Der Nachmittag wird in Erinnerung bleiben: Elia Pellerito (2.v.r.) mit den VfB-Profis Pascal Stenzel (links) und Fabian Bredlow (rechts) sowie seinen Eltern Francesca und Vincenzo. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Elia Pellerito aus Kernen im Remstal lebt von Geburt an mit der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose. Aus der Begegnung mit den Profis des VfB Stuttgart ziehen er und seine Familie viel Energie für die Zukunft.

Elia Pellerito ist gut vorbereitet auf den prominenten Besuch. Auf einer langen Liste hat der Elfjährige aus Kernen im Remstal sämtliche Autogrammwünsche notiert, die ihm seine Mitspieler von der D-Jugend der Sportvereinigung Rommelshausen durchgegeben haben. Aus gutem Grund: Der VfB Stuttgart kommt in die Nachsorgeklinik Tannheim. „Als sich das rumgesprochen hat, gab es richtig viele Anfragen“, berichtet Elia. Tanguy Coulibaly steht besonders hoch im Kurs, gleich vier junge Kicker aus seinem Team haben Interesse an der Unterschrift des Flügelstürmers hinterlegt.

 

Ehe das klappt, ist aber Geduld gefragt. Bis in den Flur der Klinik hinaus reicht an diesem Mittag die Schlange, die in einen großen, hellen Raum führt. 18 VfB-Profis und das Trainerteam um Chefcoach Bruno Labbadia erwarten die Kinder – und signieren T-Shirts, Bälle, teils auch Schuhe. Nach einer halben Stunde ist Elia bei Coulibaly angekommen und bringt seinen Sonderwunsch vor. Der Offensivspieler schaut etwas überrascht: „Vier?“ Elia nickt lächelnd, nebenan beobachtet seine Mutter Francesca das Ganze. „Es ist ein Freudenschub, wenn man hört, dass der VfB hier herkommt“, sagt sie. „Und mit der Freude kommt die Kraft.“

Hoffnungen ruhen auf einem speziellen Medikament

Kraft, die Elia aus seinem vierwöchigen Aufenthalt in der Klinik bei Villingen-Schwenningen ziehen will. Von Geburt an ist die Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose sein stetiger Begleiter, die vor allem seine Lunge beeinträchtigt. Die Einnahme von Medikamenten gehört ebenso zum Alltag wie die ständige Vorsicht vor Keimen, auch Reizhusten kann immer mal wieder auftreten. In Tannheim haben sie sich auf die Behandlung der Krankheit spezialisiert, aber nicht nur. Auch krebs- und herzkranke Kinder sind hier untergebracht. Mit ihren Angehörigen.

Die Familie Pellerito – Mutter Francesca, Vater Vincenzo, Elia und sein zweijähriger Bruder Liam – wohnt im März einen Monat lang im Haus der Hoffnung. Der Begriff umschreibt den Gemütszustand der Pelleritos ganz gut, gab es doch zuletzt deutliche Lichtblicke. Heilbar ist die Krankheit zwar nicht, die Lebenserwartung aber hat sich durch Forschungsfortschritte zuletzt stark erhöht. Im Fall von Elias Mutation auf 40 bis 50 Jahre. Zudem befindet sich der Elfjährige in einer Studie, in der die Wirksamkeit eines speziellen Medikaments getestet wird. Schlägt es an, könnte das seinen Alltag immens erleichtern. „Viele sagen, es sei ein ganz anderes Leben damit“, berichtet Francesca Pellerito.

Der VfB unterstützte die Klinik bislang mit einer halben Million Euro

In Tannheim wird Elia aber nicht nur medizinisch behandelt. Dreimal täglich stehen 30 Minuten Unterricht in den Hauptfächern an, um den Anschluss nicht zu verlieren. Dazwischen reihen sich Physiotermine und Atemübungen ein. Zweimal war die Familie mit Elia schon auf Amrum zur Reha, jetzt heißt es das erste Mal Schwarzwald statt Nordsee. „Das ist deutlich näher“, sagt Elia – und nennt noch einen weiteren Vorteil. Aus seiner Sicht sogar einen sehr entscheidenden: „Der VfB besucht uns hier.“

Das tut der Stuttgarter Bundesligist schon sehr lange und regelmäßig. Mit dem Klinikbau in den 1990er-Jahren verankerte der damalige Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder die enge Verbindung, die bis heute Bestand hat. Mit rund einer halben Million Euro hat der VfB über die Jahrzehnte die Nachsorgeklinik mittlerweile unterstützt. Etwa durch Zuschüsse für Bauprojekte – wie den nach dem VfB-Maskottchen benannten Fritzleturm, der als Landepunkt einer Seilbahn dient. Selbst die Behandlungszimmer der medizinischen Abteilung sind in VfB-Optik gehalten. „Für KSC-Fans ist das natürlich richtig hart“, sagt Thomas Müller, der Geschäftsführer der Klinik, mit einem Schmunzeln.

Drei Jahre lang keine VfB-Besuche wegen Corona

Das jüngste Projekt, ein Fitnesspark für Einzeltherapien im Freien, haben die Stuttgarter mit 35 000 Euro bezuschusst und in Person von Vorstandschef Alexander Wehrle und Präsident Claus Vogt mit eröffnet. „Tief in der DNA des Vereins“ sei die Partnerschaft mittlerweile verankert, sagt Wehrle.

Eine Sache aber kann keine finanzielle Unterstützung der Welt ersetzen: die persönlichen Begegnungen. „Das sind unvergessliche Erlebnisse, die wir so einfach nicht geben können und die alle hier für lange Zeit mitnehmen“, sagt Müller. Drei Jahre lang waren sie aufgrund der Coronapandemie ausgefallen – umso größer ist nun bei allen Beteiligten die Freude über den ersten Besuch seit Herbst 2019. Auch beim VfB. „Die Besuche hier führen uns auch vor Augen, dass es im Leben noch andere und wichtigere Dinge als das tägliche Profigeschäft gibt“, sagt Wehrle, während er das gemeinsame Fußballspielen auf dem Kunstrasen der Anlage beobachtet.

Das Highlight für Elia: Fußball-Tennis mit Dan-Axel Zagadou

Dort bricht auch bei Elia endgültig das Eis. Insbesondere vom Fußball-Tennis mit Verteidiger Dan-Axel Zagadou kann er nicht genug bekommen – Annahme, Vorlage, per Volley über das Netz und wieder zurück in die richtige Position. „Das tut so gut, das zu sehen“, sagt Francesca Pellerito, „Bewegung ist ja auch ein zentraler Bestandteil der Therapie.“

Ab April will sich Elia diese wieder zuhause auf dem Platz in Rommelshausen holen. „Wir ziehen unheimlich viel Energie aus diesem Tag, von diesen Erinnerungen kann man zehren“, sagt seine Mutter, als sich der Nachmittag mit den VfB-Profis nach gut zwei Stunden dem Ende neigt. Im Gedächtnis wird er noch lange nachwirken.