Nimmt wieder eine wichtige Rolle auf dem Platz ein: Atakan Karazor Foto: Baumann/Julia Rahn

Der Kapitän des VfB steckte im ersten Halbjahr im Tief – ist aber inzwischen wieder ein zentraler Faktor im Mittelfeld, in dem sich die Kräfteverhältnisse verschoben haben.

Als Kapitän ist man ja immer auch Antreiber. Atakan Karazor hat diese Rolle zuletzt umfassend ausgefüllt, mit vollem Körpereinsatz: Immer wieder ruderte der Mittelfeldspieler des VfB Stuttgart mit weit ausgestrecktem Arm energisch nach vorne, trieb seine Teamkollegen gegen Eintracht Frankfurt an, drängte sie regelrecht in Richtung Tor. Einige Pässe später lag der Ball dann tatsächlich im Netz, das Stadion bejubelte den 3:2-Siegtreffer, Karazor ballte die Faust. Nach dem finalen Kraftakt eines intensiven Arbeitstages, an dem er immer wieder Löcher gestopft und Zweikämpfe geführt hatte.

 

Es sagt in diesem Zusammenhang schon einiges aus, dass gleich zwei der Stuttgarter Hauptverantwortlichen den 29-Jährigen im Anschluss von sich aus lobten, bevor überhaupt nach ihm gefragt worden war. Erst attestierte Sportvorstand Fabian Wohlgemuth dem Spielführer „eine überragende Leistung“, dann hob Trainer Sebastian Hoeneß dessen wichtige Impulse in puncto Laufpensum und Körperlichkeit hervor. Die Zahlen bestätigen das: Die Zweikampfquote von 73 Prozent bildete keinen alltäglichen Wert, ebenso wenig die Laufleistung von 12,6 Kilometern: Niemand auf dem Feld spulte mehr ab, dennoch verzichtete Hoeneß in der Schlussphase auf eine Auswechslung und frische Kräfte.

Angelo Stiller ist im zentralen Mittelfeld unumstrittener Rhythmusgeber

Was wiederum verdeutlicht: Karazors sportlicher Wert für die Mannschaft steht zu Beginn des Jahres 2026 außer Zweifel. Und das ist durchaus eine Erwähnung wert, weil es in dieser Saison auch schon ganz andere Phasen gab. Rückblick: Nach dem schwachen Stuttgarter Auftritt beim SC Freiburg (1:3) am dritten Spieltag erlebte der VfB eine unruhige Woche, vieles kam auf den Prüfstand – und der Kapitän verlor seinen unumstrittenen Stammplatz.

Bis Anfang Dezember kam Karazor wettbewerbsübergreifend fünfmal erst in der Schlussphase ins Spiel und viermal überhaupt nicht zum Einsatz. Ein Ausmaß, das sich trotz der vielen englischen Wochen nicht alleine durch das Rotationsprinzip erklären lässt. Sommer-Neuzugang Chema aus der Nachwuchs-Schmiede von Real Madrid drängte ins Team, überzeugte mit Ballgewandtheit und Kopfballstärke – und erhielt so immer öfter den zweiten Startelfplatz im zentralen Mittelfeld neben Taktgeber Angelo Stiller, der bei Hoeneß praktisch immer gesetzt ist und in dieser Saison als einziger Akteur aus dem Profikader in allen 27 Pflichtspielen auf dem Rasen stand.

Chema hat im VfB-Mittelfeld momentan das Nachsehen gegenüber Atakan Karazor. Foto: Baumann/Volker Mueller

Für Karazor war die Situation eine ungewohnte. Zwei Jahre lange hatte er mit Stiller ein quasi unantastbares Mittelfeld-Duo gebildet – nun wirkte er phasenweise schwerfällig, verschuldete Gegentore wie in der Europa League gegen Celta Vigo und blickte damals auch selbstkritisch auf diese Phase: „Ich muss einfach sagen, dass ich gefühlt außer Form war. Es fiel mir schwerer. Die ein oder andere Aktion ging nicht mehr so einfach wie zuvor“, sagte Karazor Ende Oktober. Sein Spiel fuße ja viel auf Intuition und Leichtigkeit: „Und die hat auch irgendwann gefehlt, die versuche ich mir gerade wieder zu erarbeiten.“

Inzwischen lässt sich festhalten: Das ist gelungen, Karazor hat sein Tief überwunden. Dabei macht der zweimalige türkische Nationalspieler eigentlich nichts grundlegend anders als in den Jahren zuvor, bringt aber seine bewährten Stärken wieder auf den Rasen. Tempo und Spritzigkeit zählen seit jeher weniger dazu – sehr wohl aber Robustheit im Zweikampf, hohe Laufumfänge und viel Ballsicherheit gerade bei kurzen Pässen.

Die Rädchen im Zusammenspiel mit seinem Nebenmann greifen so wieder zunehmend besser ineinander: Stiller als kreativer Impulsgeber, Karazor als stabilisierender Absicherer. „Atas Qualität stand für uns nie zur Disposition“, sagt Sportchef Wohlgemuth – und lässt auch mit Blick auf die schwierige Phase im Herbst nichts über Karazor und dessen Verhalten kommen: „Er hat sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt und Verantwortung übernommen.“

Inzwischen tut er das nicht mehr nur in der Kabine oder im Training: In den vergangenen fünf Pflichtspielen verpasste Karazor wettbewerbsübergreifend keine Minute, die Kräfteverhältnisse im Stuttgarter Mittelfeld haben sich im Vergleich zur Anfangsphase der Saison verschoben. Einerseits. Auf der anderen Seite legte Hoeneß zuletzt Wert darauf, dass es sich dabei um keine Entscheidung auf alle Ewigkeit handelte. Bei einem jungen Spieler wie Chema (20) seien Wellenbewegungen in der Leistungskurve normal, die Konkurrenzsituation habe er gut angenommen: „Er geht immer positiv an die Sache heran und ist lernwillig. Ihm gehört die Zukunft.“ In der Gegenwart aber hat Atakan Karazor die Nase vorne.