Die Stuttgarter erhalten beim 0:5 einen empfindlichen Dämpfer und bleiben in der Schlussphase unter ihren Möglichkeiten. In der Bundesliga warten nun richtungsweisende Duelle.
Sebastian Hoeneß neigt ja selten zu emotionalen Extremen, bei Höhen wie Tiefen bleibt die Analyse eine sachliche. Das war auch nach seiner höchsten Niederlage als Trainer des VfB Stuttgart nicht anders. Man werde die 0:5-Klatsche gegen den FC Bayern wie gewohnt aufarbeiten, die guten wie schlechten Dinge analysieren, nicht alles in Grund und Boden reden, betonte der 43-Jährige.
Einerseits. Und doch schimmerte in kurzen Momenten immer wieder durch, dass der Nachmittag wenig überraschend auch seine Wirkung hinterlassen hatte. „Natürlich“, so der Trainer, „war es kein gutes Gefühl.“ Das galt für das reine Resultat, ein Stück weit aber auch für die dahinterstehende, wenig erfreuliche Erkenntnis. „Uns allen ist bewusst geworden“, sagte Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „dass es zur absoluten Spitze noch ein paar Schritte sind.“
Stiller und Undav mit deutlicher Kritik
Nun agiert an ebendieser Spitze, das gehört an dieser Stelle zum Gesamtbild, der FC Bayern auf einem extrem hohen Niveau. Auch in Stuttgart. Mit Pressing über den ganzen Platz, ohne Nachlassen bis zur letzten Minute und mit Impulsen von außen: Nachdem der VfB nach der Bayern-Führung von Konrad Laimer per Hacke (11.) die Partie offen gestaltet hatte, sorgte der eingewechselte Harry Kane binnen kürzester Zeit mit einem Dreierpack für klare Verhältnisse. Aus 20 Metern per Flachschuss (66.), vom Elfmeterpunkt nach einem mit Rot sanktionierten Handspiel von Lorenz Assignon (81.) und aus kurzer Distanz (88.). Die Torschützenliste komplettierte Josip Stanisic mit einem allerdings nur mäßig gefährlichen Schuss, bei dem VfB-Torhüter Alexander Nübel keine gute Figur abgab (78.).
Die Münchner Machtdemonstration änderte zugleich nichts daran, dass die Höhe der Niederlage aus VfB-Sicht auch selbst verschuldet war – und das nicht nur aufgrund des Nübel-Patzers. In der Entstehung von Kanes erstem Tor legte der Stuttgarter Defensiv-Verbund mehrfach eine Passivität an den Tag, die exemplarisch für das Abwehrverhalten in der letzten halben Stunde stand. Um diese redeten im Anschluss auch die Führungsspieler nicht herum. Eine „bodenlose zweite Hälfte“ sah etwa Mittelfeldspieler Angelo Stiller: „Wir waren nicht dran und immer einen Schritt zu spät.“ Stürmer Deniz Undav sprach gar von einem „Zwei-Klassen-Unterschied“.
Dass diese Deutlichkeit zu den inzwischen gewachsenen Stuttgarter Ambitionen in Widerspruch steht, liegt auf der Hand. „Wir wollen besser werden auf dem Level. Es muss auch der Anspruch sein, dass wir da besser agieren, als wir es gemacht haben“, betonte Hoeneß – um mit Blick auf die ausgeglichene Phase bis zum zweiten Gegentor nachzuschieben: Grundsätzlich könne man sich diesem Anspruch auch stellen.
Klar ist zugleich: Die jüngste Bundesliga-Ausbeute genügt internationalen Zielen nicht, aus den vergangenen drei Spielen holte die Mannschaft nur einen Punkt. Während das 3:3 bei Borussia Dortmund noch als Erfolg zu werten war, galt das für das 1:2 beim Aufsteiger Hamburger SV in Überzahl und für die Klatsche gegen die Bayern definitiv nicht. Nach einem starken Saisonstart ist damit zumindest in der Liga der Trend momentan nicht der Freund der Stuttgarter.
Was zur Frage führt: Wo steht der VfB? Auf der einen Seite gab es in den bisherigen Duellen mit den Topteams nur einen Punkt und jeweils mindestens drei Gegentore – bei Borussia Dortmund (3:3), bei RB Leipzig (1:3) und gegen die Bayern (0:5). Auf der anderen Seite waren Phasen der klaren Unterlegenheit wie in der Schlussphase gegen die Münchner bislang die Ausnahme in dieser Saison, in der die Ausgangslage in allen Wettbewerben nach wie vor intakt ist.
Richtungsweisende Spiele zum Ende der Hinrunde
Mit dem derzeitigen Schnitt von 1,7 Punkten pro Spiel hätten die Stuttgarter am Saisonende 57 Zähler auf dem Konto, die in der Regel für den Einzug in den internationalen Wettbewerb reichen. Im Pokal steht man im Viertelfinale, in der Europa League sind die Chancen aufs Weiterkommen gut.
Wohlgemuth ist zuversichtlich, dass das Negativerlebnis vom Wochenende für keine bleibende Delle sorgen wird: „Wir werden uns jetzt nicht eingraben“, so der Sportvorstand. Man habe es bislang immer geschafft, so etwas schnell abzuschütteln und sich zu stabilisieren. Viel Zeit bleibt dafür nicht, zumal den kommenden Partien eine hohe Bedeutung zukommt.
Nach dem Duell in der Europa League mit Maccabi Tel Aviv am Donnerstag (18.45 Uhr) stehen in der Bundesliga zum Abschluss der Hinrunde vier Partien an, in denen der VfB fast ausschließlich auf direkte Tabellennachbarn trifft: In diesem Jahr gastieren die Stuttgarter noch bei Werder Bremen und empfangen die TSG Hoffenheim, zum Start ins neue Jahr geht es direkt gegen die beiden Champions-League-Teilnehmer Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt. Zweifelsohne wegweisende Prüfsteine, die eine Richtung vorgeben werden.