Nach den turbulenten Vorgängen rund um die Abwahl des Vereinspräsidenten Claus Vogt als Aufsichtsratsvorsitzender der VfB AG drängt sich nun eine Reihe von Fragen auf.
Es besteht Hoffnung auf Ruhe. Und die meisten Fans des VfB Stuttgart wünschen sich ja nichts anderes als Erfolg für die Mannschaft und Einigkeit im Club. Wie bisher soll es für den Tabellendritten deshalb in der Fußball-Bundesliga weitergehen – mit Toren und Siegen. Doch hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf, der durch den Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats allein nicht befriedet wird. In Tanja Gönner hat zwar nun erstmals eine Frau den Vorsitz im Kontrollgremium, aber der Präsident Claus Vogt will sich nicht so ohne Weiteres aus dem Feld schlagen lassen. Dafür ist zu viel passiert – und es stellen sich weitere Fragen.
Wie lief die Abwahl ab?
Das Stimmenergebnis auf der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung am Dienstagnachmittag sagt schon viel aus. Mit sieben zu zwei Stimmen bei einer Enthaltung sprachen die Gremiumsmitglieder gegen Claus Vogt ihr Misstrauen aus. Das Besondere dabei: Der Präsident war zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr bei der Hybridveranstaltung zugegen. Er hatte die Sitzung für beendet erklärt, auch um einer Abwahl zu entgehen.
Tanja Gönner und Lutz Meschke zogen die Angelegenheit dennoch durch. Bereits im Vorfeld hatten die Ex-Politikerin und das Porsche-Vorstandsmitglied versucht, Vogt zu einem freiwilligen Rückzug zu bewegen. Erfolglos, weshalb die zuvor geschmiedete Allianz zum Tragen kam. Nur Beate Beck-Deharde und Rainer Adrion hielten zu Vogt. Christian Riethmüller, wie Adrion VfB-Präsidiumsmitglied, enthielt sich der Stimme. Außer Gönner und Meschke votierten Peter Schymon, Franz Rainer (beide Mercedes-Benz), Albrecht Reimold (Porsche), Tobias Röschl (Jako) und Alexander Kläger (SAP) für einen Neuanfang mit Gönner.
Schon im Vorfeld war es turbulent zugegangen, da Schymon als stellvertretender Aufsichtsratschef kurzfristig eingeladen hatte. Mit der Begründung, die Sitzung sei dringlich. Einziger Tagesordnungspunkt: Vogts Absetzung. Formal beruft jedoch der Vorsitzende eine außerordentliche Versammlung ein, und es gilt, eine Frist einzuhalten. Prompt konterte Vogt und hatte auf seiner Agenda mehr als ein Dutzend Punkte. Am Ende hatten sich die Mitglieder in zwei unterschiedliche virtuelle Sitzungen eingewählt, weil zwei Links verschickt worden waren. Vogt schaltete sie zusammen – und die Abwahl nahm ihren Lauf.
Wie beschädigt ist der Präsident?
Claus Vogt steht als Verlierer da. Zum einen, weil er das von seinem Vorgänger Wolfgang Dietrich gegebene Versprechen gegenüber den Mitgliedern (Präsident gleich Aufsichtsratsboss) nicht halten konnte. Das kostet den 54-Jährigen in der sogenannten Kurve Rückhalt und Glaubwürdigkeit. Vor allem, weil er mit der Unterstützung der aktiven Fanszene zum Präsidenten wiedergewählt worden war. Zum anderen ist die Außenwirkung des Machtverlustes groß, weil Vogt einen exponierten Posten räumen musste. Zumal in der VfB-Erklärung zum Ausdruck kommt, dass er nicht für geeignet erachtet wird.
„Mit den Aufsichtsratsmitgliedern unserer Partner Mercedes-Benz und Porsche bin ich der Meinung, dass in Zukunft die Idealbesetzung des Aufsichtsratsvorsitzenden ein Präsidiumsmitglied des Vereins sein sollte, das von den Mitgliedern direkt gewählt wurde und über die notwendigen fachlichen und persönlichen Voraussetzungen verfügt“, wird Gönner zitiert.
Vogt selbst äußert sich nicht zu den Vorgängen. Bisher. Der Präsident ist natürlich angeschlagen. An Rücktritt denkt er allerdings nicht, heißt es aus seinem Umfeld. Vielmehr wird betont, dass sich Vogt zur Wiederwahl des Aufsichtsratsvorsitzenden stellen wollte. Dieses Vorhaben wurde abgeschmettert. Jetzt kämpft der Unternehmer um sein Amt als Vereinschef.
Offenbar wird geprüft, ob die Absetzung juristisch anfechtbar ist. Zudem steht im Herbst die nächste Mitgliederversammlung an, auf der Vogt sich erklären muss. Zuletzt hatte er versucht, eine Mitgliederbeteiligung in der Frage durchzusetzen, ob die beiden Ämter Präsidentschaft und Aufsichtsratsvorsitz getrennt werden sollen. Ohne Erfolg. Was auch daran liegt, dass das Präsidium zwar ein Meinungsbild einholen kann, dieses jedoch nicht bindend ist. Weder für das Präsidium noch den Aufsichtsrat.
Das Kontrollgremium der VfB AG ist unabhängig und den Mitgliedern gegenüber rein rechtlich nicht verpflichtet. In der Praxis haben sich Vorstand und Aufsichtsrat aber stets erklärt. Bleibt abzuwarten, ob es beim VfB nun Abwahlanträge gegen Vogt geben wird oder ob sich bis 2025, wenn regulär Neuwahlen anstünden, ganz andere Konstellationen ergeben. Es wird schon darüber spekuliert, ob Gönner als VfB-Präsidentin kandidieren wird.
Wie steht es um den Sportvorstand?
Stellvertretend für unerledigte Themen im Aufsichtsrat steht die Besetzung des Sportvorstands. Seit Monaten wird gesucht. Und zuletzt wirkte das Kontrollgremium in dieser Frage blockiert. Man hatte ja mit sich selbst zu tun. Dabei ist die Personalie enorm wichtig, und der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle hat sich bereits mehrfach für die Beförderung von Fabian Wohlgemuth ausgesprochen. Der Vertrag des Sportdirektors läuft 2025 aus. Sollte ihm ein externer Kandidat, zum Beispiel Jochen Sauer (Nachwuchschef des FC Bayern München), vorgezogen werden, wäre das Erfolgsgespann mit Trainer Sebastian Hoeneß wohl gesprengt.