in den Vordergrund rückte. „Sehr gut“ sei sein Team im Spiel gewesen, sagte Labbadia. Sehr gut im Sinne von sehr stabil, nicht im Sinne von sehr torgefährlich.
Nach der Pause wich die Zufriedenheit schnell, die Frankfurter Führung durch Sebastian Rodes abgefälschten Schuss (55.) zwang den VfB zum Reagieren. Labbadia brachte neue Offensivkräfte, dem eingewechselten Silas Katompa gelang der Ausgleich (75.), die Stuttgarter waren am Drücker. Und jetzt mit dem einen Punkt auch nicht mehr zufrieden. „Wir wollten das Spiel gewinnen“, sagte Labbadia über die Schlussphase, in der er in Person von Enzo Millot einen seiner offensivsten zentralen Mittelfeldspieler einwechselte. Fast mit Erfolg. Der Schlenzer des Franzosen verfehlte das Tor nur knapp (80.), kurz vor Schluss klärte dann noch Frankfurts Makoto Hasebe vor dem einschussbereiten Silas. So blieb es bei einem Punkt. Nach einer Schlussphase, die gezeigt hatte, dass vielleicht mehr möglich gewesen wäre.
Nur in zwei von neun Partien erzielte der VfB das erste Tor des Spiels
Ein Stück weit spiegelten sich in diesen 90 Minuten von Frankfurt die vergangenen Wochen wider. Vor allem anfangs meidet der VfB das ganz große Risiko – Labbadia spricht gerne von einem anfänglichen Abreibungskampf, bei dem man den längeren Atem brauche. Dass es lange unentschieden stehen kann, ist dabei eingepreist. In den offenen Schlagabtausch geht es oft nur wider Willen, wenn etwa ein Rückstand intensivere Offensivbemühungen erfordert. Allerdings gelang dem VfB unter dem neuen Coach mit diesem Ansatz auch erst in drei von neun Spielen das wichtige erste Tor – gegen den FSV Mainz 05 (1:1), den SC Freiburg (1:2) und den 1. FC Köln (3:0) sprangen dabei immerhin vier Punkte heraus.
Insgesamt 30 Zähler sind in dieser Saison noch zu vergeben, die Hälfte davon dürften die Stuttgarter für den Klassenverbleib in etwa brauchen. „Die Zeit wird kürzer“, sagt auch Labbadia – scheint aber weiter die Überzeugung in seinen Weg zu haben. „Genau da ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren.“ Ohne schnelle Erfolgserlebnisse aber dürfte es schwierig werden mit der Ruhe. Das sieht auch Sportchef Wohlgemuth so: „Natürlich müssen wir auch irgendwann mal wieder dreifach punkten.“ Am besten schon am Samstag (15.30 Uhr) gegen den VfL Wolfsburg.