Der VfB Stuttgart blickt auf erfolgreiche Transferphasen zurück. Dahinter steht auch ein treffsicheres Scouting. Wir erklären, wie im Maschinenraum des Clubs gearbeitet wird.
Blickt man auf die letzten Transferphasen des VfB Stuttgart, so fallen einem mehrere Dinge auf. Zuallererst einmal, dass es jede Menge Transferbewegungen gab. Mehr als 15 personelle Veränderungen pro Wechselphase waren keine Seltenheit. Daneben fällt auf, dass der Club nahezu in jedem Sommer Säulenspieler verloren hat. Dinos Mavropanos, Borna Sosa und Wataru Endo 2023, Serhou Guirassy, Hiroki Ito und Waldemar Anton 2024, Enzo Millot und Nick Woltemade 2025. Dafür gab es Rekordablösesummen. Noch nie zuvor in seiner Geschichte hat der VfB so viel Geld durch die Verkäufe von zwei Spielern eingenommen wie im vergangenen Sommer.
Rund 120 Millionen Euro flossen in die Kassen. Unterm Radar, aber ebenfalls auffällig: Trotz dieser vielen Abgänge wurde der Kaderwert konsequent gesteigert. Rund um das Dreifache, auf aktuell 340 Millionen Euro. „Das liegt an gutem Scouting, an guten Einzelentwicklungen, an gutem Coaching und dem daraus resultierenden mannschaftlichen Erfolg“, nennt Fabian Wohlgemuth Faktoren für diesen Erfolg. Der Mann, der als Sportvorstand die Speerspitze dieser Entwicklung darstellt und die vielen Personalbewegungen hauptsächlich verantwortet.
Warum das Team so wichtig ist
Doch auch wenn Wohlgemuth in Sachen Transfers den Hut aufhat, so ist er beileibe nicht allein verantwortlich. Sportdirektor Christian Gentner und ein rund ein Dutzend Köpfe umfassendes Scouting-Team unter der Leitung von Thomas Henning und Kaderplaner Daniel Ebbert arbeiten nicht minder intensiv an dem VfB-Kader und an seiner Zusammenstellung mit. Darunter sind Spezialisten für Live-Sichtung, also das Beobachten und Einschätzen von Spielern bei Einsätzen vor Ort.
Aber auch Experten mit klarem Fokus auf Daten und Software-Entwicklung, um aus diesen Daten jene Informationen herauszufiltern und nutzbar zu machen, die einen wirklich weiterbringen. In diesem Team begegnet man sich dem Vernehmen nach auf Augenhöhe, arbeitet vertrauensvoll zusammen. Entsprechend gut ist der Teamgeist in der oft von Eitelkeiten geprägten Branche.
Bedarfsprofil genau definieren
Bevor man loszieht, um einen Spieler genauer unter die Lupe nehmen, ist ein Thema wichtig, das man in erster Linie weniger aus der Scouting-, mehr aus der Kaderplanungsperspektive betrachten muss. Das Bedarfsprofil muss möglichst genau definiert werden. Für welche Position sucht man? Wird ein potenzieller Stammspieler gesucht oder eher ein Perspektivspieler? Welchen Charaktertypus möchte man, wie ist der persönliche Background des Spielers, wie die allgemeine Marktlage für Spieler auf der Position und wie sehen Perspektiven und Vertragssituationen derer aus, die bereits auf der Position im Kader sind? Abschließend, aber nicht minder wichtig: Was kosten solche Spieler und was kann oder möchte der Club ausgeben?
Innovationskraft made in Stuttgart
Ist das geklärt, legt das Team los. Die Scouting-Abteilung hat über Schnittstellen Zugang zu allen gängigen Daten und Videoplattformen, kann sich in Windeseile entsprechendes Material zusammensuchen, beziehungsweise hat eigene Abfragen und Software in petto, die derlei Prozesse automatisiert ablaufen lassen. Dadurch werden beispielsweise auch eingängig aufbereitete, digitale Berichte erstellt, die sofort aufzeigen, wenn irgendwo auf der Welt ein ins Suchprofil passender Youngster Daten produziert, die ihn von der Masse abheben.
Aufgrund der umfassenden Verfügbarkeit bleibt so in der Theorie kein Spieler aus den weltweit relevanten Ligen unentdeckt. So ist Finn Jeltsch beim FC Nürnberg den VfB-Scouts bereits vor langer Zeit aufgefallen. Weit bevor die Kunde vom Ausnahmekönner bei der Konkurrenz die Runde machte. Da hatte der VfB den Verteidiger, der unlängst die Fritz-Walter-Medaille in Gold in seiner Altersklasse gewonnen hat, schon an sich gebunden.
Hier tritt die Innovationskraft des Standorts Stuttgart offen zutage, denn vieles davon ist absolute Geheimsache, darf nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Dadurch wäre ein potenzieller Wettbewerbsvorteil womöglich verloren. Dennoch sind Technik und Datentiefe nicht alles. Denn schlussendlich kommt es vor einer potenziellen Verpflichtung auf einen guten Mix aus allen Kernkompetenzen an. Marktkenntnis, gutes Netzwerk, Vor-Ort-Sichtung, Background-Check und Datenbasis spielen zusammen. Stimmen alle Kennzahlen und passen die anderen Erkenntnisse, wird der VfB aktiv.
So sieht eine Shortlist beim VfB aus
Diese Prozesse laufen permanent ab, sind nicht unbedingt anlassgebunden. Anders ausgedrückt: Würde man erst aktiv werden, wenn akut Bedarf bestünde, kämen die Bemühungen wohl schon zu spät. Man kann davon ausgehen, dass der VfB bereits jetzt die Kandidaten für die kommenden zwei bis drei Transferphasen definiert hat. Schließlich muss der Club immer für möglichst jeden Fall präpariert sein, seine Optionen kennen, etwas in der Hinterhand haben.
Daher gibt es eine Longlist für jede Position, die teilweise Dutzende Spieler umfasst. Dazu kommen die Talente aus der Akademie, die wenn möglich auch auf den positionsspezifischen Shortlists auftauchen müssen. Die Kunst guten Scoutings ist es, aus den – vereinfacht ausgedrückt – 300 potenziellen Neuzugängen die drei herauszufiltern, die alle passen. Im Idealfall wird dann einer aus dieser Liste als Neuzugang in Bad Cannstatt präsentiert.