Die Spieler des VfB Stuttgart wollen in der Champions League ihren Mann stehen. Foto: Baumann/Volker Müller

Vor dem Heimspiel in der Champions League gegen Young Boys Bern ist der Druck auf den VfB Stuttgart groß. Doch die Verantwortlichen sehen vor allem die Chance, die schöne Zeit in der Königsklasse zu verlängern.

Der VfB Stuttgart ist en vogue. Vor allem an Champions-League-Abenden. Die Fans strömen, die Stadionluft scheint dann zu vibrieren und spätestens, wenn die von Tony Britten komponierte Erkennungshymne des Edelwettbewerbs ertönt, erfasst nicht nur die Fußballprofis auf dem Rasen ein Gänsehautgefühl. Erhebend und elektrisierend. Momente, auf die man beim VfB jahrelang verzichten musste. Nun werden sie im gesamten Verein genossen – und sie lassen sich verlängern.

 

Zumindest für die Play-off-Runde in der Königsklasse. Das ist das Ziel. Um es zu erreichen, benötigen die Stuttgarter wohl noch zwei Siege. Entsprechend wichtig ist das Heimspiel an diesem Mittwoch (21 Uhr) gegen Young Boys Bern. Praktisch ein Spiel mit Finalcharakter, allerdings im positiven Sinne. Denn der VfB muss gegen den Schweizer Meister nicht um das Erfüllen seiner Ansprüche zittern, wenn er nicht gewinnen sollte. Jedenfalls nicht, so fern man bedenkt, wo die Stuttgarter herkommen.

Das fordert der Sportchef Fabian Wohlgemuth

Abstiegskämpfe bestimmten das vergangene Jahrzehnt, ehe mit Sebastian Hoeneß die Wende kam. Sie gipfelte in der Vizemeisterschaft samt der Lobeshymnen auf den Trainer und das Team. Jetzt kombiniert die Mannschaft gegen die tief stehenden Gegner und auch die gestiegene Erwartungshaltung an, die sie mit den Erfolgen ereilt hat. Klar, richtig fordernd formuliert es kaum einer, dass der VfB in der Bundesliga wieder auf den Europacuprängen landen und in der Champions League mindestens den 24. Tabellenplatz erreichen sollte. Schon gar nicht in den eigenen Reihen.

Doch die stille Botschaft von Fachleuten und Fans ist nicht zu überhören. Es darf schon ein bisschen mehr sein, als gefällig mitzuspielen und internationale Erfahrungen zu sammeln. Das weiß auch der Sportvorstand. „Im Hinblick auf eine Qualifikation für die nächste Runde der Champions League kommen wir langsam in eine Phase, wo es darum geht, Farbe zu bekennen. Es gibt im Übrigen niemand bei uns, der diese Chance in die nächste Runde einzuziehen, nicht unbedingt ergreifen wollte“, sagt Fabian Wohlgemuth.

Aus diesen Worten dringt der Wille, die große Chance diesmal beim Schopf packen zu wollen – gegen einen Gegner, der noch keinen Punkt geholt und bislang weder defensiv noch offensiv überzeugt hat. Das erhöht zwar einerseits den Druck, aber andererseits gibt es für den VfB in den kommenden Europapokal-Partien vielmehr zu gewinnen als zu verlieren. Das ist die Sicht der Verantwortlichen, die beteuern, die Liga habe Vorrang vor der League.

Fabian Wohlgemuth will mit dem VfB in die Play-off-Runde einziehen. Foto: Pressefoto Baumann/Cathrin Müller

Natürlich ist eine solche Denkweise für einen Club wie den VfB glaubhaft. Im Augenblick einer Niederlage gegen die Berner wäre sie in der Öffentlichkeit aber kaum mehrheitsfähig und vermittelbar. Das hat bereits der Misserfolg in Belgrad verdeutlicht. Die Enttäuschung war riesig, vor allem unter den Spielern. Seither zwingt sich die Mannschaft zu einem Kraftakt – und sie hat nach dem 1:5 bei Roter Stern nicht mehr verloren. 2:2 in Bremen, 3:0 in Regensburg, 3:2 gegen Union Berlin. Was neue Sicherheit verleiht, zumal der Trainer in seinen Einordnungen nicht zu so großen Ausschlägen neigt, wie sie der VfB in der laufenden Saison bereits gezeigt hat.

Das kündigt der Trainer Sebastian Hoeneß an

Dennoch lockt die europäische Edelklasse auch im neuen Jahr – über die erste Phase des reformierten Wettbewerbs hinaus. „Offensichtlich ist, dass wir uns dafür aus den verbleibenden drei Begegnungen sechs Punkte erspielen müssen. Damit im eigenen Stadion zu beginnen, ist für uns kein Druck, sondern der logische Ansatz. Ich bin daher überzeugt davon, dass die Mannschaft am Mittwoch mit entsprechender Entschlossenheit auftreten wird“, sagt Wohlgemuth.

Auch für Hoeneß gibt es kein Drumherumreden, was die Bedeutung der Begegnung anbelangt. „Es darf nicht einen Hauch so sein, dass wir die Berner unterschätzen“, sagt der Trainer. Vielmehr fordert er einen energischen und entschlossenen Auftritt, ohne die Strapazen der vergangenen Wochen als Ausrede gelten zu lassen.

Vier Spiele in zehn Tagen liegen hinter dem VfB – und nach dem Heimsieg gegen die Eisernen am vergangenen Freitagabend ein Päuschen von zwei Tagen. Das reicht sicher nicht, um die zu Ende gehenden Akkus der Spieler wieder voll aufzuladen, aber es soll genügen, um sich neu zu fokussieren. „Wir werden dieses Spiel so angehen, wie man ein Spiel angeht, wenn es um viel geht. Wir werden nicht abwarten und schauen, was uns der Gegner anbietet“, sagt Hoeneß.

Mit Mut präsentiert sich der Coach – und will diese Tugend weiter auf die Mannschaft und ihre Spielweise übertragen. Ebenso wie die Ruhe, die er seit April 2023 in den meisten Situationen ausstrahlt. Diese Kombination hat geholfen, den VfB so weit zu bringen: Er steht vor dem ersten Finale der Saison – und sollte er es gewinnen, folgt am 21. Januar bei Slovan Bratislava in der Champions League das nächste.