Die Königsklasse bringt es mit sich, dass der VfB viel lernen kann. Doch vor dem Spiel bei Roter Stern Belgrad stellt sich die Frage, ob die Stuttgarter ihre letzte Lektion verinnerlicht haben.
Fabian Wohlgemuth mag das. Eine harte und konsequente Verteidigung, einen abgezockten und schnellen Angriff. „Männerfußball“ wird diese Art des Spiels seit drei Wochen beim VfB Stuttgart genannt. Seit Atalanta Bergamo sich in der Stadt vorgestellt hat, um präzise zu sein. Denn diese italienische Elf tritt genau so auf – und das hat beim deutschen Vizemeister nicht nur auf den Sportvorstand Eindruck gemacht. Jedenfalls mehr, als das reine Ergebnis nach der 0:2-Niederlage in der Champions League vermuten lässt.
Die Spieler von Trainer Gian Piero Gasperini präsentierten sich mit großer Klarheit in ihrer Einstellung und Vorgehensweise. An diesem Selbstverständnis kann sich der VfB nun vor der nächsten Königsklassenpartie an diesem Mittwoch (18.45 Uhr) bei Roter Stern Belgrad orientieren. Gemäß dem Motto: Werden wie Atalanta. Zumindest in Teilen, da die Spielstile sehr unterschiedlich sind.
Sebastian Hoeneß ist voller Respekt
Beim VfB entspringt der Spielfluss aus der Mitte. Der Chefcoach Sebastian Hoeneß will das Geschehen aus dem Zentrum heraus kontrollieren lassen, es vor dem Zugriff des Zufalls bewahren. Gasperini gewährt Räume und lässt viel über die Außenpositionen agieren. Zudem betreibt Atalanta eine extreme Manndeckung über den ganzen Platz. Dennoch: „Das ist eine Mannschaft, die trotz ihrer Erfolge weiter bereit ist zu arbeiten. Und sie bleibt, bei allem was sie tut, stets ruhig“, hat Hoeneß nach der Begegnung mit dem Europa-League-Sieger voller Respekt bemerkt.
Da könnten sowohl die VfB-Profis als auch er etwas für sich mitnehmen. Bleibt für den Bundesligisten zu hoffen, dass die kleine Lektion schnell gelernt wurde, da eine Vorstellung à la Atalanta jetzt gefragt scheint. „Uns ist schon allen klar, vor allem natürlich der Mannschaft, dass es in Belgrad einigermaßen feurig zur Sache gehen wird. Durch den internationalen Wettbewerb treffen wir in diesem Jahr auf die unterschiedlichsten Clubkulturen. Und Belgrad wird dabei mit einer außerordentlich emotionalen Atmosphäre Maßstäbe setzen. Darauf sind wir vorbereitet“, sagt Sportchef Wohlgemuth.
Es gehört ja zum Reiz der Champions League, dass die Stuttgarter nach Real Madrid und Juventus Turin auswärts nun wohl das Gegenteil eines europäischen Edelclubs kennenlernen. Trotz der glanzvollen Historie. Roter Stern ist mit 35 Meisterschaften- und 27 Pokalsiegen sowohl serbischer als auch jugoslawischer Rekordmeister und Rekordpokalsieger. Dazu kommt der im Land legendäre Triumph von 1991: der Gewinn des Europapokals der Landesmeister.
Aktuell bewegt sich das Team von Trainer Vladan Milojevic in einer anderen Fußballdimension. In der Tabelle der Champions League stehen die Belgrader unten. Ohne jeden Punkt nach vier Spielen. Doch nach allem, was man weiß, wird es im voll besetzten Stadion Rajko Mitic, traditionell Marakana genannt, heiß zugehen. Wer sich da nicht widerstandsfähig zeigt oder gar die Nerven verliert, verliert womöglich mehr.
Fabian Wohlgemuth ist voller Überzeugung
Allerdings reist die Hoeneß-Elf nach dem 2:0-Sieg gegen den VfL Bochum gestärkt an. Trotz der Personalsorgen. Diese werden nun gerade im vorderen Bereich aufgrund der Regularien nicht geringer. Außer den verletzten Deniz Undav, Jamie Leweling und El Bilal Touré fehlen noch die im Europacup nicht spielberechtigten Nick Woltemade und Justin Diehl. Da schwindet die Qualität. „Das birgt aber Chancen für andere Spieler“, sagt Hoeneß, der gegen den Bundesliga-Tabellenletzten zuletzt eine konzentrierte Defensive sowie eine geduldige Offensive erlebte.
Diese Seriosität bildet die Basis in einer anstrengenden Saisonphase, für ein Team, das sich in einem Reifeprozess befindet und in den vergangenen Monaten größere Ausschläge in seinen Leistungen hatte. Zwischen Höhepunkten wie in Turin beim überragenden 1:0 und Tiefpunkten wie beim ernüchternden 0:4 in München pendelte der VfB mehrfach. Hoeneß versucht das Ganze zu stabilisieren. Körperlich lässt er dazu die Mannschaft aufgrund der ungewohnten Mehrfachbelastung viel regenerieren. Ansonsten schafft der Trainer ein Leistungsklima, das es den Spielern ermöglichen soll, sich alle paar Tage zu fokussieren.
Die Vorfreude auf die europäischen Festtage gehört da zum Programm. „Das wird wieder ein anspruchsvolles Spiel“, sagt Hoeneß, „und es wird wichtig sein, dass wir punkten, um möglichst in die nächste Runde zu kommen.“ Der pragmatisch geprägte Männerfußball aus Bergamo soll dabei aber nur ein Zusatzelement zur Spielfreude darstellen. „Allein mit physischen und mentalen Grundtugenden ist es auch nicht getan. Sie sind die Voraussetzung. Es wird für uns trotzdem immer darum gehen, unser Spiel durchzusetzen und all die Dinge auf den Platz zu bringen, die den VfB-Fußball stark machen. Dies in Summe erst kann einen erfolgreichen Auftritt am Mittwoch möglich machen“, betont Sportvorstand Wohlgemuth.