Beim VfB läuft nach dem emotionalen Erfolgserlebnis die Aufarbeitung der Pokalpartie in Braunschweig. Welche Baustellen es schnell zu schließen gilt.
Da stand er also. Erschöpft, glücklich, kopfschüttelnd. Weit nach Mitternacht unternahm Ermedin Demirovic in den Katakomben des Eintracht-Stadions in Braunschweig den durchaus anspruchsvollen Versuch, das vorangegangene Geschehen auf dem Rasen zu sortieren und einzuordnen. Was nicht einfach war ob des turbulenten Spielverlaufs. „Ich habe so etwas auch noch nie erlebt, es war wirklich brutal“, befand der Stürmer des VfB Stuttgart nach dem denkwürdigen 12:11-Sieg seines Teams nach Elfmeterschießen in der ersten Pokalrunde beim Zweitligisten. Mit ständigen Führungswechseln, Chancen, Toren, Emotionen.
Nicht alltäglich war dabei auch Demirovics persönliche Rolle und Ausbeute: Zwei Stuttgarter Tore erzielte er in typischer Mittelstürmer-Manier mit dem ersten Ballkontakt im Strafraum selbst (11./60.), ein drittes per Eigentor in der Verlängerung erzwang er durch Bedrängen seines Gegnerspielers Sanoussy Ba (92.), auch im finalen Elfmeterschießen behielt er die Nerven. Keine Frage: Der 27-Jährige war einer der entscheidenden Stuttgarter Akteure des Abends, seine Treffer – und jener des eingewechselten Nick Woltemade (89.) – bewahrten den Titelverteidiger vor dem frühen Aus im DFB-Pokal.
Demirovic: „Eine Nacht, die eine Mannschaft zusammenschweißt“
„Es war auch für mich persönlich wichtig. Ich kann Tore schießen, wenn ich spiele und Minuten habe“, sagt der Stoßstürmer, der unter Trainer Sebastian Hoeneß kein unumstrittener Stammspieler ist. „So ein Spiel tut natürlich gut, um ein Zeichen zu setzen, dass ich da bin und mich reinkämpfen möchte.“ Vor allem aber habe die Partie und deren Ausgang dem Team gut getan: „Es ist eine Nacht, die eine Mannschaft einfach zusammenschweißt. Ich bin überzeugt, dass das mehr wert sein kann als ein souveräner Erfolg.“
Das mag stimmen, zugleich war damit auch die andere Seite der Medaille angesprochen. Denn souverän traten die Stuttgarter in Braunschweig beileibe nicht auf. 4:4 hatte es nach 120 Minuten gestanden – und ein Remis mit vier Gegentoren gegen einen Zweitligisten ist zweifelsohne nicht der Anspruch des ambitionierten Erstligisten. Daran ändert auch nichts, dass die Atmosphäre ausgesprochen hitzig war und die Eintracht an ihrem absoluten Leistungslimit agierte. Der VfB nimmt daher neben der Freude über das Weiterkommen und über die gezeigte Moral auch dringenden Analysebedarf aus Niedersachen mit nach Hause. Was die Sache dabei komplex macht: Die Themen sind vielschichtig und beschränken sich nicht auf eine zentrale Baustelle.
Dass die Abläufe im eigenen Ballbesitz in der Frühphase der Saison noch nicht immer stabil sind, zeigte sich dabei in den vergangenen beiden Partien. Erst stellte am vergangenen Samstag mit Union Berlin ein extrem tief verteidigender Gegner den VfB vor Herausforderungen, dann drei Tage später das hohe Pressing der überraschend angriffslustigen Braunschweiger. „Wir haben unser Spiel gegen die körperliche Intensität und extreme Zweikampfführung der Braunschweiger nicht immer durchsetzen können“, betont Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, während Trainer Sebastian Hoeneß nur einmal in der zweiten Hälfte nach der zwischenzeitlichen 3:2-Führung eine Phase der Spielkontrolle konstatierte. Auch die aber war von unsauberen Pässen in aussichtsreichen Angriffspositionen geprägt – oder einer fahrlässigen Chancenverwertung. Ausgerechnet Demirovic vergab in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit freistehend und zeigte sich anschließend selbstkritisch: Man könne zwar eigentlich nicht pro Spiel fünf Tore erwarten, „aber die Chancen sind einfach da dafür. Wir werden an der Konsequenz vorne arbeiten“, kündigte der Stürmer an – um nachzuschieben: „Aber auch an der defensiven.“
Denn dass sich mit vier Gegentoren in der Regel kein Fußballspiel gewinnen lässt, steht außer Frage. Zwar holte Braunschweig aus seinen offensiven Momenten viel heraus – aber eben auch, weil dem VfB in der Entstehung oft die letzte Konsequenz in der Torverhinderung fehlte. „Der Gegner braucht gerade nicht viel, um viele Tore gegen uns zu erzielen“, sagt Hoeneß, „das ist ganz sicher etwas, was wir anpacken müssen.“
In Braunschweig ging es nochmal gut. Auch dank der großen Moral und den Stuttgarter Comeback-Qualitäten. „Wir haben gemeinsam eine Belastungsprobe bestanden. Das nehmen wir mit“, betont der Cheftrainer – ergänzt aber auch: „Wir werden die Dinge analysieren. Wir haben den Anspruch, in vielen Situationen anders aufzutreten.“ Noch ist die Saison jung und die Zeit vorhanden, um die Baustellen in den Griff zu bekommen und sich zu stabilisieren. Klar ist aber auch: Ein rundum überzeugender Auftritt war in den vergangenen Wochen noch nicht dabei – und auf dem ersten Bundesliga-Heimspiel der Saison am Samstag (15.30 Uhr) gegen Borussia Mönchengladbach liegt bereits eine große Bedeutung.