Gegen Leipzig nach acht, in Bremen nach vier Minuten: Erneut hat der VfB Stuttgart die Anfangsphase verschlafen. Ein Problem, das aus der vergangenen Saison bekannt ist aber nicht so leicht zu beheben scheint.
Ketzerisch gesagt könnte man VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo den Ratschlag geben, seiner Mannschaft künftig einen Wecker in die Kabine zu stellen. Und vor dem Gang aufs Spielfeld seinen Spielern am besten noch einen doppelten Espresso zu servieren.
Vielleicht würde das ja helfen, einem Auftritt wie zuletzt bei Werder Bremen (2:2) entgegenzuwirken. Allzu schlafmützig ging der VfB Stuttgart die Partie in der Hansestadt an, bereits nach vier Minuten klingelte es im Kasten von Florian Müller. Viel hätte nicht gefehlt, und der Rückstand hätte sich in der ersten Viertelstunde noch aufsummiert. Nach neun Minuten traf Werder noch die Latte.
Kurzum: Es war ein Katastrophenstart, den die Beteiligten auch gar nicht schönreden wollten. „Wir haben zu Beginn die direkten Duelle verloren. Das müssen wir besser machen, vom Start weg hellwach sein“, nahm Abwehrchef Waldemar Anton sich und seiner Mitspieler in die Pflicht. „Da muss sich jeder hinterfragen, warum das so war.“ Auch Sportdirektor Sven Mislintat kam zu der klaren Einschätzung: „30 Minuten lang haben wir überhaupt nicht ins Spiel gefunden.“
In den letzten zehn Spielen sechsmal früh in Rückstand
Nicht zum ersten Mal in der jüngeren Vergangenheit. Am ersten Spieltag gegen RB Leipzig geriet der VfB nach acht Minuten in Rückstand. Bezieht man die vergangene Saison mit ein, mussten die Weiß-Roten in den zurückliegenden zehn Spielen gleich sechsmal einem frühen Rückstand bis zur 15. Minute hinterherlaufen. In der gesamten Saison 2021/22 waren es zehn Gegentreffer in der Anfangsviertelstunde – so viel kassierte sonst nur der FC Augsburg.
Eine Hypothek, die sich nicht immer, aber zumindest öfters vermeiden lassen müsste. Die Frage nach dem „Wie“ hat Trainer Pellegrino Matarazzo zu beantworten. Eine schlüssige Erklärung scheint er aber noch nicht gefunden zu haben.
„No answer, not yet“ (Ich habe noch keine Antwort), sagte er nach dem Spiel in Bremen. Dabei verwehrte sich Matarazzo zunächst gegen die Spätstarter-Systematik, als er meinte, nach zwei Spieltagen noch von keinem Muster sprechen zu wollen. In Bremen, so seine Vermutung, habe das frühe Gegentor nach vier Minuten in die schlechte Anfangsphase gemündet, die vor allem von Verunsicherung geprägt war. In der Vergangenheit war es oft umgekehrt.
Kaum auf dem Platz, schaltet die Mannschaft in den Energiesparmodus
Grundsätzlich ist Matarazzo das Problem aus der Erfahrung von letzter Saison nicht neu. „Ich habe schon mal gesagt, dass es nicht wichtig ist, wie laut man in der Kabine schreit. Sondern, was man von der ersten Minute an auf dem Platz macht.“ Man darf sich die VfB-Elf in der Kabine also als lautstarke, auf den Anpfiff brennende Heißsporne vorstellen, die dem Gegner womöglich noch gegen die Kabinentür hämmern. Die aber, kaum dass sie den Platz betreten, in den Energiesparmodus schalten.
Von Anpfiff weg „online“, wie Matarazzo gerne predigt, waren sie zuletzt allenfalls beim legendären Heimspiel gegen den 1. FC Köln. Als es um alles ging. Aus der notorischen Schlafmützigkeit zu Beginn Sorglosigkeit oder gar Überheblichkeit abzuleiten, würde der Mannschaft allerdings nicht gerecht werden. Dies würde ihren Charakter in Frage stellen, an dem grundsätzlich wenig Zweifel bestehen. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass sich die Stuttgarter Spätstarter nach Rückständen meist zurückkämpfen. Gegen Leipzig war es so und zuletzt in Bremen auch. Am Samstag (15.30 Uhr) kommt der SC Freiburg nach Stuttgart. Kurzer Schwenk zur Vorsaison: Damals stand es nach neun Minuten 0:2, nach einer halben Stunde 0:3. Am Ende kämpfte sich der VfB bis auf 2:3 heran.
„Es ist entscheidend, dass die Mannschaft wieder zurückkommt“, lobte Sven Mislintat seine Elf in Bremen dafür, ab Mitte der ersten Hälfte peu a peu die Spielkontrolle übernommen zu haben. Am Ende war sie gegen den Aufsteiger 60 Minuten lang spielerisch die bessere Elf, die sich durch den Ausgleich in der Nachspielzeit um den verdienten Lohn brachte.
Auch zum Spielende ist der VfB anfällig
Was zu einem weiteren wunden Punkt führt: Die späten Gegentore. Auch dafür ist der VfB ein Spezialist. Vergangene Saison kassierten nur Fürth, Hertha und Mönchengladbach in den letzten 15 Minuten mehr Gegentore als der VfB. Woran das liegen mag? Ist eine andere Geschichte.