Der Blick geht allein auf die eigene Mannschaft: Sportdirektor Sven Mislintat (links) und Trainer Pellegrino Matarazzo vom VfB Stuttgart Foto: Baumann/Julia Rahn

Rund um den VfB Stuttgart wachsen in der Endphase des Abstiegskampfes die Zweifel an Trainer und Team – lesen Sie hier, wie die Clubverantwortlichen mit der prekären Situation umgehen.

Alexander Wehrle hat mit der Relegation gute Erfahrungen gemacht. Fast ein Jahr ist es her, dass er mit dem 1. FC Köln über den Umweg der Entscheidungsspiele den Verbleib in der Fußball-Bundesliga sicherte – als Geschäftsführer, der mit dem damaligen Sportchef Horst Heldt kurz vorher die entscheidende Personalrochade vornahm: Friedhelm Funkel kam Mitte April für Markus Gisdol. Mit dem Trainer-Routinier erreichten die Kölner mit letzter Kraft im Kampf mit Holstein Kiel das rettende Ufer.

 

Als Bonuspartien betrachtet Wehrle die möglichen Begegnungen mit dem Zweitligadritten seither. Sie sind für den neuen Vorstandsvorsitzenden des VfB Stuttgart nicht nur das realistisch verbliebene Ziel für die Mannschaft, sondern ebenso die große Chance, dem Abstieg nach einer schwierigen Saison noch zu entgehen. Doch nach allem, was aus dem Clubhaus mit dem roten Dach zu hören ist, hat Wehrle noch nicht zum Mobiltelefon gegriffen, um Funkel anzurufen und mal zu fragen, was der 68-jährige Fußballrentner in den nächsten Wochen vorhat.

Wie reagiert Sportdirektor Sven Mislintat?

Eine Rettungsmission beim VfB ist jedenfalls nicht geplant. Denn die Verantwortlichen mit Wehrle an der Spitze vertrauen nach wie vor Pellegrino Matarazzo. Da gibt es keinen Spielraum für Spekulationen. In erster Linie stellt sich dabei Sven Mislintat schützend vor den Chefcoach. Der Sportdirektor hat ihm bereits vor der Saison eine Jobgarantie ausgestellt – und daran hat der Verlauf der Rückrunde nichts geändert.

Zwölf Punkte haben die Stuttgarter erst geholt, und nun laufen sie Gefahr, gar den 16. Tabellenplatz im Fernduell an Arminia Bielefeld zu verlieren. Aus diesem Grund wachsen bei immer mehr Fans nach den ängstlichen Auftritten zuletzt bei Hertha BSC (0:2) und gegen den VfL Wolfsburg (1:1) die Zweifel, ob Matarazzo der richtige Mann in dieser prekären Lage ist. Und wie soll das nun am Sonntag (17.30 Uhr) beim FC Bayern werden?

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Dem VfB-Team wird in den Partien beim Meister in München und gegen den 1. FC Köln nicht mehr allzu viel zugetraut. Was zum einen an der schwachen bisherigen Punktausbeute liegt. Zum anderen aber ebenso an der Art und Weise, wie die Elf derzeit jenseits aller Aufstellungen und Taktiken spielt – und für beides zeichnet letztlich Matarazzo verantwortlich. Der Trainer hat es nach einem Zwischenhoch im März nicht geschafft, das junge Team wetterfest zu bekommen, um den Stürmen im April zu trotzen und im Lauf zu bleiben. Im Mai sieht sich Matarazzo nun der Herausforderung gegenüber, den Spielern mit den wackligen Knien fußballerisch auf die Beine zu helfen und ihnen mit seinen Maßnahmen Halt zu geben. Darum ringt der 44-jährige Italoamerikaner mit seinen lösungsorientierten Ansätzen.

Als zu stark analytisch und zu wenig emotional sehen viele Kritiker Matarazzo – an den Stammtischen und in den sozialen Kanälen. Sie lassen sich von den Bildern am Spielfeldrand leiten. Da gibt es Phasen, in denen der Übungsleiter passiv wirkt, aber ebenso Momente, in denen er aktiv in der Coachingzone wirbelt. Je nachdem, wie er von den TV-Kameras in Szene gesetzt wird, entsteht der entsprechende Eindruck. Und je nachdem, ob der VfB gewinnt oder verliert, wird das Tun des Trainers in der Öffentlichkeit davon ausgehend bewertet.

Wie handelt Trainer Pellegrino Matarazzo?

Matarazzo selbst will immer nur das tun, wovon er überzeugt ist, dass es der Mannschaft hilft. Kein Populismus, keine Polemik, vielmehr eine Politik der ruhigen Hand soll den VfB ans Ziel bringen. Und die Chefetage will im Kernbereich Sport endlich Kontinuität Einzug halten lassen. Der SC Freiburg mit dem langjährigen Trainer Christian Streich dient als Vorbild. Nur: Streich ist eine Ausnahmefigur, und die Stuttgarter kommen zudem nicht voran. Schlimmer noch: Sie sind hinter ihren eigenen Erwartungen zurückgeblieben. Wobei sich die Frage stellt, ob der Trainer die Mannschaft – unter zugegeben sehr widrigen Umständen – nicht weiterentwickelt hat oder ob die Qualität der Mannschaft in einer von sportlichen Krisen und vielen Ausfällen geprägten Spielzeit nicht mehr hergegeben hat.

Antworten darauf wollen Matarazzo und Mislintat in einer großen Saisonanalyse finden – nach dem letzten Spiel. Sofern man sie im Abstiegsfall lässt. Klar ist jedoch jetzt schon, dass die Kaderzusammenstellung in ihren Details überdacht werden muss. Lange wurde etwa auf eine Reihe von Talenten gesetzt, die in den vergangenen Wochen keine Rolle mehr gespielt haben. Vom Trainer ins zweite Glied geschoben, weil er die stabilen Wettkämpfer statt die vermeintlichen Schönspieler in seiner Elf haben wollte.

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Nun fehlen Alternativen, um dem Stuttgarter Spiel eine andere Note zu verleihen – qualitativ, nicht quantitativ, als echte Optionen anstelle der teils formschwachen Stammkräfte. Dennoch muss sich der VfB in den verbleibenden Spielen als extrem stressresistent erweisen. Zwei plus zwei Spiele gleich Klassenerhalt lautet dabei die Rechnung des studierten Mathematikers Matarazzo. Oder anders aufgelöst: In München sowie gegen den 1. FC Köln punkten, um die Relegation ohne fremde Hilfe zu erreichen.

„Das sind dann richtige Finalspiele“, sagt Mislintat, „da werden Persönlichkeiten für ihre weiteren Karrieren geschärft.“ Das gilt sowohl für den Trainer Matarazzo als auch für die Stuttgarter Spieler.