120 Minuten Spannung und Spektakel: Von diesem Abend in der MHP-Arena wird vieles im Gedächtnis bleiben – unter anderem diverse Fußball-Klischees.
Um 23.24 Uhr brachen alle Dämme. Die Stimmung in der MHP-Arena war den ganzen Abend über dem Anlass entsprechend. Dass das Halbfinale des DFB-Pokals gleichzeitig ein Baden-Württemberg-Derby ist, schien alle Beteiligten mit einem besonders großen Maß an Vorfreude zu erfüllen. Was der Last-Minute-Siegtreffer von Tiago Tomás besiegelte, wurde schon lange vorher deutlich: Dieser Abend würde in Erinnerung bleiben. Nicht zuletzt weil er – insbesondere aus Stuttgarter Sicht – einige Klischees dieses Wettbewerbs bediente.
Ein echter Pokalfight
Beide Mannschaften ließen bereits in der Anfangsphase der Partie anklingen, dass jegliche Vorwürfe der Lethargie oder des fehlenden Willens an diesem Abend keinen Anklang finden würden. Jordy Makengo und Johan Manzambi auf der einen sowie Nikolas Nartey und Jamie Leweling auf der anderen Seite sahen in den ersten 17 Minuten die gelbe Karte. Auch wenn sich der anfänglich sehr raue Umgangston nicht über 120 Minuten fortsetzte, wurde auch der restliche Abend beidseitig mit der nötigen Intensität bestritten. Immer wieder erhitzten sich die Gemüter – auf dem Rasen, an der Seitenlinie, auf den Rängen. Ein echter Pokalfight eben.
Das Quäntchen Glück
Auch ein wenig Glück gehört an einem solchen Abend im DFB-Pokal mit dazu – auf beiden Seiten. Vor dem Führungstreffer durch Maximilian Eggestein profitierten die Gäste davon, dass Nartey einen eigentlich harmlosen Eckball von Vincenzo Grifo am kurzen Pfosten nicht klären konnte. Zudem hatten nach dem Seitenwechsel sowohl Chris Führich als auch Angelo Stiller den möglichen Ausgleich eigentlich auf dem Fuß. Deniz Undav vergab kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit eine Riesenchance zum Sieg, Führich traf in der ersten Hälfte der Verlängerung nur den Pfosten.
Auf der anderen Seite konnten sich die Stuttgarter glücklich schätzen, dass Yuito Suzuki eine Großchance zum 2:0 liegen ließ und somit ermöglichte, dass Undav 19 Sekunden später das 1:1 erzielen konnte. Und natürlich der wohl größte Aufreger des Abends: das vermeintliche Offensivfoul von Lucas Höler und der in der Folge nicht anerkannte Treffer zum 2:1 kurz nach Wiederanpfiff zur Verlängerung. Am Ende überstrahlte der beidseitige Unmut über die Leistung von Schiedsrichter Tobias Welz einen extrem unterhaltsamen Fußballabend.
Die Geschichten des Pokals
Manche Geschichten schreibt bekanntermaßen nur der Fußball – oder eben der DFB-Pokal. Die Geschichte des Deniz Undav beispielsweise, der vor den Augen des auf der Tribüne sitzenden Bundestrainers Julian Nagelsmann zunächst einen schwachen Auftritt hinlegte, dann aber nach seinem Ausgleichstreffer plötzlich eine gute Aktion an die nächste reihte. Oder die Geschichte des Tiago Tomás, der die 13 Millionen Euro, die der VfB im Sommer für ihn nach Wolfsburg überwies, bis dato nicht wirklich rechtfertigen konnte und nun aber zum ewigen Pokalhelden aufstieg. Oder die Geschichte des Freiburger Keepers Florian Müller, der gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber gleich mehrere Glanzparaden zur Schau stellte. In vielerlei Hinsicht wird dieser Pokalabend in Stuttgart im Gedächtnis aller Beteiligten bleiben.
Die Reise nach Berlin
„Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, tönte es nach Abpfiff durch die MHP-Arena. Auch die ersten Gesänge über gewisse bayrische Lederhosen ließen nicht lange auf sich warten. Dass der VfB als Außenseiter in das Duell mit dem FC Bayern München geht, steht außer Frage. Die Titelverteidigung ist jedoch im Bereich des Möglichen – mit einem weiteren echten Pokalfight, einem Quäntchen Glück und der ein oder anderen Geschichte, die nun mal nur der Pokal schreibt.